Politik

Der Trawniki John Demjanjuk Ein unfreiwillliger Henkersknecht

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Trawniki im Warschauer Ghetto. Das Foto von Jürgen Stroop wurde in einem Bericht an Heinrich Himmler vom Mai 1943 verwendet.

(Foto: Wikipedia/Jürgen Stroop)

Der Prozess gegen den Ukrainer John Demjanjuk hat ein Schlaglicht auf jene Männer geworfen, die von den Deutschen zu Hitlers Hilfswilligen gemacht wurden, die Trawniki. Benannt sind sie nach dem Lager, in dem die meist Kriegsgefangenen dafür ausgebildet wurden, den Deutschen beim Völkermord zur Hand zu gehen. Die Historikerin Angelika Benz promoviert über die Trawniki. Sie beklagt im Interview mit n-tv.de, im Prozess habe das tödliche Dilemma, in dem Demjanjuk steckte, kaum eine Rolle gespielt.

n-tv.de: Wer waren die Trawniki?

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Demjanjuks Trawniki-Ausweis.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Angelika Benz: Es ist leider ein großes Problem, dass Trawniki immer noch ein relativ unerforschtes Gebiet sind. Deshalb werden sie immer als Kollektiv wahrgenommen, sie werden oft einfach nur als die Hilfswilligen oder die Ukrainer bezeichnet. Aber es waren insgesamt 26 Nationalitäten, und es waren auch nicht nur Freiwillige dabei. Es gibt tatsächlich Freiwillige, zum Beispiel hat sich eine größere Gruppe Ukrainer freiwillig zum Dienst gemeldet. Aber die Gruppe um John Demjanjuk, das sind sowjetische Kriegsgefangene. Die sind aus den Gefangenenlagern für sowjetische Kriegsgefangene rekrutiert worden. In diesen Lagern lag die Sterblichkeitsrate bei über 50 Prozent. Das erklärte Ziel der Nazis war, diese "rassisch unerwünschten Menschen" weder durchzufüttern noch zur Arbeit einzusetzen. Auch im ideologischen Rassensystem sind die Kriegsgefangenen ganz klar in der Opferrolle. Als man merkte, man braucht Hilfskräfte, wurden die Trawniki aus diesen Lagern heraus rekrutiert. Damit bot sich ihnen die Möglichkeit, aus diesen Lagern zu entkommen.

Welche Ausbildung haben die Trawniki bekommen?

Es gab theoretische und praktische Teile, zur Theorie gehörte die deutsche Sprache, wobei sich das hauptsächlich auf Kommandobegriffe beschränkte. Es gibt auch Überlieferungen, dass deutsches Liedgut zum Marschieren gelernt wurde. Es ist allerdings schwer zu rekonstruieren, ob es auch ideologische Schulungen gab. Zum praktischen Teil gehörten die Ausbildung an der Waffe, also die Waffe auseinander- und wieder zusammenbauen, dann marschieren und Gefangentransporte eskortieren. Es  gab auch Übungen, bei denen sie in ein benachbartes Dorf gefahren sind, um es zu umstellen und die jüdischen Einwohner zu deportieren.

Die Trawniki mussten ein Treueversprechen ablegen und wurden auf sehr geringem Niveau entlohnt. Sind sie damit aus Ihrer Sicht schon Teil der Tätergruppe geworden?

Da muss man sicher von Trawniki zu Trawniki unterscheiden. Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die Trawniki mehr als nur unter Zwang eingesetzte Menschen waren. Man hätte sonst beispielweise kaum Trawniki bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt, weil die Gefahr des Überlaufens ja viel zu groß gewesen wäre. Aber sie wurden zu allen Zeiten unter Bewachung eingesetzt. Andererseits wurden Trawniki auch mit allen militärischen Ehren beigesetzt. Das ist schon etwas, was dafür spricht, dass sie zum Teil sehr weit integriert waren. Das bezieht sich dann meist auf die "volksdeutschen" Unterführer, auch da merkt man wieder das System der Unterteiltheit. Alle Deutschstämmigen und Deutschsprachigen sind wesentlich besser behandelt worden. Die hatten leichter die Möglichkeit, Urlaub zu machen, zu ihren Familien nach Hause zu fahren, deren Familien konnten Ersatzleistungen bekommen, weil ja die männliche Arbeitskraft auf dem Hof fehlte. Diese Gruppe ist sicher wesentlich weiter integriert als der normale Trawniki, der diese Vergünstigungen nicht hatte und sich auch der Täter-Gruppe weniger zugehörig gefühlt hat.

John Demjanjuk war ein Traktorist aus der Ukraine, der in der Roten Armee kämpfte, bis er gefangen genommen und Trawniki wurde. Glauben Sie, dass er sich die Ideologie der Nazis zu eigen gemacht hat?

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Demjanjuk nach der Urteilsverkündung.

(Foto: dapd)

Es gibt oft die Vermutung, dass viele dieser "fremdvölkischen Hilfswilligen" selber aus antisemitischem Hintergrund kommen oder aus Gebieten, wo Antisemitismus vorherrschte. Ich glaube nicht, dass das automatisch reicht, um zu sagen, dass die sich dann dort wohlfühlen. Selbst wenn jemand mit Vorurteilen gegen Juden kommt, heißt das nicht automatisch, dass man Gefallen daran findet, in einem Vernichtungslager diese Menschen umzubringen. Diese einfachen Rotarmisten, also Jungs oder junge Männer von 17 bis 21, 22 Jahren, kamen ja zum Zeitpunkt der Rekrutierung aus dem Krieg und machten nun die Erfahrung, die Deutschen lassen uns hier verrecken. Ich glaube nicht, dass die sich in der Ausbildung und später im Einsatz der SS verbunden gefühlt haben. Dafür waren die Demütigung und das Absprechen des lebenswerten Status' vorher zu groß. Aber viele Trawniki wurden bei den Gettoräumungen eingesetzt und bei den Deportationen. Sie kamen gerade aus einer Situation kurz vor dem Tod, und nun liefen sie durch die Gettos und trieben die Juden zusammen und konnten Geld, Wertgegenstände und Essen für sich einsammeln. Das empfanden sie wahrscheinlich als Verbesserung ihrer Lage, aber dass sie sich mit der SS gemein gefühlt haben, halte ich für unwahrscheinlich.

Demjanjuk ist immer wieder vorgeworfen worden, er hätte desertieren können. Dass er das nicht getan hat, sei als Beweis zu werten, dass er sich willig hat einspannen lassen. Wie bewerten Sie diese Argumentation?

Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz ist. Natürlich gab es viele Fluchten, aber Flucht ist eben auch nicht gleich Flucht. Aus den Vernichtungslagern zu fliehen, war weit schwieriger, als von einem SS-Gut zu fliehen, das man bewachen musste. Die Vernichtungslager lagen sehr isoliert, es sagt sich leicht, es war nicht weit zum Wald und bis zur Grenze und man hätte sich den Partisanen anschließen können. Aber es gab immer wieder Fälle von Trawniki, die geflohen sind und wieder aufgegriffen wurden. Die sind dann erschossen worden oder erhängt, und zwar immer vor den Augen aller anderen. Wer das gesehen hat, überlegt sich seine Fluchtpläne dreimal. Im Demjanjuk-Prozess war von 25 Peitschenhieben als Strafe für Flucht die Rede. Das war meines Wissens die Strafe für Trawniki, die geflohen waren oder einfach aus dem Urlaub nicht zurückkehrten und sich dann aber doch wieder freiwillig zurückgemeldet haben. Wer ergriffen wurde, wurde erschossen. Und dann muss man sich 25 Peitschenhiebe nicht wie Rohrstockschläge vorstellen, sondern das war eine grausame Strafe, nach der die Menschen auch oft gestorben sind.

Die Nebenkläger, oft Angehörige von Menschen, die in Sobibor umgebracht wurden, waren extrem frustriert darüber, dass sich Demjanjuk nicht zu seiner Rolle und seinem Schicksal geäußert hat.

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Angelika Benz promoviert über Trawniki und die juristische Aufarbeitung ihrer Taten. Ihr Buch "Der Henkersknecht" ist im Metropol-Verlag erschienen.

(Foto: Angelika Benz/privat)

Das wäre natürlich wirklich sehr wichtig gewesen. Fast alle Quellen, die wir darüber haben, sind von  Selbstschutz durchzogen. Es wäre natürlich ein großer Schatz für die Wissenschaft und die Gesellschaft, wenn er erzählt hätte, wie es wirklich war. Weil er jemand ist, der es erlebt hat und sagen könnte, wie es war und wie es lief. Wir haben davon nur einzelne Puzzlestücke und bekommen das ganze Bild nur mühsam zusammen. Für die Nebenkläger wäre es auch der Respekt und die Anerkennung gewesen, dass das und wie das passiert ist. Das ist sehr schmerzhaft, dass das nicht passiert ist.      

Warum konnte Demjanjuk das nicht?

Demjanjuk kann nur nach Amerika zurückkehren, wenn bestätigt wird, dass er nie in Sobibor war. Für ihn hatte die Verteidigung also nur Sinn, wenn er zu seiner Familie zurück kann.  Damit kann er das nicht zugeben und also auch nicht davon erzählen. Das andere ist, dass er wie viele andere Trawniki-Männer seine Identität verloren hat. Dadurch, dass sie in Kriegsgefangenschaft geraten sind, sind sie für die Sowjetunion gestorben, sie gelten als Vaterlandsverräter, weil man sich nicht in Gefangenschaft begibt. Dann sind sie von den Nazis zu Mitwissern und Mittätern gemacht worden, und nach dem Krieg wussten sie auch nicht wohin. Deshalb hatte er diese Lebenslüge aufgebaut, er hat nie davon erzählt. Ich bin nicht sicher, ob seine Familie überhaupt irgendetwas davon weiß. Er hat jetzt erwachsene Kinder und Enkelkinder, nun zu sagen, ich war das doch, ist sehr schwer. Das entschuldigt ihn nicht, aber man muss das mit berücksichtigen.

Ist aus Ihrer Sicht eine juristische Aufarbeitung der Taten der Trawniki möglich?

Wenn ein Verbrechen geschehen ist und man weiß, wer daran beteiligt war, muss es einen Prozess geben. Das ist schon eine Frage des Respekts gegenüber den Opfern. Aber im Urteil und beim Strafmaß muss man wirklich gut prüfen, wie es zu diesen Taten gekommen ist. Da ist dann vielleicht im Einzelfall auch eine Verurteilung nicht möglich. Der fade Beigeschmack am Demjanjuk-Prozess ist, dass es sicher auch noch deutsche Täter im gleichen Alter gegeben hätte, deren Prozesse noch nicht angestrengt worden sind. Natürlich ist es richtig, dass es diesem Prozess gegeben hat, aber man hätte sich vielleicht im Vorfeld überlegen sollen, wen man dann alles noch mit anklagt.

Sind Sie zu neuen Erkenntnissen gekommen?

Nein, es ist eher so, dass das, was im Prozess über Trawniki gesagt wurde, hinter dem derzeitigen Forschungsstand zurückbleibt. Es hat mir aber insofern etwas gebracht, weil ich viele Gerichtsakten über Prozesse gegen Trawniki oder deren Vorgesetzte gelesen habe. Oft habe ich mich gewundert, warum Fragen nicht gestellt wurden oder nicht verstanden, wie das so abläuft. Nachdem ich zwei Jahre lang fast jeden Verhandlungstag mitverfolgt habe, sehe ich jetzt besser, wo die Schwierigkeiten einer juristischen Aufarbeitung liegen.

Mit Angelika Benz sprach Solveig Bach

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Quelle: ntv.de