Politik
Dienstag, 12. Oktober 2010

Den Briten viel zugemutet: "Eiserne Lady" wird 85

Von Wolfram Neidhard

Margaret Thatcher bestimmte die britische Politik der 1980er Jahre. Sie ist bislang die einzige Frau, die in Number 10 Downing Street einzog. Elfeinhalb Jahre war Thatcher Premierministerin – eine Zeit, die Großbritannien stark verändern sollte.

Margaret Thatcher zeigte Helmut Schmidt gleich zu Beginn ihrer Amtszeit, wo es bei ihr lang geht (Archivbild vom 18.11.1981).
Margaret Thatcher zeigte Helmut Schmidt gleich zu Beginn ihrer Amtszeit, wo es bei ihr lang geht (Archivbild vom 18.11.1981).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Es wurde in diesem Land behauptet, dass die Gemeinschaft mit mir und meiner Regierung 'leichtes Spiel' haben würde. Herr Bundeskanzler, falls dieses Gerücht Ihnen zu Ohren gekommen sein sollte …, dann muss ich Ihnen fairerweise jetzt schon den Rat geben, dem keine Bedeutung beizumessen. Ich habe die Absicht, die britischen Interessen … resolut zu verteidigen." Helmut Schmidt verstand, mit wem er es in London zu tun hat. Die neue britische Premierministerin Margaret Thatcher machte dem deutschen Regierungschef am 10. Mai 1979 mehr als deutlich klar, wie sich die Regierung Ihrer Majestät in Zukunft gegenüber den europäischen Partnern verhalten wird. Der SPD-Kanzler wird nachdenklich zurück nach Bonn geflogen sein.

Großbritannien hatte gerade gewählt, und die Labour Party von Premier James Callaghan eine schwere Niederlage erlitten. Die Regierungsmacht fiel den Konservativen und ihrer 53-jährigen Parteichefin Margaret Thatcher wie eine überreife Frucht regelrecht vor die Füße. Die nächsten elfeinhalb Jahre sollten das Vereinigte Königreich grundlegend verändern. Thatcher – am 13. Oktober 1925 als Margaret Hilda Roberts geboren - leitete bis Ende 1990 die Geschicke Großbritanniens. Sie, die als "Eiserne Lady" Eingang in die Geschichtsbücher fand, sorgte in den europäischen Hauptstädten des Öfteren für Kopfschütteln, Verärgerung – aber auch stillschweigende Bewunderung.

Thatcher (2.v.r.) mit ihrem Ehemann Dennis (2.v.l.) und ihren Zwillingen Carol (l.) und Marc (r.) im Garten des Scotney Schlosses in Kent (Archivbild vom März 1979).
Thatcher (2.v.r.) mit ihrem Ehemann Dennis (2.v.l.) und ihren Zwillingen Carol (l.) und Marc (r.) im Garten des Scotney Schlosses in Kent (Archivbild vom März 1979).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Vor der Krämerstochter aus Grantham/Lincolnshire standen Herausforderungen, die ungleich größer waren als die Erfindung des Softeises, an der sie – eine studierte Chemikerin - Anfang der 1950er Jahre mitgewirkt hatte. Großbritannien war ökonomisch und politisch von der ersten in die zweite Reihe zurückgefallen. Eine Streikwelle nach der anderen überrollte das Land, das sich in einer tiefen Krise befand.

Sieg gegen die Bergarbeiter

Thatcher packte die Probleme an – und wie! Inflationsbekämpfung und Deregulierung wurden die Schlagwörter auf der Insel. Kurzum: Es durfte nur so viel Geld ausgegeben werden wie auch eingenommen wurde. Ohne Rücksicht auf Verluste wurden unter Thatcher Staatsbetriebe sowie auch lokale Versorgungsunternehmen privatisiert und Einschnitte ins soziale Netz vollzogen. Abertausende Jobs fielen diesen Maßnahmen zum Opfer. Die Arbeitslosenquote stieg in der ersten Legislaturperiode der Regierung Thatcher. Dazu kam, dass Thatcher – im Gegensatz zum damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan - auf eine exzessive Erhöhung der Staatsausgaben verzichtete. Die Krise sorgte auch dafür, dass Thatcher bis 1987 auf Steuersenkungen verzichtete. Es waren also viele Kröten, die die Briten zu schlucken hatten. Dennoch gewann Thatcher 1983 die Unterhauswahlen.

Sie fuhr einen eisernen Sparkurs und zog damit als "Eiserne Lady" in die Geschichtsbücher ein (Archivbild vom 22. Mai 1985).
Sie fuhr einen eisernen Sparkurs und zog damit als "Eiserne Lady" in die Geschichtsbücher ein (Archivbild vom 22. Mai 1985).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wer gedacht hat, die Dame würde nun Ruhe geben, wurde schnell eines Besseren belehrt. Die Schließung beziehungsweise Privatisierung von Zechen führte im März 1984 zu einem Streik der Bergarbeiter. Zwei Personen beherrschten die Nachrichten: Thatcher und ihr Widersacher, der Chef der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), Arthur Scargill. Ein Jahr später stand Thatcher als Siegerin da.

Die NUM war finanziell fast ruiniert; ihre Niederlage schmälerte die Bedeutung der britischen Gewerkschaften insgesamt. Thatcher stand innenpolitisch im Zenit ihrer Macht. Weitere Reformen folgten: In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wurde die Finanzwirtschaft liberalisiert. In der Londoner City wurde nun noch kräftiger gezockt – das Ergebnis ist bekannt. Die Mehrheit der Briten war zu dieser Zeit nicht unzufrieden, denn es gab wieder mehr Arbeit.

"I want my money back"

Verstanden sich politisch sehr gut: Ronald Reagan und Margaret Thatcher (Archivbild von Juli 1981).
Verstanden sich politisch sehr gut: Ronald Reagan und Margaret Thatcher (Archivbild von Juli 1981).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Außenpolitisch war Großbritannien unter Thatcher schwierig, aber berechenbar. Zwischen der "Eisernen Lady" und ihrem US-Kollegen Ronald Reagan stimmte die Chemie – vor allem nach der logistischen Unterstützung der US-Amerikaner für die britischen Truppen im gewonnenen Falkland-Krieg gegen Argentinien 1982. Zu ihrem Freundeskreis zählte Thatcher auch Chiles Diktator Augusto Pinochet. Das war’s dann aber auch schon. Bewunderung empfand sie für den starken Mann der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Thatcher machte aus ihrem strikten Antikommunismus nie einen Hehl. Sie sah aber in Gorbatschow einen Mann, mit dem man "Geschäfte machen kann". Sie sollte in dieser Frage Recht behalten.

Helmut Kohl war von seiner britischen Amtskollegin wenig begeistert (Archivbild vom 29.10.1982).
Helmut Kohl war von seiner britischen Amtskollegin wenig begeistert (Archivbild vom 29.10.1982).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ihre europäischen Kollegen nervte sie dagegen gewaltig. "I want my money back", tobte sie 1984 und fuchtelte mit der Handtasche herum. Thatcher erreichte den Britenrabatt bei der Finanzierung der EG - jetzt EU. Bis heute sorgt dieser bei fast jedem Gipfel für Ärger. Helmut Kohl ("Mein Gott, dieser Mann ist so deutsch!") soll einmal über Thatcher gesagt haben, er meide sie "wie der Teufel das Weihwasser". An Frankreichs Staatschef Francois Mitterrand störte Thatcher dessen Nähe und angebliche Wankelmütigkeit gegenüber den Deutschen. Sie versuchte gegenüber Frankreich und Deutschland die alte britische Balance-of-Power-Politik – vergebens. Thatchers äußerst destruktive Haltung in der Frage der deutschen Wiedervereinigung ("Zwei Mal haben wir sie geschlagen. Nun sind sie wieder da.") verfehlte ihr Ziel, weil Reagan-Nachfolger George Bush sie im Regen stehen ließ.

Thatchers unnachgiebige Haltung in der europäischen Frage, aber auch ihr zunehmender Starrsinn in der Innenpolitik sollte 1990 ihr politisches Ende befördern. Bei den Konservativen setzte sich die Meinung durch, dass man mit Thatcher die nächsten Wahlen verlieren würde. Mit Geoffrey Howe ging ihr der letzte langjährige Parteifreund von der Fahne. Nach drei gewonnenen Wahlen war im 22. November 1990 Schluss – Rücktritt, erreicht von den eigenen Leuten. Unvergesslich war Thatchers Auszug aus Number 10 Downing Street – verbittert und enttäuscht.

Alt und krank

Heute ist Thatcher gesundheitlich sehr angeschlagen (Archivbild vom 29.06.2009).
Heute ist Thatcher gesundheitlich sehr angeschlagen (Archivbild vom 29.06.2009).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Sie war nun nicht mehr wichtig. Als Baroness Thatcher of Kesteven fristete sie ihr Dasein unter vielen Blaublütern im Oberhaus. Die Tories entfernten sich immer mehr von ihr. 1997 verloren sie auch noch die von Thatcher eroberte Macht wieder an die Labour Party. "Maggies" Meinung war so gut wie nicht mehr gefragt. Mehrere Schlaganfälle schränkten Thatchers Aktionsradius drastisch ein. Sie ist eine alte, kranke Frau. Tochter Carol erklärte öffentlich, dass ihre Mutter an Demenz leide.

An ihrem 85. Geburtstag steht Margaret Thatcher wieder im Rampenlicht. In erneut schwierigen Zeiten kommt sie noch einmal in die Downing Street. Das Treffen der ehemaligen Premierministerin mit dem derzeitigen Regierungschef David Cameron hat auch symbolischen Charakter: Thatchers politischer Enkel muss auch sparen. Seine Kürzungen sind sogar noch umfangreicher als die seiner Vorgängerin.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen