Politik

Machtprobe in Istanbul Erdogan verteidigt den Taksim

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Demonstranten greifen die Barrieren an. Die Polizei verschießt Tränengas und Wasser.

(Foto: dpa)

Die Opposition will den 1. Mai in Istanbul nutzen, um die Proteste auf dem Taksim-Platz wiederzubeleben. Doch Premier Erdogan hat aufgerüstet: Die Polizei setzt Stahlwände ein, die automatisch Tränengas versprühen können.

Der Istanbuler Taksim-Platz wirkt am Morgen des 1. Mai, als hätte würde es in dieser Stadt nur Polizisten geben. Schon Hunderte Meter vor dem Platz beginnen die Reihen der Absperrgitter. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits vor Tagen deutlich gemacht, dass er gar nicht daran denkt, den symbolträchtigen Platz am 1. Mai seinen Gegnern zu überlassen. Der Tag wird zu einer Machtdemonstration Erdogans – der dafür Teile der Innenstadt komplett sperren lässt.

Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu hatte den Demonstranten einen Versammlungsort außerhalb des Stadtzentrums angeboten. Er begründete das Demonstrationsverbot auf dem Taksim mit angeblichen Geheimdiensthinweisen, wonach Terrorgruppen dort am Maifeiertag Polizisten angreifen wollten.

Familie fliehen aus ihren Häusern

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Zum 1. Mai sollte die erste große Demonstration auf dem Taksim-Platz seit Monaten stattfinden.

(Foto: dpa)

Sicherheitshalber lässt Mutlu den öffentlichen Nahverkehr in der Umgebung des Platzes lahmlegen: Bosporus-Fähranleger, von denen aus der Taksim zu Fuß erreichbar ist, werden geschlossen. Haltestellen der Metro, der Busse und der Straßenbahnen werden nicht angefahren. Pendler, die am Feiertag arbeiten müssen, sind aufgebracht. Trotz der Gefahr – die türkische Polizei ist nicht für sanftes Zupacken bekannt – und trotz der widrigen Umstände versammeln sich am Vormittag in mehreren Vierteln zumindest Gruppen von Demonstranten. Ihnen stehen Medienberichten zufolge 40.000 Polizisten in Istanbul gegenüber, von denen knapp die Hälfte den Taksim abriegelt.

Die Szenen, die dann folgen, gleichen denen der Proteste vom vergangenen Sommer: Die Polizei schießt mit Tränengasgranaten und setzt Wasserwerfer ein. Demonstranten greifen Sicherheitskräfte mit Pflastersteinen, Feuerwerkskörpern und sogar Molotowcocktails an. Im Viertel Besiktas ist so viel Tränengas in der Luft, dass Anwohner mit weinenden Kindern auf den Armen aus ihren Häusern fliehen. Erstmals setzt die Polizei mobile Stahlwände ein, die etwa 2,50 Meter hoch sind – und die nach Medienberichten automatisch Tränengas versprühen können, sollten Demonstranten versuchen, sie wegzuschieben.

Ein paar Dutzend Demonstranten gelangen bis einige hundert Meter vor den Taksim, bis sie in die Flucht geschlagen werden. Ein einzelner Demonstrant rennt auf den Platz zu und ruft "Taksim gehört uns allen" – dann wird er von der Polizei überwältigt und abgeführt.

Proteste müssen Erdogan nicht beunruhigen

Die Absperrungen halten zwar Proteste fern, sie sorgen allerdings auch für Unmut bei Anwohnern und Touristen. Reisende versuchen verzweifelt, zu den Flughafenbussen zu gelangen, die normalerweise in der Nähe des Taksim abfahren. Da die umliegenden Straßen gesperrt sind, gibt es auch keine Taxis. Die kilometerlange Fußgängerzone Istiklal Caddesi, die vom Taksim abgeht und die an Feiertagen normalerweise brummt, ist ebenfalls abgeriegelt. Ratlos stehen Touristen mit Rollkoffern vor den Absperrungen. André Selle und seine Freundin sind am Donnerstag in Istanbul gelandet und erst nach einer Odyssee in ihrem Hotel nahe der Istiklal Caddesi angekommen. "Wir mussten kämpfen, um hierhin zu kommen", sagt der erschöpfte 33-jährige Tourist aus Münster. "Alle Straßen waren gesperrt. Wir mussten ein Taxi nehmen, dann aussteigen, ein anderes Taxi nehmen und dann laufen. Wir mussten die Polizei anbetteln, uns durch die Absperrungen zu lassen. Wir sind zwei Stunden gelaufen."

Den Unmut bei Touristen und Teilen des Volkes wird Erdogan verschmerzen können. Er hatte die Kommunalwahlen Ende März zu einem Referendum über seine Politik umgemünzt, seine AKP gewann haushoch. Die Opposition im Parlament und außerhalb ist seitdem demoralisiert. Auch den 1. Mai dürfte Erdogan als Triumph werten: Nach dem Willen seiner Gegner sollten die Demonstrationen die ersten großen Proteste in Istanbul seit dem AKP-Sieg werden. Doch trotz Mobilisierung durch Gewerkschaften, linke Gruppen und die größte Oppositionspartei CHP blieben die Massen fern.

Am Nachmittag sieht es so aus, als sei es der Polizei gelungen, die Proteste zu zerschlagen. Polizisten haben Gasmasken und Helme abgelegt und trinken Tee, einige von ihnen ruhen sich im Gezi-Park neben dem Taksim-Platz in der Sonne aus. Der Demonstrant Keman Cetter in Besiktas sagt: "Wir wollten von unserem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen, aber die Regierung lässt das nicht zu." Enttäuscht streicht der 26-Jährige die Segel – und geht nach Hause.

Quelle: n-tv.de, Von Can Merey, dpa

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