Politik

Versöhnung und Verbitterung Familienfest mit Kohl

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Applaus für den Kanzler der Einheit.

(Foto: dapd)

Die CDU feiert den 20. Jahrestag ihrer Vereinigung wie ein Familientreffen: Man sieht sich die alten Bilder an, das Oberhaupt schreibt der jungen Generation Mahnungen ins Stammbuch, die übt sich in Selbstbewusstsein und das Schwarze Schaf wird nicht vermisst. Alles wie immer? Nicht ganz: Helmut Kohl reicht Wolfgang Schäuble die Hand.

Draußen wird demonstriert. "Junge Union dankt für die Einheit" und "Unser Idol - Helmut Kohl". Drinnen wird gefeiert. Genau vor 20 Jahren fand der Vereinigungsparteitag von CDU West und Ost statt. Der Altkanzler zieht in den Saal am Berliner Funkturm ein, zusammen mit seiner Frau und der Bundeskanzlerin. Rhythmischer Applaus, aber keine "Helmut Helmut"-Rufe. Die Stimmung ist nicht danach.

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Bundeskanzlerin Merkel bedankt sich bei Altkanzler Kohl. Links im Bild Kohls Frau Maike Kohl-Richter.

(Foto: dapd)

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe begrüßt "den Kanzler der Einheit, den Ehrenbürger Europas und unseren" - er stockt - "langjährigen Vorsitzenden". Ehrenvorsitzender der CDU ist Kohl seit 10 Jahren nicht mehr. Familientreffen können heikel sein. Gröhe begrüßt auch den Bundestagspräsidenten, den Unionsfraktionsvorsitzenden, weitere Politiker und Würdenträger. Die Liste ist lang. Ein Name fehlt. Lothar de Maizière ist nicht gekommen.

Atemnot und Unrechtsstaat

Vor 20 Jahren war de Maizière Ministerpräsident der DDR und immerhin Vorsitzender der Ost-CDU. Erst vor wenigen Tagen stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Berliner Buchhandlung sein neues Buch vor. "Du haderst mit der Politik von Helmut Kohl", sagte sie dabei. So ganz stimmt das nicht: Es ist Kohl selbst, mit dem de Maizière hadert. Das Verhältnis der beiden war schon 1990 nicht ungetrübt. Atemnot habe ihn stets in Kohls Gegenwart gepackt, bekannte er einmal. Sein Urteil vom vergangenen August, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, dürfte neben den altbekannten und von de Maizière bestrittenen Stasi-Vorwürfen ein weiterer Grund gewesen sein, bei dieser Feier auf den Vertreter der Ost-Verwandtschaft zu verzichten.

Kohl scheint ihn nicht zu vermissen, er erwähnt ihn mit keinem Wort. Das muss er nicht, alle wissen, dass Kohl de Maizière für einen "verbitterten Menschen" hält, "der in der Bundesrepublik Deutschland nie angekommen" ist. Er hat dies gerade erst der "Bild"-Zeitung gesagt, deren Chefredakteur jetzt hinter ihm sitzt.

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(Foto: REUTERS)

Nach einem kurzen Film über den Vereinigungsparteitag wird Kohl auf die Bühne geschoben. Der Mann, der es schaffte, die Welt davon zu überzeugen, dass ein vereintes Deutschland keine Gefahr darstellen wird, sitzt heute im Rollstuhl. Er wirkt gebrechlich, die physische Präsenz, mit der er nicht nur de Maizière verunsicherte, ist dahin. Kohl nutzt die Gelegenheit, seiner Partei Grundsätzliches ins Stammbuch zu schreiben. Seine zentrale Botschaft sagt er gleich zwei Mal: "Die CDU Deutschlands ist kein Auslaufmodell, die CDU ist ein Zukunftsmodell". Und weiter: "Lassen wir uns doch um Gottes Willen nicht einreden, dass konservativ und fortschrittlich Gegensätze sind. Das Gegenteil ist wahr: Konservativ und fortschrittlich sind zwei Seiten einer Medaille."

Mahnungen an Merkel

Auch die Gegner von einst sind nicht vergessen. SPD und Grüne hätten vor 20 Jahren "in historischer Stunde kläglich versagt". Wichtiger jedoch sind Kohl andere Botschaften, die sich unmissverständlich an Merkel richten: "Nachdem wir die deutsche Einheit erreicht haben, müssen wir auch in Europa weiter vorangehen." Kohls Rede war zuvor an die Journalisten verteilt worden. Das ist hilfreich, weil der gesundheitlich angeschlagene Altkanzler mitunter schwer zu verstehen ist. Auch bei der Interpretation hilft die schriftliche Fassung: Eine Passage über Griechenland bleibt ungesagt - die Kritik an Merkel ist auch so deutlich genug.

Und es bleibt nicht bei Europa: "Nach allem, was ich höre und was ich lese, kann ich nicht sehen, dass die Wehrpflicht nicht mehr möglich sein soll - wenn man sie will!" Die CDU müsse noch "gründlich diskutieren", bevor eine endgültige Entscheidung getroffen werde - die allerdings ist längst gefallen.

Am Ende seiner Rede würdigt Kohl Finanzminister Wolfgang Schäuble, 1990 Innenminister, derzeit im Krankenhaus. Schäuble habe "mehr Einsatz" gezeigt als viele andere, so Kohl. Das Verhältnis der beiden ist seit der Spendenaffäre zerrüttet - umso bemerkenswerter, dass Kohl ihn "unseren Freund" nennt und ihm "mit großer Herzlichkeit" einen Gruß schickt. Er reicht ihm die Hand zur Versöhnung.

"Mutti" steht im Schatten

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Das Verhältnis ist nicht ungetrübt - Kohl hat offenbar einiges an Merkel auszusetzen.

(Foto: REUTERS)

Nach Kohl spricht Merkel. Sie nennt die DDR gleich zu Beginn ausdrücklich einen Unrechtsstaat - und bricht dann das Tabu. Ausführlich würdigt sie de Maizière, bindet ihn ein in die christdemokratische Familie. Sich selbst stellt sie in die Tradition der CDU-Kanzler: Jede Generation habe ihre Herausforderungen zu bestehen gehabt, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard den Neuanfang und Wiederaufbau, Helmut Kohl die deutsche Einheit und die europäische Einigung.

"Die heutige Generation hat Politik in Zeiten der Globalisierung zu gestalten und derzeit die größte Wirtschaftskrise nach dem Krieg zu bewältigen", sagt Merkel. Sie war mal Kohls "Mädchen", in der Unionsfraktion nennt man sie heute "Mutti". Sie hat einst Helmut Kohl entsorgt, seine Spendenaffäre bewältigt und die CDU modernisiert. Das sind ihre Leistungen als Parteichefin. Der Krise zum Trotz: Als Kanzlerin hat sie Vergleichbares bislang nicht zu bieten. Die Mitglieder der Jungen Union am Rande des Saales klatschen bei ihr längst nicht so laut wie beim Kanzler der Einheit. Selbst sitzend wirft Kohl einen größeren Schatten als Merkel.

Quelle: ntv.de