Politik

Gewaltverzicht oder Kampf mit allen Mitteln? Fatah vor Richtungsentscheidung

An der Wand hinter dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas hängt ein Bild von einem jungen Mann, der eine Waffe auf der Schulter trägt. "Widerstand ist ein Recht unseres Volkes", lautet die Überschrift des Posters. Es ist symbolisch für eine der Schlüsselfragen, mit der Abbas' Fatah-Organisation sich auf ihrem ersten Parteitag seit 20 Jahren in Bethlehem auseinandersetzen muss: Die größte politische Bewegung der Palästinenser muss entscheiden, ob sie den Kampf gegen die israelische Besatzung mit friedlichen Mitteln austragen oder wieder verstärkt auf den bewaffneten Kampf setzen will.

Arafat.jpg

Die Fatah zwischen kämpferischen Wurzeln und Kompromissbereitschaft: ein Anhänger trägt eine Maske mit den Konterfeis von Arafat (links) und Abbas (rechts).

(Foto: REUTERS)

Die eher gemäßigt auftretende Fatah ist neben der radikal-islamischen Hamas eine der beiden bestimmenden politischen Kräfte innerhalb der palästinensischen Autonomiegebiete. Erklärtes Ziel der 1958 gegründeten Partei ist die Errichtung eines unabhängigen Palästinenserstaates mit vollständigen Souveränitätsrechten. Innerhalb der von Israel als Verhandlungspartner akzeptierten Dachorganisation PLO ist die Fatah die stärkste Fraktion.

Bis zu seinem Tod 2004 prägte Gründer Jassir Arafat das Bild der Partei. Unter seinem Nachfolger Mahmud Abbas hat sich ein verstärkter Machtkampf mit der verfeindeten Hamas um die Vorreiterrolle in den Autonomiegebieten im Nahen Osten entwickelt, der durch blutige Auseinandersetzungen gekennzeichnet ist.

Bei den Parlamentswahlen 2006 verlor die Fatah ihre Mehrheit an die Hamas. Versuche, eine funktionierende palästinensische Einheitsregierung zu bilden, scheiterten. Resultat war die faktische Spaltung der Autonomiegebiete: Nach dem Verlust des Gazastreifens an die Hamas (2007) kontrolliert die Fatah inzwischen nur noch das Westjordanland.

Junge Generation drängt nach

Die jüngeren, radikaleren Mitglieder der 1958 gegründeten Organisation, die in letzten Jahren herbe Rückschläge einstecken musste, fordern eine innere Erneuerung und wollen die alte Garde um Abbas ablösen. Sie wollen eine Rückkehr zu den kämpferischen Ursprüngen von Fatah, die 1965 erste Guerilla-Angriffe auf Israel begonnen hatte.

"Das Wort Widerstand wird niemals aus unserem Programm gestrichen werden", sagte der führende Fatah-Delegierte Kadura Faris, der sich um einen Sitz im Zentralkomitee bemüht. Der heute 47-Jährige - Mitglied der jüngeren Riege von Fatah - saß im israelischen Gefängnis, als der letzte Parteitag vor 20 Jahren stattfand. Nach den Friedensvereinbarungen mit Israel und den ersten palästinensischen Wahlen 1996 war er Parlamentsmitglied, bis Fatah im Januar 2006 wegen schwerer Korruptionsvorwürfe die Wahlen gegen die radikal-islamische Hamas verlor.

"Ich habe mein ganzes Leben für Fatah gekämpft, und jetzt ist es an der Zeit, dass Fatah meine Opfer honoriert, sagte er. Er drückt dabei das Gefühl vieler der jüngeren Fatah-Mitglieder aus, die wegen ihres gewaltsamen Kampfs gegen die israelische Besatzung Jahre in Haft verbracht haben und jetzt Schlüsselpositionen im Zentralkomitee und Revolutionsrat fordern. Seit dem letzten Parteitag in Algier im Jahre 1989 hatte es keine Wahlen mehr für diese Organe gegeben.

Abbas weiter für Verhandlungen

Abbas führt das gemäßigtere Lager an, das eine umfassende Friedensregelung mit Israel anstrebt. Er bekräftigt das Recht auf Widerstand, meint damit jedoch Demonstrationen und gewaltlose Proteste, nicht Anschläge. Dem 74-jährigen Präsidenten wird jedoch vorgeworfen, er sei schwach und habe mit seinen Positionen keine echten Fortschritte für das palästinensische Volk sichern können.

Der dramatische Machtverlust der Fatah-Bewegung in den letzten Jahren, der mit der Wahlniederlage gegen Hamas begann, ist einer der Gründe für die Forderung nach innerer Erneuerung. Abbas bezeichnete die Hamas-Führung während seiner zweistündigen Ansprache als "düstere Menschen" und "Umstürzler", weil sie Fatah vor zwei Jahren gewaltsam aus dem Gazstreifen vertrieben hatte. Gleichzeitig beschwor er jedoch im Terra Sancta-Gebäude nahe der Geburtskirche den innerpalästinensischen Dialog und die nationale Versöhnung der rivalisierenden Fraktionen.

Abbas betonte, der vor knapp zwei Jahrzehnten begonnene Friedensprozess mit Israel sei kein Fehler gewesen. Es habe viele Rückschläge gegeben, für die vor allem Israel verantwortlich sei. "Aber wir gehen trotzdem weiter auf dem Pfad des Friedens", sagte er. "Solange es einen Funken Hoffnung für unser Volk gibt, müssen wir die Verhandlungen fortsetzen."

Quelle: n-tv.de, Maher Abukhater und Sara Lemel, dpa

Mehr zum Thema