Politik

Flüchtlingsdrama vor Lampedusa Fischer beschuldigt Küstenwache

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Lampedusa, die größte der Pelagischen Inseln, liegt zwischen Sizilien und Tunesien.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als das Schiff mit den Flüchtlingen vor Lampedusa kentert, ist Marcello Nizza nicht weit. Mit seinem Boot birgt der Fischer 47 Afrikaner. Nun erhebt Nizza heftige Vorwürfe gegen die Küstenwache. "Ich hätte mehr Menschen retten können", klagt er.

Ein Zeuge hat nach dem Flüchtlingsdrama vor der italienischen Insel Lampedusa schwere Vorwürfe gegen die Rettungskräfte erhoben. Die Küstenwache habe 45 Minuten gebraucht, bis sie den etwa 500 Meter vor der Küste gelegenen Unglücksort erreicht habe, sagte Marcello Nizza, der am frühen Donnerstagmorgen mit einem Fischerboot in der Nähe des gekenterten Schiffs unterwegs war. Zusammen mit seinen sieben Begleitern kam er den Opfern zur Hilfe.

Sie hätten um 6.30 Uhr damit begonnen, die Schiffbrüchigen auf ihr Boot zu ziehen und eine Viertelstunde später die Küstenwache alarmiert, erzählte Nizza. Die Küstenwache wies dies zurück. Der erste Notruf sei um 7 Uhr eingegangen, 20 Minuten später seien die Retter vor Ort gewesen.

Nizza beschuldigte die Küstenwache auch, die Rettung weiterer Überlebender behindert zu haben. Mit 47 Überlebenden habe sein Boot den Hafen von Lampedusa erreicht. Er sei dann aber daran gehindert worden, wieder aufs Meer zu fahren, weil hierfür keine offizielle Erlaubnis vorgelegen habe. "Ich hätte mehr Menschen retten können", sagte Nizza. Ein Sprecher der Küstenwache widersprach dieser Darstellung. Eine offizielle Erlaubnis sei nicht nötig gewesen. Es sei aber die Aufgabe der Küstenwache, die Rettungsaktion zu koordinieren und ein Chaos zu verhindern.

Stichwort Lampedusa

Kaum ein Flecken Europa liegt so dicht an Afrika wie Lampedusa. Die Insel liegt näher an Afrika als am italienischen Festland. Zwischen Tunesien und Sizilien gelegen, wird sie häufig von Menschenschmugglern genutzt, um Flüchtlinge aus Afrika aber auch zunehmend aus Syrien nach Europa zu bringen. Täglich treffen dort Hunderte Flüchtlinge ein, insbesondere in den Sommermonaten, wenn die See ruhiger ist.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, übte heftige Kritik an einem italienischen Gesetz, wonach Helfer für die Rettung illegaler Einwanderer bestraft werden können. Mehrere Fischerbote hätten daher abgedreht, ohne den Schiffbrüchigen zu helfen. "Die Regierung muss diese unmenschlichen Normen ändern", sagte Nicolini. Auch der Gouverneur der Region Sizilien, Rosario Crocetta, zeigte sich fassungslos. Es sei unverständlich, dass die EU-Grenzschutzagentur Frontex das Flüchtlingsschiff nicht bemerkt habe. "Wo war Frontex am Donnerstag morgen?" fragte er.

"Eine moralische Verpflichtung"

Die Behörden vermuten, dass bei dem Unglück rund 300 Flüchtlinge ertranken. An Bord des gekenterten Schiffes sollen etwa 450 bis 500 afrikanische Flüchtlinge gewesen sein, die überwiegend aus Somalia und Eritrea stammten. Bislang wurden 111 Tote geborgen, 155 Menschen überlebten das Unglück.

Die italienischen Rettungskräfte denken derweil über eine Bergung des gesunkenen Flüchtlingsboots nach. "Es gibt eine juristische und moralische Verpflichtung, alle Leichen zu bergen", sagte Zoll-Sprecher Leonardo Ricci. Hunderte Familien warteten auf Gewissheit. Eine Möglichkeit sei eine Bergung des in 40 Metern Tiefe liegenden Wracks. Die nächsten Einsätze der Taucher würden zeigen, wie das gehen könne.

Die Bergungsarbeiten waren am Samstag wegen heftigen Windes und hoher Wellen weiter unterbrochen. Der Taucher Rocco Canell berichtete von einer schrecklichen Szenerie an dem untergegangenen Wrack, das 550 Meter vor der Küste der Mittelmeer-Insel liegt. "Es ist furchtbar da unten, dutzende Leichen, vielleicht hunderte", sagte Canell der Nachrichtenagentur Ansa. "Sie sind übereinander aufgetürmt. Glück hatten noch die, die zuerst ertrunken sind."

Premierminister Jean-Marc Ayrault fordert die EU-Staaten unterdessen zu Diskussionen über die Kontrolle der Seegrenzen auf. Die EU-Mitgliedstaaten müssen sich so schnell wie möglich treffen, um über die Verwaltung der Grenzen auf See zu diskutieren, sagte der sozialistische Politiker. Mitleid reiche nicht aus. Die EU-Staaten müssten eine Lösung finden, sagte Aurault.

Quelle: ntv.de, AFP/dpa