Politik

Seit fünf Jahren in Mexiko inhaftiert Französin löst diplomatische Krise aus

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Frankreichs Präsident Sarkozy und Außenministerin Alliot-Marie: Sie fordern die Auslieferung der inhaftierte Französin.

(Foto: dpa)

Sie hat den falschen Mann geliebt, einen Verbrecher, und wurde zu 60 Jahren Haft in Mexiko verurteilt. Das Schicksal einer 37-jährigen Französin hat zu einer handfesten Krise zwischen Frankreich und Mexiko geführt, in die sich auch die Präsidenten eingemischt haben.

Erst Laetitia, nun Florence: In Frankreich bestimmen Affären um junge Frauen derzeit die Politik. Anders als in Italien handelt es sich jedoch nicht um Gespielinnen des Präsidenten, sondern um ein zerstückeltes Mordopfer und eine in Mexiko inhaftierte Ex-Freundin eines berüchtigten Bandenchefs. Die 37 Jahre alte Florence, derzeit Frankreichs berühmtester Häftling im Ausland, ist nun zum Auslöser einer heftigen diplomatischen Krise zwischen Mexiko und Paris geworden.

Eigentlich sollte 2011 in Frankreich ein "Mexiko-Jahr" mit Ausstellungen und mehr als 300 kulturellen Veranstaltungen begangen werden. Die Eltern der in Mexiko inhaftierten Französin baten Präsident Nicolas Sarkozy jedoch, angesichts des Schicksals ihrer Tochter darauf zu verzichten. Geplant war unter anderem eine große Ausstellung des mexikanischen Künstlerpaars Frida Kahlo und Diego Riviera im Pariser Musée de l'Orangerie.

Mexiko-Jahr in Gefahr

Sarkozy entschied anders: Das Jahr sollte beibehalten werden, schließlich sei es Ausdruck der Freundschaft zwischen Mexikanern und Franzosen. Aber er wolle dieses Jahr Florence Cassez widmen, fügte er hinzu - womit er die Mexikaner erst recht in Rage brachte. Mexikos Regierung kündigte die Streichung der Veranstaltungen in Frankreich an. Und die beteiligten Künstler verurteilten unisono Sarkozy, er habe Mexiko beleidigt, indem er das Kulturjahr Cassez widme. Das Außenministerium teilte in Mexiko-Stadt mit, dass es sich nicht mehr am Mexiko-Jahr in Paris beteiligen werde.

Florence war 2003 ihrem Bruder nach Mexiko gefolgt und hatte zunächst in dessen Unternehmen gearbeitet. Bald danach lernte sie den Mann kennen, der ihr zum Verhängnis wurde: Israel Vallarta, der in einer Autowerkstatt arbeitete und auf einer Finca außerhalb der Hauptstadt wohnte.

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Florence Eltern und ihr Anwalt sehen nur noch einen Ausweg: eine Klage gegen den mexikanischen Minister für öffentliche Sicherheit, zugleich oberster Polizeichef.

(Foto: AP)

Mit der Zeit verliebte sie sich in den geschiedenen Mann, der sein Geld tatsächlich mit einem in Mexiko weitverbreiteten Verbrechen verdiente: Mit Entführung und Erpressung. Die mexikanische Justiz hält die Französin für eine Komplizin von Vallarta. Sie wurde 2008 zu 96 Jahren Haft verurteilt, die Strafe wurde später auf 60 Jahre reduziert.

Die junge Französin, die mittlerweile seit fünf Jahren in Haft sitzt, hat von Anfang an ihre Unschuld beteuert. Als sie im Dezember 2005 gemeinsam mit Vallarta verhaftet wurde, war das Paar bereits getrennt, Florence bereitete gerade ihren Umzug von Vallartas Landhaus nach Mexiko-Stadt vor.

Festnahme inszeniert

Ihre Unterstützer verweisen auf zahlreiche Unstimmigkeiten bei der Festnahme und während des Prozesses: So wurde ihre Festnahme auf der Ranch ihres Ex-Freundes von der Polizei inszeniert. Das musste Polizeichef Genaro García Luna später eingestehen.

Einer der Zeugen räumte später ein, unter Folter zu einer Aussage gegen die Französin gezwungen worden zu sein. Zwei der Opfer hatten ihre erste, Cassez entlastende Aussage korrigiert, nachdem sie stundenlang von der Polizei vernommen worden waren. Sowohl die mexikanische Bischofskonferenz als auch ein früherer Generalstaatsanwalt zeigten sich öffentlich von Cassez' Unschuld überzeugt.

Frankreich forderte von Anfang an die Auslieferung von Cassez, was rechtlich möglich gewesen wäre, und auch von Präsident Felipe Calderón zunächst nicht ausgeschlossen war. Doch noch ehe eine zuvor von ihm und Sarkozy 2009 eingesetzte Untersuchungskommission eine Empfehlung aussprach, verwarf er selbst diese Möglichkeit. Dies geschah wegen bevorstehender Parlamentswahlen, die nicht gut aussahen für seine Partei, wie mexikanische Medien nahelegten.

Alle Rechtsmittel ausgeschöpft

Mexiko argumentiert, dass die Verurteilte auf diese Weise ihrer Strafe entgehen könnte. Nun wies ein mexikanisches Gericht eine Verfassungsbeschwerde zurück, damit sind für Cassez alle Rechtsmittel ausgeschöpft.

"Florence war die ganze Zeit schon eine politische Geisel, nun ist sie auch noch zum Sündenbock geworden", klagt ihr Anwalt Franck Berton. Er sieht nur noch einen Ausweg: ein Klage wegen Beweisfälschung vor dem interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den Minister für öffentliche Sicherheit, García Luna, der zugleich oberster Polizeichef ist.

Die junge Französin weiß derzeit nicht, wovor sie sich mehr fürchten soll: Dass ihr Fall in der Öffentlichkeit in Vergessenheit gerät - oder dass die mexikanische Justiz sie aus reiner Schikane von dem derzeitigen Frauengefängnis in einen Hochsicherheitstrakt verlegt. Außenministerin Michèle Alliot-Marie sprach den Eltern unterdessen Mut zu: "Wir geben nicht auf, wir fordern weiterhin ihre Auslieferung."

Quelle: n-tv.de, Ulrike Koltermann und Franz Smets, dpa