Politik

Der Ex-Nazi aus dem Schwulenreferat Fünfter NSU-Helfer in Haft

Der fünfte mutmaßliche Unterstützer der Neonazi-Terrorzelle sitzt in U-Haft. Carsten S. soll dem Trio eine Waffe besorgt und die drei finanziell unterstützt haben. Zuletzt bewegte er sich allerdings im alternativen bis linken Milieu. Nach eigenen Angaben stieg S. bereits im Jahr 2000 aus der rechten Szene aus.

Elitepolizisten der Anti-Terror-Einheit GSG 9 haben in Düsseldorf einen weiteren mutmaßlichen Helfer der Zwickauer Neonazi-Zelle festgenommen. Der 31-jährige Carsten S. ist laut Bundesanwaltschaft dringend verdächtig, Beihilfe zu sechs Morden und einem Mordversuch geleistet zu haben. Neben der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe sitzen damit nun fünf mutmaßliche Unterstützer der Zelle in U-Haft.

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In diesem Haus in Düsseldorf wurde Carsten S. festgenommen.

(Foto: dapd)

S. soll 2001 oder 2002 gemeinsam mit einem weiteren mutmaßlichen Unterstützer eine Schusswaffe für das Terrortrio besorgt haben. Laut Bundesanwaltschaft kaufte er nach vorläufigen Erkenntnissen die Waffe samt Munition in Jena und gab sie anschließend dem Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben, der ebenfalls als mutmaßlicher Terrorhelfer in Haft sitzt. Wohlleben beauftragte den Ermittlern zufolge einen Kurier mit dem Transport der Waffe zu der Zwickauer Zelle, der neben Zschäpe die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos angehört haben sollen.

S. habe die Gruppe in der Zeit ihres Abtauchens 1998 finanziell unterstützt, erklärte die Bundesanwaltschaft außerdem. Zeitweilig sei er der Einzige aus dem Umfeld des NSU gewesen, der Kontakt zu dem Trio gehabt habe. Mundlos und Böhnhardt wurden Anfang November nach einem gescheiterten Banküberfall tot in einem Wohnmobil in Eisenach aufgefunden, Zschäpe stellte sich der Polizei.

Laut Bundesanwaltschaft wurde die Wohnung von S. am Mittwoch von Beamten des Bundeskriminalamts und des Landeskriminalamts durchsucht. Der Festgenommene war demnach 1999 und 2000 im rechtsextremen "Thüringer Heimatschutz" aktiv, dem auch das Neonazi-Trio angehört haben soll. Bis 2003 unterhielt S. den Angaben zufolge Kontakte in rechtsradikale Kreise.

"2000 aus der rechten Szene ausgestiegen"

Nach eigenen Angaben war S. seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in rechtsextremen Kreisen aktiv. "Ich bin im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen. Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut", teilte Carsten S. in der vergangenen Woche über seinen Anwalt mit. Nach 2000 habe er keinen Kontakt mehr zur rechten Szene gehabt. Er habe von den Straftaten der Zwickauer Terrorzelle nichts gewusst und sei über deren Aktivitäten extrem erschrocken.

Nach Informationen der "Frankfurter Rundschau" arbeitete S. bis zu seiner Festnahme als Koordinator für die Aids-Hilfe Düsseldorf. Zudem sei S. im gemeinsamen Schwulenreferat an der Fachhochschule (FH) Düsseldorf und der Heinrich-Heine-Universität aktiv gewesen und zum Schwulen-Referenten gewählt worden. S. studierte Sozialpädagogik an der Fachhochschule.

"Ein toller Mensch"

Es scheint, als hätte S. die Welten gewechselt: Das Logo der Studentenvertretung der FH Düsseldorf, an der S. studierte, ziert ein roter Stern. Das erstgenannte Referat heißt "Antifa". Ob der Milieuwechsel mit Hilfe des Aussteigerprogramms für Rechtsextreme geschah, darüber halten sich die Behörden bedeckt.

Seine Herkunft aus Thüringen hatte Carsten S. in Düsseldorf nicht verschwiegen, seine Vergangenheit anscheinend schon. Dass er Mitglied im berüchtigten Thüringer Heimatschutz war, löst dort, wo man S. in Düsseldorf kennengelernt hat, ungläubiges Staunen aus. Ebenso, dass er NPD-Jugendfunktionär und 1999 und 2000 zeitweise wichtigster Kontaktmann der Zwickauer Terrorzelle gewesen, ihr eine Schusswaffe zugespielt haben soll.

"Das ist ein toller Mensch, ein super Mitarbeiter", sagt die Leiterin des Jugendzentrums, in dem er acht Stunden die Woche arbeitete. "Ich glaube das erst, wenn ein Richter das bestätigt hat." Auch bei seinem Haupt-Arbeitgeber, einer Hilfseinrichtung, hört man am Mittwoch nur Gutes: "Ein ganz toller Mitarbeiter."

"Morde billigend in Kauf genommen"

Der Bundesanwaltschaft zufolge soll S. billigend in Kauf genommen haben, dass die von ihm besorgte Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte. Zunächst war nach Angaben der Karlsruher Behörde aber ungeklärt, ob mit der Waffe tatsächlich terroristische Taten begangen wurden. Das aus Thüringen stammende Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos soll nach seinem Untertauchen 1988 die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gegründet haben.

Die jahrelang unentdeckt gebliebene Zelle wird für die Morde an neun Migranten und einer Polizistin in den Jahren 2000 bis 2007 verantwortlich gemacht. Außerdem werden der Gruppe zwei Sprengstoffanschläge in Köln 2001 und 2004 mit insgesamt 23 Verletzten sowie eine Serie von Banküberfällen zur Last gelegt.

Quelle: n-tv.de, dpa/rts/AFP

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