Politik

Misrata unter starkem Beschuss Gaddafi führt heftige Angriffe fort

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Misrata bietet ein Bild der Zerstörung.

(Foto: dpa)

Scheinbar unbeeindruckt von den NATO-Luftschlägen auf Tripolis setzt Libyens Diktator Gaddafi seinen Kampf gegen die Aufständischen fort. Dabei liegen auch die Gebiete der Berberstämme in der Bergregion nahe Tunesien unter schwerem Beschuss. Die Lage der Menschen in Misrata wird den Rebellen zufolge immer prekärer.

Die Kämpfe um die libysche Rebellen-Hochburg Misrata dauern an. Die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi, die sich am Osterwochenende aus dem Stadtzentrum zurückgezogen hatten, bombardierten nach Angaben der Aufständischen die zum Hafen führende Straße. Gaddafis Truppen hätten in den westlichen Vororten Stellung bezogen und feuerten von dort in die Stadt. Die Lage der Menschen habe sich rapide verschlechtert, berichtete ein Sprecher der Rebellen. Es gebe Krankenhäuser voller lebensgefährlich Verletzter: "Es ist unvorstellbar".

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Zehntausende warten in Flüchtlingscamps an der tunesischen Grenze auf ein Ende der Kämpfe.

(Foto: REUTERS)

Eine ähnlich kritische Situation wird auch aus der entlegenen Bergregion an der Grenze zu Tunesien berichtet. "Unsere Stadt liegt im Dauerfeuer von Gaddafis Truppen", schilderte ein Flüchtling die Situation in Kalaa, dem Zentrum des Berbergebiets. Die Besetzung des an Tunesien grenzenden Postens Dehiba-Wasin durch die Rebellen in der vergangenen Woche löste eine Fluchtwelle ins Nachbarland aus. Schätzungsweise 30.000 Menschen flohen nach Tunesien.

Im Westen Libyens gelang es Aufständischen nach eigenen Angaben, einen Angriff der Gaddafi-Truppen auf die Stadt Nalut abzuwehren. Auch die NATO soll in die Kämpfe eingegriffen haben, indem sie einen Konvoi der Regierungstruppen angriff. Unterstützer der Rebellen meldeten, der Militärkonvoi, zu dem auch Söldner gehörten, sei auf dem Weg nach Nalut gewesen. Gaddafis Truppen sollen nach der Attacke mehrere verkohlte Leichen in den nahe gelegenen Militärstützpunkt Tidschi gebracht haben.

Die staatliche libysche Nachrichtenagentur Jana berichtete dagegen, die Allianz habe von Kriegsschiffen aus angegriffen und ein Telefonkabel zerstört; anschließend seien die Verbindungen zwischen Sirte, Ras Lanuf und Al-Brega gekappt gewesen. In der Nähe von Al-Brega verläuft derzeit die Front zwischen den Aufständischen im Osten und den Truppen Gaddafis.

Benzin und Nahrung werden knapp

In Tripolis verschlechtert sich derweil die Versorgungslage. Ein Bewohner der Hauptstadt erklärte, Benzin und bestimmte Nahrungsmittel seien knapp geworden. Die Lebensmittelpreise seien in den vergangenen Tagen stark gestiegen. Die NATO hatte über die Ostertage die Angriffe auf die Stadt verstärkt.

Einwohner berichteten zuletzt von fünf Detonationen, es seien Rauch und Flammen aufgestiegen. Das Militärbündnis hatte in der Nacht zu Montag die Residenz Gaddafis bombardiert und dabei ein Büro des Machthabers zerstört.

Gaddafi ist "zuversichtlich"

Gaddafi gehe es gut, er sei bei "guter Gesundheit" und "zuversichtlich", sagte sein Sprecher Mussa Ibrahim bei einer Pressekonferenz vor dem durch den Angriff zerstörten Gebäude. Gaddafi "arbeitet jeden Tag, er führt den Kampf, um das Volk mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kraftstoff zu versorgen", sagte Ibrahim. Zugleich verurteilte er den Angriff auf das Büro Gaddafis als einen "terroristischen Akt" und "versuchten Mord".

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Gaddafi soll es nach Angaben eines Sprechers gut gehen.

(Foto: Reuters)

Bei dem Luftangriff seien drei Beamte getötet und 45 weitere verletzt worden, 15 davon schwer, sagte Ibrahim. Die internationale Gemeinschaft rief er auf, "diese Aggression" zu verurteilen, die die UN-Resolution 1973 für den Libyen-Einsatz verletzt habe. Die NATO müsse "ihre Aggression stoppen und Verhandlungen für eine politische Lösung der Libyen-Krise aufnehmen".

Die NATO erklärte in Brüssel, die Luftangriffe hätten sich gegen ein Kommunikationshauptquartier der libyschen Truppen gerichtet, das für Angriffe auf die Zivilbevölkerung genutzt worden sei. Zu möglichen Opfern könnten keine Angaben gemacht werden. Es gebe keine Möglichkeit, Angaben über zivile Opfer unabhängig zu überprüfen. Anders als die Truppen Gaddafis tue die NATO weiterhin "ihr Mögliches", um zivile Opfer zu vermeiden.

Italien beteiligt sich an Luftangriffen

Italien hat sich zu "gezielten" Luftangriffen in Libyen bereit erklärt. Ministerpräsident Silvio Berlusconi teilte mit, die italienische Luftwaffe werde sich an Angriffen gegen auf libyschem Territorium aufgeklärte "spezielle militärische Ziele" beteiligen, um zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung beizutragen. Berlusconi habe dies nach einem Telefongespräch mit US-Präsident Barack Obama beschlossen, hieß es. Italien hatte bisher von Bombardierungen in seiner früheren Kolonie Libyen Abstand genommen.

Man habe sich vor allem angesichts der entsetzlichen Situation in der heftig umkämpften Stadt Misrata dazu entschlossen, erklärte der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa. Es werde sich jedoch "nicht um wahllose Bombardierungen handeln, sondern um gezielte Missionen mit Präzisionsbomben auf ausgewählte Objekte". Italien hatte bisher Militärbasen sowie Flugzeuge zu militärischen Erkundungsflügen zur Verfügung gestellt. Wie Großbritannien und Frankreich hatte Rom zudem angekündigt, die libyschen Regimegegner mit der Entsendung von Militärexperten zu unterstützen.

Revolutionen noch nicht abgeschlossen

Bundesaußenminister Guido Westerwelle lehnte den Einsatz von Kampftruppen dagegen erneut ab. Gaddafi müsse den Krieg gegen sein eigenes Volk beenden, sagte Westerwelle der "Bild"-Zeitung. "Deswegen haben wir auf harte Sanktionen und die Befassung des internationalen Strafgerichtshofs gedrängt." Deutschland habe von Anfang an klar gesagt, sich nicht an dem Kampfeinsatz zu beteiligen. Die Grenzen des Militärischen würden nun sichtbar. Es bedürfe einer schnellen politischen Lösung und des Drucks der gesamten Völkergemeinschaft, damit Gaddafi einen Waffenstillstand einhalte.

Westerwelle warnte außerdem vor einem Scheitern der Freiheitsbewegungen in Nordafrika. Er rief die Staaten Europas zu verstärkten Anstrengungen zur Unterstützung der Rebellen auf. "Wer denkt, die Revolutionen in unserer Nachbarschaft seien bereits abgeschlossen, der irrt", sagte der Außenminister. "Wir Europäer müssen beherzt handeln, damit auf den arabischen Frühling ein Sommer folgt - und kein Zurück in den Winter."

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa

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