Politik

Stämme sollen Misrata übernehmen Gaddafi kündigt Abzug an

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Auf der Tripolis-Straße in Misrata versuchen Aufständische, sich in Deckung zu bringen.

(Foto: REUTERS)

Angeblich will der libysche Machthaber Gaddafi seine Truppen aus der umkämpften Stadt Misrata abziehen. Den Kampf gegen die Rebellen könnten die Stämme in der Region übernehmen. Stammesführer sollen dem Gaddafi-Regime gesagt haben: "Wenn ihr das nicht schafft, werden wir es tun." Die Rebellen glauben nicht daran.

Das Regime des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi hat angekündigt, seine Truppen aus Misrata zurückzuziehen und den Stämmen der Region den Kampf gegen die Aufständischen zu überlassen.

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In Bengasi verlässt ein kleiner Junge das Schiff aus Misrata.

(Foto: REUTERS)

Die Armee habe eine "chirurgische Lösung" angestrebt, doch angesichts der NATO-Luftangriffe sei dies nicht möglich, sagte der libysche Vize-Außenminister Khaled Kaim. "Nun überlassen wir es den Stämmen und den Menschen von Misrata, mit der Situation klarzukommen, ob auf dem Verhandlungsweg oder durch Gewalt."

Misrata liegt 200 Kilometer östlich von Tripolis und ist seit Wochen schwer umkämpft. Die drittgrößte libysche Stadt ist gleichzeitig die einzige Stadt im Westen des Landes, die in der Hand der Aufständischen ist. Bei den Kämpfen sind bereits hunderte Menschen ums Leben gekommen, Flüchtlinge und Verletzte werden von den Vereinten Nationen von Misrata auf Fähren nach Bengasi gebracht. Dort, im Osten des Landes, hat der Übergangsrat der Rebellen seinen Sitz.

"Es wird schnell gehen"

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Aufständische in Misrata.

(Foto: AP)

Die Gaddafi-Regierung habe den eigenen Streitkräften ein "Ultimatum" gestellt, sagte Kaim: "Wenn sie das Problem nicht lösen können, werden die Menschen der angrenzenden Orte Sliten, Tarhuna, Bani Walid und Tawargha nach Misrata gehen und mit den Rebellen reden. Sollten diese nicht aufgeben, werden sie gegen sie kämpfen".

"Die Situation in Misrata wird gelöst. Die Stämme um Misrata und die Einwohner von Misrata werden sich darum kümmern, nicht die libysche Armee, und es wird schnell gehen", drohte der Vize-Minister.

Rebellen glauben nicht an Abzug

Ein Sprecher der Aufständischen in Bengasi reagierte mit Spott auf die Ankündigung Kaims. "Was sollen das für Stämme sein, die Gaddafi unterstützen?", fragte Ahmed Bani nach Berichten des US-Senders CNN. Dies Manöver zeige nur, dass Gaddafi versuche, sein Gesicht zu wahren.

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Zerstörter Panzer der Gaddafi-Truppen in Misrata.

(Foto: AP)

"Es bestätigt, dass unsere Rebellen Misrata befreit haben und dass Libyen noch immer aus einem Teil besteht und nicht aus zwei, wie Gaddafi es sich erhofft", sagte Bani. Wenn die Regierungstruppen Misrata verlassen, sei "das Spiel aus". Allerdings bezweifelte er, dass sie dies wirklich tun werden.

Die Lage für die Bewohner von Misrata wird unterdessen immer verzweifelter. Nach Angaben des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) fehlt es an Wasser, Strom, Nahrung und ärztlicher Versorgung. Seit die wichtigste Wasserversorgung gekappt worden sei, seien die Menschen auf Brunnen oder die Entsalzungsfabrik angewiesen, die bisher Wasser für die Industrie lieferte, sagte der Leiter der IKRK-Mission in Bengasi, Simon Brooks.

McCain in Bengasi

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US-Senator McCain lobte die Rebellen als "libysche Patrioten". McCain ist Republikaner. In seiner Partei ist der Einsatz in Libyen umstritten.

(Foto: AP)

Angesichts der dramatischen Lage hatte der republikanische US-Senator John McCain ein stärkeres Engagement seines Landes in Libyen gefordert. "Es sind großartige Kämpfer und echte libysche Patrioten", erklärte der amerikanische Oppositionspolitiker am Freitag bei einem Besuch in der Rebellenhochburg Bengasi. "Wir sollten uns auch stärker an den Militäraktionen der NATO beteiligen", fügte er hinzu.

McCain befürwortete den von US-Präsident Barack Obama am Donnerstag angeordneten Drohnen-Einsatz, meinte aber auch, dass er sich nicht sicher sei, "ob das ausreicht". Allerdings bedeutet bereits der Einsatz der Drohnen eine Ausweitung des US-Engagements in Libyen. Nach der Übergabe der Führung des Einsatzes an die NATO hatte die US-Armee sich darauf beschränkt, Luftabwehrstellungen der Gaddafi-Truppen anzugreifen.

Neue Luftangriffe auf Tripolis

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Zwischen Bengasi und Adschdabija untersucht ein Aufständischer die Reste eines Panzers.

(Foto: AP)

Die Luftangriffe auf Tripolis gingen auch in der Nacht zum Samstag weiter. Dabei sei auch ein Parkplatz vor der Residenz Gaddafis im Zentrum der libyschen Hauptstadt getroffen worden, sagte ein Regierungssprecher nach Berichten von CNN. Drei Menschen sollen dabei getötet worden sein.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erwägt einen Besuch in Bengasi. Er habe dem dort ansässigen Übergangsrat sein "grundsätzliches Einverständnis" für eine solche Visite gegeben, teilte der Elysée-Palast mit. Die Einzelheiten der Reise stünden aber noch nicht fest, hieß es. Frankreich hat den Übergangsrat bereits als rechtmäßigen Vertreter des libyschen Volkes anerkannt. In Bengasi hatte McCain auch die internationale Gemeinschaft aufgerufen, die Führung der Aufständischen als "legitime Stimme des libyschen Volks" anzuerkennen.

Quelle: n-tv.de, hvo/dpa/AFP/rts

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