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"Ägypten ist in Gefahr" Gewaltausbruch fordert 26 Opfer

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Mindestens 24 Menschen kamen bei der Eskalation der Gewalt ums Leben.

(Foto: REUTERS)

Die Sorge um die Stabilität Ägyptens wächst nach einer Nacht der Gewalt in Kairo. Mindestens 26 Menschen kommen ums Leben, als eine Demonstration von Kopten in brutale Auseinandersetzungen mit Muslimen und dem Militär ausartet. Mehr als 200 Menschen werden verletzt. Regierungschef Scharaf zeigt sich tief beunruhigt.

Bei einer Demonstration von koptischen Christen in Kairo sind mindestens 26 Menschen ums Leben gekommen. Dabei handelt es sich um 22 Demonstranten und 4 Soldaten. Bei den Zusammenstößen zwischen Kopten, Muslimen und Sicherheitskräften seien zudem mehr als 200 Menschen verletzt worden, berichtete das Gesundheitsministerium. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit dem Sturz von Ex-Präsident Husni Mubarak vor acht Wochen. Das Land sei "in Gefahr", äußerte sich Regierungschef Essam Scharaf besorgt.

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Demonstranten setzten Armeefahrzeuge in Brand.

(Foto: dpa)

Mehrere tausend koptische Christen hatten zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstiert. Kurz nachdem der Demonstrationszug das Gebäude des staatlichen Fernsehens erreicht hatte, kam es zu ersten Zusammenstößen. Die Darstellungen über den Auslöser der Gewalt gingen auseinander. Nach Schilderungen des ägyptischen Fernsehens schossen zuerst Demonstranten auf Soldaten und bewarfen sie mit Steinen. Außerdem seien mehrere Autos und Busse in Brand gesetzt worden. Dagegen berichteten koptische Demonstrationsteilnehmer, dass zunächst sie beschossen worden seien, als ihr Marsch den Platz vor dem Fernsehgebäude erreicht habe.

Zwei Panzerspähwagen der Armee seien mitten in die Menge gefahren, berichteten Augenzeugen. Dabei seien mehrere Demonstranten überrollt und getötet worden. Auf ihrem Demonstrationszug quer durch die Stadt hatten die Kopten Kreuze geschwenkt und "Nieder mit dem Marschall" skandiert, womit sie Armeechef Hussein Tantawi meinten, den derzeitigen Leiter des regierenden Militärrats.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ermahnte die Ägypter zur Besinnung auf den historischen Wandel vom Jahresanfang. Von den Behörden der Übergangsregierung forderte Ban, die Menschen- und Bürgerrechte aller Ägypter zu schützen, gleich welchen Glaubens sie sind. Der UN-Chef mahnte zudem Transparenz und Ordnung an, damit die berechtigten Erwartungen aller Ägypter erfüllt und freie, faire und glaubhafte Wahlen stattfinden könnten.

Angriff auf Krankenhaus

Die regierende Militärführung verhängte eine fünfstündige Ausgangssperre über die Innenstadt Kairos. Wie das staatliche Fernsehen berichtete, galt sie von 2.00 Uhr in der Nacht bis 7.00 Uhr am Montagmorgen.

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Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

(Foto: REUTERS)

Nach Berichten des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira dauerten die Auseinandersetzungen noch kurz vor Beginn der Ausgangssperre an. Kopten und Muslime gingen in der Nähe des Krankenhauses im Stadtzentrum, in das die Toten und Verletzten der abendlichen Ausschreitungen gebracht worden waren, mit Stöcken und Steinen aufeinander los. Angeblich sollen muslimische Schlägertrupps versucht haben, die Klinik zu stürmen. In einer benachbarten Straße standen mehrere Autos in Flammen. Einige Demonstranten zapften Benzin aus parkenden Autos, um Brandsätze daraus zu basteln.

Radikale Muslime haben eine Schuld für den Gewaltausbruch von sich gewiesen. Man verurteile, was geschehen ist, erklärte ein Sprecher der sogenannten Salafisten-Bewegung.

Die oppositionelle Jugendbewegung 6. April, die im vergangenen Winter und Frühjahr maßgeblich die Proteste gegen das alte Regime mitorganisiert hatte, wertete die Eskalation in Kairo als Versuch, "den friedlichen Charakter der Revolution" zu zerstören.

Scharaf ruft zur Ruhe auf

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Scharaf wähnt Ägyten "in Gefahr".

(Foto: AP)

Ägyptens amtierender Regierungschef Scharaf forderte Christen und Muslime zu "Zurückhaltung" auf. Es handele sich jedoch nicht um religiöse Auseinandersetzungen, vielmehr hege er den Verdacht, "dass Kräfte von innen und außen versuchen, die Demokratie in Ägypten zu unterminieren". "Diese Ereignisse werfen uns zurück", beklagte Scharaf. Das Ziel des "Komplotts" sei, die für Ende November geplanten Wahlen zu behindern. Scharaf steht der nach dem Sturz Mubaraks im Februar eingesetzten Übergangsregierung vor, die eigentliche Macht liegt jedoch beim Militärrat.

Bereits vor eine Woche waren hunderte koptische Christen nach der Brandstiftung an der Kirche in Assuan auf die Straße gegangen. Sie war von jungen Muslimen in Brand gesetzt worden, nachdem der örtliche Gouverneur erklärt hätte, das Gotteshaus sei ohne behördliche Zustimmung errichtet worden.

Seit Monaten mehren sich in Ägypten die Angriffe auf die Kopten, die bis zu zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Sie klagen seit langem über Diskriminierung und warnen, dass seit Mubaraks Sturz der Einfluss der Islamisten gestiegen sei.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP

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