Politik

Porträt Gregor Gysi

Nur kaum mehr als ein halbes Jahr hat es Gregor Gysi (54) in dem Amt ausgehalten, das er eigentlich gar nicht haben wollte. Er hatte seinen Rückzug aus der Politik verschoben, um erst PDS-Spitzenkandidat und dann Wirtschaftssenator in der Hauptstadt zu werden. Der Sozialist als Mittler des Kapitals, das hatte Charme. Doch der Alltag war mühsamer als erwartet, die Aktenberge waren höher, die Möglichkeiten begrenzt.

Der Bonusmeilen-Missbrauch, "den ich mir nicht verzeihen will", spielte bei seinem Rücktritt letztlich wohl nur als Auslöser eine Rolle. "Mein Entschluss vom vorletzten Jahr, aus der Politik auszuscheiden, war richtig, die kurzfristige Revision - wie ich heute weiß - ein Fehler", erklärte Gysi am Mittwoch.

Furcht vor Persönlichkeitsveränderungen

Dass er Privilegien als Selbstverständlichkeit hingenommen habe, nicht zwischen berechtigter und unberechtigter Inanspruchnahme unterschieden habe, bestürze ihn. "Kurzum: Ich fürchte mich vor meinen eigenen Persönlichkeitsveränderungen."

Gysi war wohl der einzige PDS-Politiker, der gleichermaßen in Ost und West beliebt und geschätzt ist. Als Redner hat der Anwalt im Bundestag, auf Wahlkampfbühnen und in Talk-Shows immer wieder brilliert, Schlagfertigkeit und Humor sind so etwas wie seine Markenzeichen. "Ich stehe für Brücken bauen und nicht für Mauern", sagte Gysi über sich selbst, um damit auf die PDS-skeptischen West-Berliner zuzugehen. Die aus der SED hervorgegangene PDS habe den Bruch mit Diktatur und Mauer vollzogen. "Eine demokratisch-sozialistische Weltanschauung will in die Welt hinaus." Da sei es völlig absurd, Menschen hinter Mauern einzusperren.

Gysi ist gebürtiger Berliner und stammt aus einer alteingesessenen jüdischen Familie. Sein verstorbener Vater Klaus war Verleger, Diplomat und DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen. Gysi studierte nach einer Ausbildung zum Rinderzüchter Jura und wurde später Rechtsanwalt in Ost-Berlin. Seine prominentesten Mandanten waren Rudolf Bahro, der für sein Buch "Die Alternative" acht Jahre Haft erhielt und 1979 in die Bundesrepublik ausgebürgert wurde, und der bei der SED in Ungnade gefallene Altkommunist Robert Havemann.

Unbewiesene Spitzel-Vorwürfe

Gysi war SED-Mitglied und im Wende-Herbst 1989 so etwas wie der Chef aller in Kollegien zusammengefassten DDR-Rechtsanwälte. In dieser Funktion tat er sich mit Forderungen nach freien Wahlen und Reisefreiheit hervor. Mit dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere (CDU) arbeitete er in einem Anwaltskollegium zusammen. Ungeachtet aller politischen Gegensätze wurden beide zu Freunden.

Nach dem Rücktritt der SED-Führung um den letzten Staats- und Parteichef Egon Krenz war Gysi zunächst Mitglied in einer Art SED-Notvorstand und wurde dann Anfang Dezember 1989 zum Vorsitzenden der SED gewählt, die sich schließlich den Zusatz "Partei des Demokratischen Sozialismus" (PDS) gab und später auf das Kürzel SED verzichtete.

Die Wahlen 1990 trugen ihm zunächst ein Direktmandat in der Volkskammer und dann im Bundestag ein, das er zweimal erfolgreich verteidigte. Als PDS-Chef trat Gysi bereits 1993 ab, sein Amt als Vorsitzender der Bundestagsfraktion gab er 2000 auf. Vorwürfe, er habe für die DDR-Staatssicherheit gespitzelt, konnten bislang nicht belegt werden.

Quelle: ntv.de