Politik

Roths maßlose Wiederwahl Grüne setzen auf Rehabilitation

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... geht es kaum noch.

(Foto: dpa)

Die Grünen bestätigen ihre Parteichefin mit 88,49 Prozent der Stimmen. Nur eine Woche nach der Urwahl und der bittersten Niederlage in Claudia Roths politischer Karriere feiert sie so ihren größten Wahlerfolg. Die Delegierten lassen das grüne Urgestein damit wohl ein Stück über ihre tatsächliche Größe hinauswachsen.

"110 Prozent" heißt es schon einige Kilometer vor Hannover. Im ICE 642 aus Berlin hat sich ein Pulk aus Korrespondenten im Gang gebildet. Die Journalisten sprechen über die bevorstehende Wiederwahl von Claudia Roth zur Parteivorsitzenden der Grünen. Und sie erwarten eine gewaltige, ja eine alle Maße sprengende Zustimmung auf der Bundesdelegiertenkonferenz in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Seit Roth bei der Urwahl der Spitzenkandidaten eine, wie sie es nannte, "herbe Klatsche" einstecken musste, entwickelte sich binnen Stunden eine beispiellose Sympathiewelle für das grüne Urgestein. Alles fing mit ein paar netten Worten im Internet an, dem sogenannten "Candystorm" bei Twitter. Dann pflanzte sich der digitale Süßigkeitenreigen in die analoge Welt fort. Und so stand nicht nur im Gang des ICE lange vor Roths Bestätigung im Amt fest, dass sie den vollen Rückhalt ihrer Partei zu spüren bekommen würde.

Der rothsche Triumph waberte von der ersten Sekunde des Parteitags an auch durch die Gänge des Congress Centrums in Hannover. Eine Euphorie allerdings, der kaum ein Beobachter wirklich Glauben schenken konnte. "110 Prozent" eben. Zur Erinnerung: Zwischen der Urwahl, der bittersten Niederlage in Roths politischer Karriere - nur 26 Prozent der grünen Basis konnte sich die 57-Jährige als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl vorstellen – und ihrem schillerndsten Wahlerfolg lagen nur sieben Tage. Ein kurioses Schauspiel.

"Die Trauerzeit ist vorbei"

Wo auch immer auf dem grünen Parteitag der Name Roth fiel, brodelte der Applaus auf: Heftiges Klatschen und schrilles Pfeifen als der ebenfalls wiedergewählte Parteichef Cem Özdemir zum Auftakt der Delegiertenkonferenz sagt: "Ich finde es klasse, dass Du kandidierst". Gejohle als Roth für ein paar Sekunden in einem Videoclip zur Einstimmung auf den Parteitag über die Leinwände der grünen Tagungsstätte flimmert. Roth spricht sich in dem Filmschnipsel – zum gefühlt 264ten Mal - für die Frauenquote aus. Und am Samstagnachmittag dann Roths Bewerbungsrede für ihren Posten als Parteichefin.

"Nach Stunden mit Schatten aber auch mit Licht" tritt sie, so ihre Worte, auf die Bühne. Dann schreit sie den Delegierten entgegen: "Die Trauerzeit ist vorbei". Eine Welle des Applaus' schwappt zurück. Roth fordert die Delegierten auf, ihr die Frage zu beantworten, ob sie die Richtige sei, so wie sie ist. "Mit Kanten und mit Ecken - denn das ändern will ich nicht." Kurze Momente der Stille treten während Roths Rede nur noch auf während sie bekräftigt, trotz ihrer Niederlage an der Urwahl festzuhalten. Es ist eine gespannte Stille.

Nach einem Exkurs durch ihre grüne Politik – von Multikulti bis hin zur Energiewende – kehrt sie wieder zu ihrer Person, zu ihrer Lage zurück. Sie sagt Sätze wie: "Kämpfen kann ich, und das Nerven gewöhne ich mir auch nicht mehr ab". Auch der Satz "Zusammenhalt und Identität, das ist grüner Treibstoff im Wahlkampf" fällt.

Als sie endet, fliegen Süßigkeiten, diesmal echte Kamelle. Die Delegierten erheben sich für ihre Parteivorsitzende, pfeifen, schreien, irgendjemand packt eine Rassel aus. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion unterbricht den handfesten "Candystorm", um den Zeitrahmen nicht vollends zu sprengen.

Mit der Urwahl hat das nichts zu tun

War das Urwahlergebnis etwa nur ein basisdemokratischer Fauxpas? Ist Claudia Roth in Wirklichkeit die Grüne der Herzen – aller Herzen in der Partei? Schon vor Roths Wiederwahl, zwischen Abstimmungen und Workshops, politischen Reden und Verhandlungen gaben die Delegierten bereitwillig Antwort.

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Der Cem und die Claudia sind ganz gelöst.

(Foto: dpa)

Hatte die Partei ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Chefin bei der Urwahl derart abgestraft hat? "Nein, unser Gewissen plagt uns Grüne nicht", antwortet eine Delegierte. "Die Urwahl war eine Entscheidung für die Spitzenkandidaten und nicht gegen den Parteivorsitz." Die Katrin (Göring-Eckardt) und der Jürgen (Trittin) seien schlicht das Duo, das die Breite der Partei am besten im Bundestagswahlkampf verkörpern könne. "Und die Claudia ist einfach eine hervorragende Parteivorsitzende."

Fürchtet der linke Parteiflügel, dass er nach einer Ur- und einer Vorstandswahlschlappe ihrer Vorzeigegrünen an Einfluss verlieren könnte und schlug darum so kräftig auf die rothsche Werbetrommel? "Ich glaube nicht, dass es in der Partei irgendwelche Konsequenzen hätte, wenn das Ergebnis nicht so gut wäre", heißt es da von einem Delegierten. Und schnell ist dann von der Emotionalität und dem Bedürfnis von Linken und Realos danach, den schwachen in "Deutschland und auf anderen Kontinenten" zu helfen, die Rede. "Claudia ist nun mal sehr emotional und bringt viel Empathie rüber." Die Stärke der Claudia sei es, ausgleichend zu wirken.

Und auf die Frage, wie ein schlechtes Ergebnis bei der Vorstandswahl auf die Medien, die politische Konkurrenz oder die Wähler wirken könnte, antwortet eine weitere Delegierte: "Ein schlechtes Ergebnis? Das brauchen wir gar nicht zu überlegen, weil Claudia eine sehr, sehr gute Kandidatin und Parteivorsitzende ist und das heute bestätigt bekommen wird."

Abstimmen aus politischen Kalkül?

Nach fast zwei Tagen unter derart euphorischen Delegierten fingen dann die ersten Korrespondenten an, ihre Wahlprognose nach oben zu korrigieren. Während sich die Grünen durch Anträge zu Satzungs- und Geschäftsordnungsangelegenheiten wühlen, twittert ein Reporter: "Jetzt gibt’s grünen Kleinkram. Nächster Höhepunkt: Claudia Roth wird als Parteichefin wiedergewählt. Mit 140 Prozent?"

Und so kommt es dann auch - zumindest gefühlt: Denn natürlich muss das grüne Signal vom Parteitag kaum ein Jahr vor der Bundestagswahl lauten: Die Urwahl hat selbst ihre Verlierer nicht geschwächt. Die Schlappe Roths überlagert nicht jede Tat und jedes Wort der alten und neuen Bundesvorsitzenden, beschneidet nicht ihren Einfluss in der Partei.

Um das glaubhaft zu bezeugen, haben die Grünen einen Tick zu dick aufgetragen – auch wenn viele Argumente, die die Delegierten für Roth ins Feld führen einen wahren Kern haben. Claudias offizielles Wahlergebnis: 88,49 Prozent – und damit eines ihrer besten in ihrer langen Karriere. Auf der Rückfahrt nach Berlin werden die Korrespondenten wohl Prognosen darüber aufstellen, wie viele Grüne aus Überzeugung für Roth gestimmt haben und wie viele allein aus politischem Kalkül.

Quelle: n-tv.de

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