Politik

Hexenjagd oder Plagiator? Guttenberg spaltet Leser

Bislang galt Verteidigungsminister Guttenberg als vielversprechender Politiker mit fast unbegrenzten Aufstiegschancen. Seine Anhänger vermuten deshalb in der "Fußnoten"-Affäre einen gezielten Angriff. Anderen geht es ums Prinzip und um Anstand.

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Der Minister bleibt für viele unangreifbar.

(Foto: dpa)

In seiner Doktorarbeit soll Verteidigungsminister Karl-Theodor zu GuttenbergTexte abgeschrieben haben. Die nicht als Zitate gekennzeichneten Zitate haben die Leser von n-tv.de zu zum Teil leidenschaftlichen Kommentaren angeregt.

Ein großer Teil von ihnen gibt sich als Guttenberg-Unterstützer zu erkennen. Viele vermuten in dem Bekanntwerden der Vorwürfe politisches Kalkül der Guttenberg-Gegner. So schreibt Stefano: "Die hier veranstaltete Hexenjagd erinnert an US-amerikanische Verhältnisse, wo jeder ambitionierte Spitzenpolitiker und besonders die Präsidentschaftskandidaten von ganzen Kohorten von Junior Teams des politischen Gegners in ihrer gesamten Vita samt ihrer privaten Eskapaden durchleuchtet werden, um ja irgendwo einen Stolperstein zu finden. Der einfache und unanständige Weg, sich des Gegners zu entledigen. Wie es scheint, hat die besondere Popularität von Herrn zu Guttenberg (…) dazu geführt, dass nun auch in Deutschland diese fiesen Methoden Einzug halten." Raphael-Johannes hält "es für sehr verdächtig, dass immer neue Vorwürfe gegen Guttenberg auftauchen! Demnach ist er der einzige Politiker, der Fehler macht."

Prof. Dr. Klaus v. Sicherer stellt vor allem die Motive von Prof. Andreas Fischer-Lescano, der die Überschneidungen öffentlich gemacht hatte, infrage. "Ist es Sozialneid, ist es Missgunst, ist es Angst, ist es Wut, was unsere Gesellschaft, die Medien, die Politikerkollegen umtreibt, einen sympathischen Hoffnungsträger der Politikerriege fertig machen zu wollen?" Für ihn, wie für andere Leser, bleibt Guttenberg in jedem Fall unbeschadet. "Herr zu Guttenberg ist und bleibt ein sympathischer und kompetenter Politiker, der es vor allem nicht nötig hat, sich mit diesen dauernden Anfeindungen auseinanderzusetzen."

Ähnlich grundsätzlich wird HFischer. "Es ist traurig zu beobachten, wie eine Demokratie sich langsam selbst zugrunde richtet. Hier geht es nicht um die Sache oder Inhalte, hier geht es darum, jemandem zu schaden, um den eigenen Machtanspruch in den Vordergrund zu rücken. Die Personen bei diesem Spiel sind austauschbar, diesmal trifft es eben von G. und die CSU/CDU. Unserer Politikerkaste scheint sich inzwischen auf Hass, Neid, Selbstsucht und persönliche Angriffe zu reduzieren - wie war das nochmal mit dem demokratischen Auftrag?"

Kein Mensch könne behaupten, keine Fehler gemacht zu haben, gibt christoph zu bedenken und betont ebenfalls Guttenbergs Qualitäten. "In der Vergangenheit war es jedoch eben dieser Politiker, der bereit war, auch unbequeme Fragen zu stellen bzw. Antworten zu geben. Ich fände es schade, wenn man ihn mit solchen Methoden von einem möglichen Kanzleramt verdrängen würde." Auf die menschliche Fehlbarkeit Guttenbergs verweist auch Dobby. "Allerdings ist er womöglich der mit Abstand vielversprechendste Kandidat für die Gestaltung der politischen Zukunft des Landes. Ich vermisse also sehr stark die Verhältnismäßigkeit und das intuitive Augenmaß in dieser höchst peinlichen Debatte."

Für Michael Jansen wiegt das mögliche Fehlverhalten Guttenbergs bei seiner Dissertation denn auch nicht so schwer. "Gut, er hat seine Dissertation nicht ganz sauber abgegeben, das kann man ihm vorwerfen, aber als Politiker hat er das was, andere so gerne hätten, nämlich Charisma und eine gewisse Konsequenz (…). Wir sollten einen Menschen an seinen Taten messen, für die Aufgaben, die er zu erledigen hat und nicht zwanghaft nach Verfehlungen in einer menschlichen Biografie suchen." Jörg geht noch einen Schritt weiter und fragt: "Ist das irgendwie von Interesse bei einem Politiker? Macht er dadurch seine Arbeit besser oder schlechter?"

Die Gegenstimmen unter den Lesern reagieren gerade auf diese Aussagen besonders heftig. C. Meier betont: "Ja, das Thema Glaubwürdigkeit ist bei einem Politiker sogar von großem Interesse." Spitzenpolitiker müssten nicht unbedingt Überflieger auf ihrem Themengebiet sein, aber jemand, "der entweder im großen Stil bei seiner Doktorarbeit geschummelt hat oder unfähig war, sich an die allgemein gültigen Regeln hinsichtlich der Anbringung von Zitaten zu halten, ist möglicherweise auch in anderen Fragen unglaubwürdig. (…) Insofern ist diese Frage für die Beurteilung seiner politischen Fähigkeiten bedeutender als etwa die Frage, ob er Ahnung von militärischen Sachverhalten hat. Wissen kann man sich aneignen, Glaubwürdigkeit kann man nur verlieren!" Auch Uwe_ hält es für unerheblich, ob Guttenberg einen Doktor hat oder nicht. Aber "für seine Glaubhaftigkeit ist es sehr wohl wichtig, wie er diesen erlangt hat."

Als ein wenig altmodisch charakterisiert sich christoph. "Eine der zentralen Figuren der deutschen Politik wird als mutmaßlicher Betrüger enttarnt, wobei für mich persönlich der Sachverhalt offensichtlich ist. Betrügen bei der Dissertation, gerade drei Jahre her, falsche Eidesstattliche Bezeugung, das sind keine Lappalien, und vom Umfang auch nicht mehr unter 'ein paar Fußnoten vergessen', abzuhaken." Gottfried fragt: "Wo sind wir hingekommen, dass es Vielen egal ist, ob sich Führungskräfte in unserem Land korrekt verhalten? Ich bin da altmodisch. Für mich müssen Politiker wie auch Manager anständig sein."  

Dieses Bedürfnis müsse man auch vertreten dürfen, gibt Moebius zu bedenken. "Plagiat ist Plagiat, egal wie die Interessenlage des Whistleblowers aussieht. Aus einem Interesse Fischer-Lescanos an schlechten Schlagzeilen über Guttenberg gleich eine Unschuld des Ministers abzuleiten, ist nichts anderes als klares Wunschdenken." Ähnlich grundsätzlich argumentiert Matty. Es mag sein "dass zu Guttenberg ein beliebter Politiker und Hoffnungsträger ist. Aber was ist das für ein Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit, wenn man aus Angst um das Ansehen seines großen Polit-Idols erwartet, dass seine Fehler nicht diskutiert werden und möglichst gar nicht über sie berichtet wird?" Guttenberg habe ja die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen und daraus gegebenenfalls wieder politischen Profit zu ziehen. "Die gezielte Unterdrückung von Informationen, nur weil diese einem Spitzenpolitiker schaden könnten, überlassen wir doch besser autoritären Regimen anderswo auf der Welt."

E.M.Köhler beschreibt sich bislang als Guttenberg-Fan, äußert nun aber Bedauern über seine Fehler. "Vorausgesetzt die Vorwürfe erweisen sich als zutreffend, so zeigen sie (…)  eine Einstellung gegenüber geistigem Eigentum, die inakzeptabel ist. Ein führender deutscher Politiker mit diesem Makel wäre in der Tat unglaubwürdig, um überlebenswichtige Dinge für die exportorientierte deutsche Wirtschaft wie die Einhaltung von Copyrights und Patenten zu vertreten."

Mit Humor nimmt Nichtwähler den Vorgang. "Einem Politiker vorzuwerfen das er nicht ehrlich ist, gleicht ungefähr dem Vorwurf an eine Prostituierte warum sie nicht mehr Jungfrau sein. Hat hier etwa irgendjemand an die Ehrlichkeit von Politikern geglaubt?" Für Dorothea Fey steht der Verteidigungsminister als Person infrage. "Wie kann man glauben, dass die medial verbreiteten Leistungen echt sind, wenn der akademische Lebensweg Leistungsscheu beweist.  Soll so die Elite Deutschlands aussehen?" Einer gewissen Politikverdrossenheit gibt auch stefan Ausdruck. "Betrügen sie nicht alle in der Politik? Da heiligt der Zweck doch die Mittel." Er hat dann aber doch "lieber einen sympathischen Betrüger als einen unsympathischen."

Jenseits der politischen Debatte empören sich zahlreiche Leser über den von ihnen empfundenen Betrug. "Wer schon mal eine größere wissenschaftliche Arbeit selbst verfasst hat, weiß, dass fehlende Quellenangaben dieser Größenordnung nur mit Vorsatz zu erreichen sind. Sollte es ein Versehen gewesen sein, dann kann ich mir trotzdem nicht erklären wie jemand, der seine eigenen Gedanken von fremden nicht unterscheiden kann, einen Doktortitel verdienen kann", schreibt Detlev. "Studierende, die bei ihren Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten so vorgehen, bekommen ohne jede Diskussion null Punkte. Wenn es sich um eine Abschlussarbeit handelt, wird oft sogar im Examenszeugnis eingetragen, dass es sich um eine Täuschung handelte. Damit kann man nie im Staatsdienst arbeiten. Und bei zu Guttenberg ist das alles nicht so schlimm?" fragt Lara.

Prof. Dr. Hans-Walter Schmidt-Hannisa zieht Parallelen in andere europäische Länder: "Wir können nicht mit Fingern auf Berlusconi zeigen, weil der für sich juristische Sonderbehandlung reklamiert, und den netten Herrn v. G. in Schutz nehmen. Gleiches Recht muss für alle gelten, egal ob unbeliebter Ministerpräsident, superbeliebter Minister - oder nur Student." Herr Dr. soundso verlangt, dass Guttenberg seinen Doktortitel zurückgeben muss. " Es wäre eine Beleidigung für uns alle, die sich mühsam durch die Promotionsphase gekämpft hatten und hätten abschreiben können - und es nicht getan haben, auch wenn es da politisch unbedeutend niemanden interessiert hätte. Wegen der Ehre."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Solveig Bach

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