Politik

Blutvergießen bei Großdemonstration befürchtet In Kairo gärt es weiter

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Die Mursi-Anhänger haben Barrikaden errichtet, um sich vor der Armee zu schützen.

(Foto: REUTERS)

Die ägyptische Armee zeigt Härte gegenüber den Demonstranten, die gegen die Absetzung von Präsident Mursi protestieren. Sie sollten ihre Protestcamps räumen, heißt es. Doch die Anhänger der islamistischen Muslimbrüder planen eine "Demonstration der Millionen". Derweil gibt es auch Übergriffe gegen Christen.

Im innenpolitischen Machtkampf in Ägypten hat sich trotz intensiver Vermittlungsbemühungen der USA keine Entspannung abgezeichnet. Die Regierung hielt ihren Druck auf die Anhänger des entmachteten Staatschefs Mohammed Mursi aufrecht und forderte diese erneut auf, ihre Protestlager in Kairo zu räumen.

Die Anhänger Mursis bekräftigten derweil ihren Willen, einen Monat nach seinem Sturz die Proteste fortzusetzen. Sie riefen zu einer "Demonstration der Millionen" auf . In einer Erklärung der Partei für Gerechtigkeit und Freiheit der Muslimbrüder hieß es, jede politische Lösung auf der Grundlage "verfassungsmäßiger Legitimität und der Zurückweisung des Putsches" gegen Mursi sei "willkommen".

Befürchtet wird ein neues Blutvergießen, sollten Ägyptens Sicherheitskräfte die Protestcamps der Mursi-Anhänger auf den öffentlichen Plätzen Rabaa al-Adawija und al-Nahda in Kairo räumen. Dort harren die Anhänger seit einem Monat mit Frauen und Kindern aus und fordern dessen Wiedereinsetzung ins Amt. Seit Mursis Sturz am 3. Juli wurden bereits mehr als 250 Menschen bei Zusammenstößen zwischen den feindlichen Lagern sowie mit Sicherheitskräften getötet. Tausende Menschen wurden verletzt.

"Chance auf eine friedliche Lösung"

Armeechef Abdel Fattah al-Sisi hält eine gewaltfreie Beilegung der Krise noch für möglich. "Es besteht noch die Chance auf eine friedliche Lösung, vorausgesetzt dass Gewalt vermieden wird", zitierte ihn Armeesprecher Oberst Ahmed Ali aus einem Gespräch mit vier islamistischen Geistlichen, das al-Sisi am Freitag geführt hatte. Die salafistischen Kleriker gehören nicht der Muslimbruderschaft an, dürften aber eine Art Vermittlerrolle spielen.

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Der US-Gesandte William Burns (l.) versucht, in Kairo zu vermitteln. Dazu sprach er auch mit dem derzeitigen Vizepräsidenten Mohammed al-Baradei.

(Foto: dpa)

Zuvor hatte al-Sisi Washington aufgefordert, sich bei den Muslimbrüdern für ein Ende ihrer Proteste einzusetzen. "Die US-Regierung hat großen Einfluss auf die Muslimbrüder sowie viele Möglichkeiten, Druck auszuüben und ich würde es sehr begrüßen, wenn sie dies nutzte, um den Konflikt zu lösen", sagte er der "Washington Post". Zugleich warf er den USA und der EU vor, die Ägypter "fallengelassen zu haben". "Sie haben ihnen den Rücken gekehrt", sagte al-Sisi.

Al-Sisi betonte in seinem ersten Interview seit dem Umsturz, dass ihn "30 Millionen Menschen" bei Anti-Mursi-Kundgebungen am 26. Juli unterstützt hätten. "Diese Menschen erwarten von mir, dass ich etwas tue." Der Armeekommandeur gilt derzeit als der eigentlich starke Mann in Ägypten. In der Übergangsregierung bekleidet er die Posten des ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten und des Verteidigungsministers.

Der Armeechef bekräftigte zudem seine Entschlossenheit, die Protestlager der Anhänger Mursis aufzulösen. Außenminister Nabil Fahmi betonte, die Regierung habe kein Interesse daran, Gewalt anzuwenden, solange noch nicht alle Mittel ausgeschöpft seien. Für alle politischen Kräfte einschließlich der Muslimbrüder stehe "die Tür offen", am politischen Prozess teilzunehmen.

Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen

Am Samstag hatte die Übergangsregierung die Anhänger des Islamisten Mursi erneut aufgerufen, ihren Protest zu beenden, "friedlich nach Hause und wieder an die Arbeit zu gehen". Ihnen werde in dem Fall sicheres Geleit versprochen, hieß es in einer im Fernsehen verlesenen Erklärung des Innenministeriums. Allerdings hieß es weiter, die Organisatoren der Dauerproteste würden verschiedener Verbrechen, darunter Mord und illegaler Waffenbesitz, verdächtigt und müssten deshalb juristisch zu Verantwortung gezogen werden.

In der Provinz Al-Minia kam es unterdessen nach Demonstrationen von Anhängern Mursis zu Gewalt zwischen Christen und Muslimen. In dem Dorf Raida hätten die Islamisten während eines Protestmarsches am späten Samstagabend eine Kirche und mehrere Häuser von Christen mit Steinen beworfen, berichtete das christliche Nachrichtenportal "Watani.net".

In dem Dorf Bani Ahmed al-Scharkija schritt die Polizei mit Tränengas ein, als sich nach einer Pro-Mursi-Demonstration in einem Teehaus ein persönlicher Streit zwischen einem jungen Muslim und einem koptischen Christen zu einer Straßenschlacht ausweitete. Die Kontrahenten warfen Steine und Brandbomben. Drei Zivilisten und ein Polizeioffizier wurden verletzt. Ein Vertreter der Organisation Kopten ohne Grenzen sagte dem Nachrichtenportal "youm7", die Mursi-Anhänger griffen zunehmend Christen an, "um Terror in der Gesellschaft zu verbreiten". Kirchenvertreter und maßgebliche muslimische Geistliche hatten vor einem Monat die Absetzung Mursis gebilligt.

Nach den Freitagsgebeten waren Mursis Anhänger zuvor zu Tausenden auf die Straßen gegangen. Der Protest vor einem Medienzentrum in einem Vorort von Kairo endete im Chaos. Die Polizei setzte Tränengas ein, die Demonstranten warfen Steine auf die Beamten. Eine große Menge marschierte zum Hauptquartier des Militärgeheimdienstes, drehte aber nach einem kurzen Protest vor dem Gebäude wieder um. Eine Demonstration vor dem Komplex der Republikanischen Garde wurde offenbar abgesagt - auf dem Weg dorthin waren zahlreiche Militärfahrzeuge postiert.

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa

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