Politik

Streifzug durch Region Aleppo In der "Mutter aller Schlachten"

2012-08-07T125034Z_01_GOT12_RTRMDNP_3_SYRIA-CRISIS.JPG4758920463805408853.jpg

Szene aus Aleppo: Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee bei Gefechten in Aleppo.

(Foto: REUTERS)

Der Bürgerkrieg in Syrien ist in der zweitgrößten Stadt des Landes angekommen. Wer die "Mutter aller Schlachten" in Aleppo gewinnt, hat gute Chancen, als Sieger in Syrien hervorzugehen. In der Stadt Azaz in der Region Aleppo haben Rebellen der Freien Syrischen Armee die Kontrolle übernommen.

"Anhalten, bitte Aussteigen, Fahrzeugkontrolle und den Kofferraum öffnen." Wir sind an einem Checkpoint der Freien Syrischen Armee (FSA) am Stadtrand von Azaz in der Region Aleppo. Mit der ungesicherten Kalaschnikow inspiziert einer der sechs Kämpfer den Inhalt unseres alten Renaults. Zwei andere - einer am Maschinengewehr und einer an einer einsatzbereiten Panzerfaust - scannen die umliegende Steppenlandschaft. Die Luft vibriert, in der Mittagssonne sind es über 50 Grad. Nach drei Minuten dürfen wir weiter, schließlich sind wir Journalisten. Alles in Ordnung.

2012-08-03T165413Z_01_GOT06_RTRMDNP_3_SYRIA-CRISIS.JPG8487349115788395958.jpg

In Azaz gelingt es den Rebellen der Freien Syrischen Armee, zahlreiche Panzer von Assads Truppen außer Gefecht zu setzen.

(Foto: REUTERS)

Am Morgen hatte die FSA Meldungen verbreitet, denen zufolge Regierungstruppen vom nur 10 Kilometer entfernten Flughafen angreifen könnten. Von dort fliegen sie seit einer Woche auch jeden Tag Luftangriffe auf die schwer umkämpfte Millionenstadt Aleppo.

Massenflucht aus Azaz

Wachsamkeit ist hier oberstes Gebot. Seit nunmehr zwei Wochen kontrollieren die Rebellen der FSA die Stadt Azaz. Einst wohnten hier 70.000 Menschen. Während der schweren Gefechte und Bombenangriffe im Juni und Juli sind mehr als zwei Drittel der Einwohner geflüchtet, in die Dörfer im Umland oder noch weiter über die nahe liegende Grenze in die Türkei. In der Stadt sind noch überall die Spuren der Kämpfe zu sehen: zerstörte und zerschossene Häuser vor einer eingestürzten Moschee, drei außer Gefecht gesetzte Panzer. Insgesamt zählen wir später in der Stadt über ein Dutzend davon.

Viele haben Angehörige verloren. "Das, was Assad und seine Armee hier gemacht haben, das macht kein Moslem. Sie haben wahllos auf und in unsere Häuser geschossen. Tagelang. Ich habe meine zwei Töchter verloren. Meine Frau habe ich in die Türkei gebracht. Ich bin hier geblieben, um die Reste unseres Hauses vor Plünderern zu schützen", erzählt uns ein Mann.

"Jetzt ist Frieden"

DAB2270_20120807.jpg3536786714630973899.jpg

Die Kämpfe in Aleppo fordern unzählige Tote und Verletzte.

(Foto: AP)

Die FSA hat in Azaz einen Soldatenrat gegründet, der jetzt das öffentliche Leben organisiert. Seit ein paar Tagen wird im Bäckereibetrieb wieder eigenes Brot gebacken. Es ist knapp, aber es reicht, um die Einwohner zu versorgen. Aber die Schlange vor der kleinen Luke, aus der heraus verkauft wird, ist lang. Ahmed, ein 23-jähriger FSA-Kämpfer mit Waffe um die Schulter, schlichtet Streitigkeiten. "Jeder bekommt etwas, je nach Familiengröße, niemand soll zu kurz kommen. Vor drei Wochen habe ich dort auf dem gegenüberliegenden Haus einen Scharfschützen Assads ausgeschaltet. Jetzt ist Frieden. Und das soll so bleiben."

Auf dem Weg ins Bürgermeisteramt werden die Rebellen, die uns begleiten, immer wieder freundlich begrüßt. Azaz ist keine typische Stadt im multi-ethnischen Syrien. Keine Alawiten, keine Christen - hier leben fast ausschließlich Sunniten. Das macht vieles einfacher, auch für Samir Haq Omar, den neuen Bürgermeister. Er war bis vor kurzem noch Lehrer und ist im Frühjahr der FSA beigetreten. Bei einem Tee, der hier als Zeichen der Gastfreundschaft ein Muss ist, erzählt er: "Wir sorgen für Strom, Wasser und Brot. Die Menschen, die vor den Kämpfen geflüchtet sind, kommen langsam zurück. Azaz kann ein Musterbeispiel für das neue Syrien werden."

Doch auch er weiß: Der Weg dahin ist noch lang und ungewiss.

"Mutter aller Schlachten"

DAB2183_20120807.jpg877212173350718895.jpg

Viele Rebellen blicken optimistisch in die Zukunft: Aus ihrer Sicht ist Assads Zeit abgelaufen.

(Foto: AP)

In Azaz schauen alle nach Aleppo, das mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern nach Damaskus die zweitgrößte Stadt Syriens ist. Seit gut einer Woche toben dort die schwersten Kämpfe seit dem Ausbruch der Unruhen vor 16 Monaten. Die Rebellen sagen, der Kampf von Aleppo sei die "Mutter aller Schlachten". Wer hier gewinnt, wird die Macht im ganzen Land ausüben. Gewinnen die Rebellen, ist das Tor offen in Richtung Hauptstadt. Der Druck auf Assad würde unheimlich zunehmen. Gewinnt Assad, wird das Regime wahrscheinlich versuchen, unter Anwendung brutaler Gewalt die alte Ordnung wieder herzustellen und alle Regimegegner als Terroristen brandmarken. Auch Azaz würde dann wohl durch die FSA kaum zu halten sein.

Es ist überhaupt bemerkenswert, wie weit es die FSA im Kampf gegen Assad gebracht hat. Denn ihnen fehlt eine übergeordnete Kommandostruktur, die Strategie und Taktik festlegt und die Operationen der einzelnen Einheiten untereinander koordiniert. Die FSA ist nicht viel mehr als ein Dachverband, unter dem sich die bewaffnete Opposition gegen Assad zusammengeschlossen hat. Jede Einheit agiert hochmotiviert und in sich geschlossen, aber eben weitgehend auf sich gestellt und alleine.

Wir merken das 15 Kilometer weiter in der Stadt Tall Rifat, nur noch einen Steinwurf von Aleppo entfernt. Rebellen-Kommandant Rafit Alhalili, der uns in einem Gebäudekomplex empfängt, dem nach außen hin nicht anzumerken ist, dass er ein Guerilla-Camp beherbergt, hat keinen großen Kontakt nach Azaz und auch nicht zu den Einheiten an der türkischen Grenze.

Enttäuschung über den Westen

2012-08-03T165546Z_01_GOT07_RTRMDNP_3_SYRIA-CRISIS.JPG161167341984424265.jpg

Ein außer Gefecht gesetzter Panzer steht in Azaz vor einer zerstörten Moschee.

(Foto: REUTERS)

Im Camp bereitet er seine Kämpfer auf den Einsatz in Aleppo vor. Die meisten sind Deserteure der syrischen Regierungsarmee: "Sie hatten befohlen, gegen die eigenen Leute vorzugehen und sie zu töten. Das konnte ich unmöglich tun", erzählt uns einer aus Rafits Truppe. Ein anderer fügt hinzu: "Wir sollten Autos stehlen, Häuser anzünden, Regime-Gegner töten. Deshalb bin ich desertiert und kämpfe jetzt für die FSA." Für den Einsatz in Aleppo sind sie hochmotiviert. Sie wissen um den Zustand der Assad-Armee. Viele dort seien demoralisiert. Genau darin sehen sie ihre Chance. Denn nur so, mit der Hoffnung auf den Untergang des Gegners, kann die FSA dem Dauer-Druck der zahlenmäßig und technisch überlegenen Armee überhaupt standhalten. Die Regierungsarmee hat Flugzeuge, Kampfhubschrauber, Artillerie und Panzer - die Rebellen haben fast all das nicht. In den vergangenen Tagen ist es ihnen immerhin gelungen, eine Reihe von Panzern zu erbeuten.

Rafit und auch andere Kommandeure fordern dringend mehr schwere Waffen. Vom Westen ist er enttäuscht: "Worte der Unterstützung alleine reichen nicht. Wenn der Westen wirklich auf unserer Seite ist, muss er uns eine adäquate Bewaffnung ermöglichen. Sonst können wir uns auf Dauer gegen die Flugzeuge und Artillerie nicht wehren."

DAB0245_20120802.jpg329824688108327609.jpg

Eine diplomatische Lösung mit Baschar al-Assad ist nicht in Sicht.

(Foto: AP)

Dennoch ist auch er optimistisch. 40 Prozent von Aleppo sei bereits in Rebellen-Hand. Kontrollieren kann das niemand, denn eine echte Frontlinie gibt es in der Stadt nicht. Es wird in vielen Stadtbezirken gekämpft - Straße um Straße, Haus um Haus. Beide Seiten haben sich auf einen Stellungskampf eingestellt, der Wochen oder vielleicht sogar Monate andauern kann. Die Lage dort ist seit Tagen unverändert. Schwere Kämpfe ohne entscheidende Gewinne.

Türkei fürchtet Überschwappen der Kämpfe

Aus Adana in der Türkei, so berichtet auch Rafit, könnten die erforderlichen Waffen kommen. Doch im Augenblick ist das Wunschdenken. Auch die Türkei ist einer offenen Parteinahme für die Rebellen nicht interessiert. Sie hat vielmehr vor knapp zwei Wochen die Grenzen zu Syrien dicht gemacht und aus Angst davor, dass die Kämpfe in die Türkei überschwappen könnten, zusätzliche Panzer und Raketenwerfer in das Grenzgebiet verlegt.

Ohnehin ist der nördliche Nachbar längst am Rande seiner Möglichkeiten angelangt. 45.000 Flüchtlinge leben bereits in sieben Lagern entlang der Grenze. Die Regierung in Ankara hat gerade weitere finanzielle Mittel freigegeben, um die Kapazität der Flüchtlingslager in den kommenden Wochen auf 100.000 zu verdoppeln, doch mehr geht dann wirklich nicht. Das sagen die Behörden in der Grenzregion auf türkischer Seite.

Rafits Truppe ist inzwischen abmarschbereit. Bevor es losgeht, gibt es ein letztes Gebet. Allahu Akbar, Allah ist groß. Sie holen sich Gottes Segen und sprechen sich gegenseitig Mut zu.

"Assad, deine Zeit ist abgelaufen"

Dann verteilen sich die knapp 20 Kämpfer auf zwei Pickups. Auf einen der beiden haben sie ein erbeutetes Maschinengewehr montiert, das mit einem Fahrradlenker gesteuert werden kann. Eine Panzerfaust haben sie auch dabei. Mit einem um den Kopf gebundenen Tuch, dunkler Sonnenbrille und eng bestücktem Patronengürtel sehen sie aus wie Guerilla-Kämpfer in einem Hollywood-Film. Doch sie wissen, dass es ernst ist: "Es kann sein, das ich sterbe", sagt uns einer der Männer. "Ich habe keine Angst davor, denn wenn das passiert, ist es für eine bessere Zukunft Syriens. So weiter leben wie bisher, das können wir nicht."

Die beiden Pickups rollen davon, in Richtung der umkämpften Stadt. Einen Tag später sehen wir auf YouTube Bilder, auf denen Rafits Truppe einen Panzer erbeutet hat. Nicht außer Gefecht gesetzt, wie die, die wir in Azaz gesehen haben, sondern erbeutet. Dieser Panzer ist einsatzbereit. In die wackelnde Handy-Kamera erzählt einer seiner Kämpfer, als die Assad-Soldaten sie hätten kommen sehen, seien sie raus aus dem Panzer und weggerannt, so schnell sie konnten. So gehe es jetzt weiter. Allahu Akbar. Und zusammen rufen sie laut: "Baschar al-Assad, verschwinde endlich, deine Zeit ist abgelaufen."

Auf dem Rückweg von Tall Rifat passieren wir noch einmal den Checkpoint bei Azaz. Sie erkennen uns vom Vormittag wieder, wir dürfen ohne Kontrolle passieren. Es ist spät, kurz vor Sonnenuntergang. Die Temperatur ist gesunken, es sind nur noch knapp über 30 Grad. Und es ist ruhig geblieben. Kein Angriff der Regierungstruppen vom nahe gelegenen Flughafen her.

Doch weit in der Ferne sehen wir den Rauch von Explosionen. Bis Aleppo sind es gerade 43 Kilometer.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema