Politik

Auseinandersetzung mit Moderne Islamische Welt durchlief Aufklärungsphase

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Süleyman-Pascha-Moschee in Istanbul.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Für viele Europäer bedeutet der Islam Rückständigkeit und Ablehnung alles Modernen. So warnt Thilo Sarrazin vor einer "feindlichen Übernahme" unserer Gesellschaft durch Muslime. Doch hält diese Sicht einer genaueren Analyse stand?

Thilo Sarrazin ist wieder in den Schlagzeilen - durch sein neues Buch "Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht". Der durch seine provokanten Thesen zu dieser Religion bekannte ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Bundesbankvorstand hat auch mit diesem Werk Erfolg: In Deutschland, Österreich und der Schweiz führt es die Sachbuch-Charts an. Erneut malt er das Schreckensgespenst einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft an die Wand.

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Mit neuem Anti-Islam-Buch in den Schlagzeilen: Thilo Sarrazin.

(Foto: imago/Metodi Popow)

Sarrazin, der eigenen Angaben zufolge den Koran vollständig gelesen hat und sich dadurch in die Lage versetzt sieht, diesen auch interpretieren zu können, widmet sich der Frage, inwieweit der Islam und die Einwanderung von Muslimen nach Europa "eine Gefahr für die Zukunft der westlichen Gesellschaft und unser Lebensmodell ist". Damit stellt er sich in die Reihe derjenigen, die suggerieren, dass es in der islamischen Welt im Gegensatz zu Europa keine Aufklärung gegeben habe. Es habe dort keine Persönlichkeiten wie Voltaire oder Jean-Jacques Rousseau gegeben, so eine im Westen weitverbreitete These.

Dass dies nicht so gewesen ist, verdeutlicht der der britische Journalist und Islamkenner Christopher de Bellaigue. Er hält mit seinem Buch "Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft" dagegen. De Bellaigue, der unter anderem für den "Guardian" und den "Economist" schreibt und mehrere Jahre in der Nahostregion gelebt hat, nimmt die aus seiner Sicht selbstgefällige Sicht des Westens auf die islamische Gesellschaft des 18., 19. und 20. Jahrhunderts aufs Korn. Für den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk, dem 2006 den Literaturnobelpreis verliehen wurde, ist das Buch "ein höchst origineller und informativer Überblick über die Konfrontation zwischen Islam und Moderne in Istanbul, Kairo und Teheran in den letzten 200 Jahren".

Auseinandersetzung mit westlicher Moderne

Der Autor schildert, dass es auch dort - wie in Europa - einen gesellschaftlichen Wandel gegeben habe. Es habe Menschen gegeben, die für Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung eintraten und auch Liberalität im islamischen Raum einforderten. Wie das Pamuk-Zitat bereits andeutet, konzentriert sich de Bellaigue sich bei seiner Analyse auf drei wichtige Städte. Warum? Er bezieht sich auf den "Verstand des Islam", der in den vergangenen gut 200 Jahren nach Istanbul, Kairo und Teheran geschaut habe, so "wie das Herz des Islam nach Mekka blickt", so der Autor. Vor allem in den drei Städten habe die Auseinandersetzung der islamischen Welt mit der westlichen Moderne stattgefunden.

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Nach seinem Abstecher an den Nil dienten auch ägyptische Soldaten in Napoleons Armee. Sie nahmen 1805 an der Schlacht gegen die Österreicher bei Elchingen teil.

(Foto: imago/UIG)

De Bellaigue kommt in dieser Hinsicht auch nicht an dem Klassiker des Aufeinandertreffens zwischen Orient und Okzident im auslaufenden 18. Jahrhundert vorbei - der Ägypten-Expedition des französischen Revolutionsgenerals und späteren Kaisers Napoleon Bonaparte von 1797 bis 1801. Bonaparte, der zuvor weite Teile Italiens für Frankreich gewonnen hat, träumt von neuem Ruhm auf den Spuren Alexanders des Großen und zerstört das dortige Mamluken-Reich. Das Direktorium, die Regierung in Paris, fürchtet dessen Ehrgeiz und lässt ihn daher gern ziehen. Ägypten gilt als sagenhaft reich und ist zugleich wichtige Station Großbritanniens auf dem Weg in sein indisches Kolonialreich. Obwohl die Franzosen nach nur vier Jahren vor einem britischen Expeditionskorps kapitulieren müssen, hinterlassen sie doch ihre Spuren in Ägypten. So wird es die fortschrittlichste Region des Osmanischen Reiches, auch weil Muhammad Ali, ein osmanischer Pascha, Napoleons Reformwerk fortführt.

Trotz seiner Niederlage galt Frankreich bei Teilen der ägyptischen Elite als Vorbild. Junge Männer zogen nach Europa und atmeten die Luft der Aufklärung und des Liberalismus ein. So hielt sich der Gelehrte Rifa'a al-Tahtawi von 1826 bis 1831 in Paris auf - als Imam einer Gruppe von Studenten, die Teil einer von Muhammad Ali entsandten ägyptischen Delegation waren. Für Tahtawi waren die Franzosen das klügste aller Völker, weil "sie sehr auf Hygiene achteten". Er registrierte die "ungezwungene Kleidung der Frauen". Nach seiner Rückkehr nach Ägypten setzte sich Tahtawi für den Schutz der dortigen Kulturdenkmäler ein. De Bellaigue erwähnt auch den ägyptischen Religionsgelehrten Muhammad Abduh, der die Möglichkeit sah, in seinem Land Religion und Moderne zusammenzubringen.

Mutige Feministinnen

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Christopher de Bellaigue

(Foto: imago/ZUMA Press)

Auch die Hauptstadt des riesigen Osmanischen Reiches, Istanbul, konnte sich dem Fortschritt nicht entziehen. Hier wurden liberale Werte des Westens übernommen und Reformen durchgeführt. So wurde im 19. Jahrhundert der Sklavenhandel untersagt und seitens der Machthaber die Gleichheit zwischen und Christen verkündet. De Bellaigue weist darauf hin, dass in dieser Zeit auch "die Trennung der Geschlechter ihren Niedergang" begann.

Die Rolle der Frau im Islam nimmt in seinem Werk einen großen Raum ein. So gab es im Kernland des Osmanischen Reiches, der heutigen Türkei, bereits im Jahr 1869 eine Frauenzeitschrift. In vorderster Front der Feministinnen stand die Schriftstellerin Fathma Aliye Topuz, die durch Europa reiste. So war sie unter anderem in Paris und besuchte dort ihre zum Katholizismus konvertierte Tochter. Im persischen Teheran kämpfte die Dichterin Fatima Baraghani um die Rechte der Frauen. Sie trat ohne Schleier in der Öffentlichkeit auf und war eine Anhängerin des sogenannten Babismus, der sich für eine bessere Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft einsetzte. Baraghani bezahlte ihr Engagement mit ihrem Leben, sie wurde 1852 im Alter von 38 Jahren hingerichtet.

Baraghanis gewaltsamer Tod ist ein Beispiel, dass die Gegenkräfte nach wie vor stark und in manchen Teilen der Region übermächtig waren. Konservative Islamgelehrte wehrten sich gegen alles, was aus Europa herübergeschwappt kam, ohne allerdings das Rad der Geschichte vollständig zurückdrehen zu können.

Koloniale Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg

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Die Kräfte der islamischen Reaktion bekamen Anfang des 20. Jahrhunderts Unterstützung - ebenfalls aus Europa. Der Erste Weltkrieg, zu dessen Ergebnissen der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches gehörte, setzte auch der Phase der Aufklärung ein Ende. Große Teile des Nahen Osten wurden zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. De Bellaigue bezeichnet das Völkergemetzel als "Wasserscheide in der Geschichte der islamischen Aufklärung", das die koloniale Ausbeutung der Muslime zur Folge hatte. Der politische Islam entstand, heute spricht man vom Islamismus. De Bellaigue nennt ihn "Bumerang der islamischen Aufklärung".

Für ihn wird die Gewalt gegen alles Moderne von einer Minderheit der Muslime praktiziert. Aber der Autor weist in seinem Buch darauf hin, dass die militante Gegenbewegung zur islamischen Aufklärung auch durch den Westen befeuert wurde beziehungsweise heute noch wird. So wurde das Öl ein wichtiges Streitobjekt. Ein Beispiel war der Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh im August 1953 durch eine Geheimdienstoperation der USA und Großbritanniens. Die parlamentarisch legitimierte Regierung von Mossadegh hatte zuvor die Verstaatlichung der Ölförder- und Raffinerieanlagen durchgesetzt. Der Westen setzte auf das Regime von Schah Reza Pahlevi. Dieser wurde Anfang 1979 durch die von Ajatollah Ruhollah Khomeini angeführte islamische Revolution gestürzt. Die schiitische Regionalmacht wird seitdem von den Mullahs beherrscht.

Das Buch von Christopher de Bellaigue beleuchtet die unzähligen Facetten des Islam - unvoreingenommen und mit vielen Details. Sein großer Vorteil im Vergleich zu Sarrazin ist, dass er vor Ort studiert hat, wie die islamischen Gesellschaften in einigen Ländern funktionieren. Und de Bellaigue verdeutlicht eindrucksvoll, dass im islamischen Raum die Realität doch sehr vielschichtig ist.

Quelle: n-tv.de

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