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Donnerstag, 30. August 2018

Sarrazin gegen den Koran: Ein Buch, das nur zerstören kann

Von Judith Görs

Deutschland steckt mitten in einer heiß geführten Asyldebatte; und das neue Buch von Thilo Sarrazin könnte zum Brandbeschleuniger werden: "Feindliche Übernahme" ist die wüste Demontage einer Weltreligion - und allein auf Spaltung angelegt.

Der Koran ist kein leicht zugängliches Buch. Er steckt voller Wiederholungen und Allegorien, hat eine komplexe Struktur. Und er erfordert einiges Wissen über den Propheten Muhammad und die historischen Hintergründe, um ihn richtig zu lesen und zu verstehen - mindestens aber einen ausführlichen Kommentar. Thilo Sarrazin hat darauf verzichtet. Er habe bei der Lektüre bewusst alles ausgeklammert, "was ich ansonsten über den Koran und den Islam gehört oder gelesen habe", schreibt er in seinem neuen Buch. Das ist schwer zu glauben. Selbst wer dem umstrittenen Autor die von ihm behauptete Unvoreingenommenheit bei der Lektüre abkaufen will, steckt schnell in der Zwickmühle: Denn seine Herabwürdigung dieses 1400 Jahre alten, religiösen Textes ist umfassend, kompromisslos und selbst für einen Atheisten teils schwer zu ertragen.

Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht
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Überraschend kommt das nicht. Schon in seinem ersten Buch "Deutschland schafft sich ab" von 2010 stürzte sich Sarrazin vorwiegend auf muslimische Zuwanderer - und die breite Kritik daran empfindet er, der doch "nur der Bote" gewesen sei, bis heute als Kränkung. Nun steht der Wind sehr günstig für sein Nachfolgewerk: Inmitten einer nervös geführten Debatte um verkorkste Abschiebungen, brutale Mädchenmorde und wachsenden Antisemitismus in Deutschland liefert "Feindliche Übernahme" auf 420 Seiten reichlich Stoff für neurechte Endzeitszenarien. Dass Sarrazins ursprünglicher Verlag - Random House - das Werk nicht mehr herausgeben wollte, weil es in der damals vorliegenden Form "nicht publikationsfähig" gewesen sei, beschäftigt seit Monaten das Landgericht München.

Offiziell geht es in dem Streit nicht um den Inhalt, sondern lediglich um Formales - doch es mag schon mehr im Argen liegen als ein paar ungeprüfte Fußnoten, wenn sich ein Verlagshaus trotz der Buchkrise freiwillig den nächsten potenziellen Verkaufsschlager durch die Lappen gehen lässt. Im Gespräch mit der "Zeit" ließ Verlagschef Thomas Rathenow vor ein paar Tagen immerhin durchblicken, ihn habe die "religionsdeterministische Perspektive" des Buches gestört. Was er damit meinte, ist nun für jedermann nachzulesen: Sarrazin reduziert den Islam Seite um Seite auf eine reine Gewaltideologie - und als Wurzel allen Übels hat er den Koran ausgemacht: Wer das heilige Buch beim Wort nehme, müsse darin die inhumane, intolerante und "gegenüber Wissen und Fortschritt gleichgültige Natur des Islam" erkennen.

Lesen - aber nicht verstehen

Den Koran wörtlich nehmen - das allein zeugt schon von reichlich Ignoranz. "Man sollte niemandem trauen, der einfach so aus dem Koran zitiert - egal ob er Muslim ist oder nicht", warnte einst der afghanisch-deutsche Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi. Seit vielen Jahrhunderten interpretieren Geistliche und Islamologen die religiöse Schrift, es gibt zahlreiche Übersetzungen aus der bedeutungsreichen arabischen Sprache. Wie unterschiedlich die Botschaft Muhammads ausgelegt wird, zeigt etwa die Tatsache, dass "Dschihad" sowohl mit "Heiliger Krieg" als auch "Bemühen" ins Deutsche übersetzt werden kann.

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Doch diese Divergenz ignoriert Sarrazin ganz bewusst. Ihm genügt es, jene Suren zu zitieren, die Gewalt und Krieg gegen Ungläubige rechtfertigen - und davon gibt es tatsächlich einige im Koran. Allein die "wollüstige" Beschreibung der Hölle trüge, so Sarrazin, "sadistische Züge". Ironischerweise tut er, indem er bestimmte Textstellen aus dem Kontext reißt, genau das, was auch Islamisten machen, um ihre Gräueltaten zu rechtfertigen. Der Missbrauch der heiligen Schrift für die eigene politische Agenda - das ist keineswegs ihr Alleinstellungsmerkmal.

Nun dürften es nicht wenige Menschen völlig unerheblich finden, wie ein Ex-Finanzsenator von Berlin über den Koran denkt - und das wäre es wohl auch, würde Sarrazin nicht mitten hineinstechen in die ohnehin köchelnde Volksseele, indem er dem Koran und allen gläubigen Muslimen eine feindselige Grundhaltung gegenüber der westlichen Welt attestiert und ihnen gleichzeitig jeden Reformwillen abspricht. "Die demokratische Idee", schreibt der Autor, "ist unislamisch, weil sie nicht auf der Herrschaft Gottes gründet." Ohnehin passe selbstständiges Denken laut Sarrazin nicht zur starren, islamischen Weltsicht - damit erkläre sich im Übrigen auch der Rückstand islamischer Länder in Technik, Forschung und Wissenschaft.

Eigenständig trotz Kopftuch

Der Frage, wohin das alles führt, widmet Sarrazin ein komplettes Kapitel: Mit der Migration aus islamischen Ländern importiere der Westen neben religiösem Fundamentalismus auch Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus. Eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern der "neuen Welle" - gemeint ist die Flüchtlingsbewegung von 2015 - sei "gar nicht mehr möglich, weil es für sie an quantitativ und qualitativ ausreichender deutscher Umgebung fehlt". Wie deutsch "ausreichend" ist, erklärt Sarrazin leider nicht.

Um der kolportierten Bedrohungslage noch etwas mehr Schärfe zu verleihen, unterstellt er den europäischen Muslimen den "Versuch, dem Aufnahmeland die eigenen kulturellen und religiösen Maßstäbe und Lebensweisen aufzuzwingen". Die Klagen mehrerer muslimischer Lehrerinnen gegen das Kopftuchverbot an Schulen interpretiert er als Machtanspruch - nicht als legitime und rechtstaatlich garantierte Form des Kampfes für individuelle Freiheit.

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Die eigenständig denkende Muslima? Für Sarrazin ist sie eine Wunschvorstellung unbelehrbarer Linksliberaler und Alt-68er. Der größte Teil der Frauen "vom Hindukusch bis nach Berlin-Neukölln" sei vergleichbar mit Geiseln, die sich mit ihren Entführern solidarisieren, "weil sie es nicht ertragen, im Dissens mit der einzigen sozialen Umwelt zu leben, die ihnen zugänglich ist". Sätze wie dieser machen "Feindliche Übernahme" zu einer polemischen Streitschrift, die dem Islam gar nicht die Chance geben will, dazuzugehören. 

Doch nicht alles von dem, was Sarrazin als unvermeidliche Folge der Migration aus islamischen Ländern in Aussicht stellt, ist populistisches Getöse: Tatsächlich dürfte die Zahl der Muslime allein durch die höhere Geburtenrate bei muslimischen Frauen und weitere Zuwanderung in Zukunft steigen - das wahrscheinlichste Szenario geht für 2050 von einem Bevölkerungsanteil von 10,8 Prozent aus. Gesellschaft, Politik und Behörden stehen ohne Zweifel vor großen Aufgaben. Aber Integration ist keine Einbahnstraße; auch wenn Sarrazin das offenbar anders sieht und sich grämt, dass er kaum Kopftuchträgerinnen in "Buchhandlungen, in Museen, in der Oper, in Konzerten oder bei der Besichtigung von Schlössern und Kirchen" begegnet. Man stelle sich den Autor an dieser Stelle bitte in einem Neuköllner Hammam vor.

Euro-Islam hat (k)eine Zukunft

Sarrazins Buch ist ohnehin nicht auf Konsens angelegt, sondern auf Spaltung. Es gibt ein "Wir" - die Nichtmuslime in Europa. Und dann gibt es ein "Sie". Dazwischen schaufelt er ideologische Gräben. Entsprechend wenig kann der 73-Jährige mit der Idee des Euro-Islam anfangen. Die wenigen Vertreter dieser liberalen Strömung seien in der Minderheit, behauptet Sarrazin. Und sie hätten längst vor der reformunwilligen Mehrheit kapituliert. Für einige mag das zutreffen - den syrisch-stämmigen Islamologen Bassam Tibi zum Beispiel. Aber die Debatte über einen modernen, aufgeklärten Islam ist keineswegs tot. Frauen wie die Iranerin Ziba Mir-Hosseini und Ägypterin Nawal El Saadawi kämpfen seit Jahren für einen islamischen Feminismus. Hätten sie nicht mindestens genauso viel Aufmerksamkeit verdient wie eine Berliner Jugendliche, die dem Salafismus aufgesessen ist?

"So etwas wie eine beständige Religion gibt es nicht", hat El Saadawi einmal gesagt - auch der Islam befinde sich demnach im Wandel. Glaubt man dieser Theorie, nimmt der Westen im Veränderungsprozess bislang keine sonderlich glückliche Rolle ein. Diskutiert werden stets Verbote. Kein Minarett, kein Gebetsruf, keine Burka. Geht es nach Sarrazin, fehlen noch das generelle Kopftuchverbot für Schülerinnen und, Donald Trump lässt grüßen, ein Einwanderungsverbot für Muslime. Deren "wirtschaftlichen Nettobeitrag" stellt er ohnehin infrage - ebenso wie ihre Motivation, sich berufsqualifizierende Fähigkeiten anzueignen, würden sie doch "beim Warten und Nichtstun" schnell merken, dass "der deutsche Sozialstaat sie mit Wohnraum, Krankenversicherung und Geldleistungen gut versorgt".

Nicht einmal Sarrazin wird glauben, dass seine Mär vom faulen Muslim irgendeine Art des kulturellen Dialogs fördert. Sein Buch ist in diesem Sinne zutiefst destruktiv; es kann nur Vertrauen zerstören. Trotzdem wird es Auflage machen. Dabei gibt es durchaus Lesarten der gesellschaftlichen Teilhabe von Muslimen, die weder bestehende Konflikte beschönigen noch die abendländische Apokalypse herbeizitieren. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat eine davon in seinem Buch "Das Integrations-Paradox" beschrieben. Darin heißt es, wer davon ausgehe, "dass Konfliktfreiheit ein Gradmesser für gelungene Integration und eine offene Gesellschaft ist, der irrt. Konflikte entstehen nicht, weil die Integration von Migranten und Minderheiten fehlschlägt, sondern weil sie zunehmend gelingt". Muslime, die in Deutschland für ihre Rechte eintreten - ob vor einem Arbeitsgericht oder unter dem Hashtag #metwo - sind der beste Beweis dafür.

Quelle: n-tv.de