Politik

Rückkehr mit Fragezeichen Israel fiebert Schalit entgegen

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Gilad Schalits Vater Noam hisst auf dem Dach seines Hauses in Mitzpe Hilah die israelische Flagge.

(Foto: dpa)

Die Vorbereitung für den Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas läuft auf Hochtouren. Doch zur Freude der Eltern von Gilad Schilat über die Freilassung ihres Sohnes gesellt sich Sorge um seinen Zustand. In Israel reißt die Diskussion um den Deal mit der Terrororganisation nicht ab.

Noam Schalit macht erst einmal Gartenarbeit und bewässert den vergilbten Rasen vor seinem Haus im galiläischen Mitzpe Hilah. Aviva Schalit räumt das Zimmer ihres Sohnes Gilad auf. Vor über fünf Jahren ist der damals 19 Jahre alte Panzerschütze Gilad Schalit von einem Hamas-Kommando auf einer israelischen Patrouillenstraße entführt und in den Gazastreifen verschleppt worden. Seitdem gab es nur wenige Lebenszeichen von ihm, zuletzt 2009 kurze Filmaufnahmen. Selbst das Internationale Rote Kreuz (IKRK) hatte keinen Zugang zu ihm, entgegen jeglichen Konventionen. "Ich weiß nicht, was für ein Kind ich zurückerhalten werde", sagt Aviva.

Seit Jahren hausen Aviva und Noam auf einem Bürgersteig in Jerusalem, in einem Zeltverschlag, knapp hundert Meter von der Residenz des Ministerpräsidenten entfernt und in Sichtweite des Café Moment, wo im März 2002 ein Selbstmordattentäter der Hamas elf Menschen - überwiegend Friedensaktivisten - ermordete und 54 weitere verletzte.

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Aviva und Noam Schalit protestieren seit Jahren in einem Zelt vor der Residenz von Ministerpräsident Netanjahu für die Freilassung ihres Sohnes Gilad.

(Foto: AP)

Tausende pilgerten zu dem Verschlag, wo täglich eine große Zahlentafel aktualisiert wurde. Zuletzt, am Donnerstag, stand da 1934, die Zahl der Tage und Nächte Gilads in Geiselhaft. Jetzt gilt es für die Familie Schalit, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Auch die Menschen in Israel müssen nach fünf Jahren Kampf um die Befreiung des Soldaten wieder "zur Normalität" zurückfinden. Die Geiselhaft war ein hochemotionales Phänomen. Es hatte die ganze Gesellschaft erfasst. Autofahrer hatten sich Sticker auf die Stoßstangen geklebt und ein gelbes Bändchen an die Rückspiegel gehängt. Sie beteiligten sich an Demonstrationen und Kundgebungen. Kinder ließen bemalte Luftballons in die Luft steigen.

Gilad war "völlig überrascht"

Und jetzt gilt es, den jungen Soldaten zum "militärischen Sperrgebiet" zu erklären, um ihn vor einem Ansturm der Presse, vor zu viel Freude und Überschwänglichkeit zu schützen, so ein Schalit-Aktivist.

Eine namentlich nicht genannte Quelle hatte einem israelischen Rundfunkreporter erzählt, dass Gilad Schalit "völlig überrascht" gewesen sei, als seine Wächter ihm die bevorstehende Freilassung mitteilten. Man habe ihm frische Kleidung organisiert und die Haare geschnitten. Vertreter des IKRK würden Schalit nicht bei seinem Versteck in Empfang nehmen dürfen. Die Hamas werde ihn zur Grenze nach Ägypten bringen. Von dort werde er zur israelischen Grenze gebracht, wo er im Schutze vieler Truppen empfangen und mit einem Jasur-Hubschrauber zum Luftstützpunkt Tel Nof geflogen werde. Nur Premierminister Benjamin Netanjahu, der Verteidigungsminister und der Generalstabschef sowie die Eltern dürften Schalit begrüßen. Lediglich ein Armeefotograf werde die Szene dokumentieren.

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Ein Foto des israelische Fernsehens zeigt Gilad Schalit 2009, drei Jahre nach seiner Entführung,.

(Foto: dpa)

Generalstabschef Benny Gantz, Oberbefehlshaber der israelischen Armee, hatte am Donnerstag die Schalit-Familie in Mitzpe Hila besucht, um "vor allem technische Dinge" zu besprechen. Niemand kennt den Zustand des seit fünf Jahren in Isolierhaft sitzenden Soldaten, der ohne jeden Kontakt zur Außenwelt war. Psychologen werden ihn begleiten. Die erste Nacht in Freiheit soll er in seinem Bett zu Hause schlafen. Sein Elternhaus soll großräumig abgeriegelt werden. Mitzpe Hila wird zum Sperrgebiet erklärt.

Ebenfalls am Dienstag, so die Planung, werden 450 der zur Freilassung vorgesehenen palästinensischen Häftlinge "an Händen und Füßen gefesselt" in Bussen zum Grenzübergang nach Gaza, nach Jerusalem und ins Westjordanland gefahren. Dort erwartet vor allem die "schwergewichtigen" Gefangenen mit mehrfachen lebenslänglichen Haftstrafen ein Heldenempfang.

Die Freude ist getrübt

Doch die Freude ist getrübt. Laut unbestätigter Angaben der Hamas dürfen gemäß dem Deal nur 272 von 450 Häftlingen heimkehren. Der Rest soll abgeschoben werden, in den Gazastreifen und in Drittländer. Schweden und Norwegen wurden genannt. Zudem verbleiben noch etwa 8000 Gefangene in israelischen Gefängnissen, darunter namhafte Häftlinge wie Ahmed Saadat und Marwan Barghuti. Deren Familien sind werfen der Hamas empört vor, sie "vergessen" zu haben.

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Palästinenser fordern die Freilassung ihrer in israelischen Gefängnissen inhaftierten Angehörigen.

(Foto: REUTERS)

Empört sind auch rechtsgerichtete Israelis darüber, dass es keine Lobby gäbe für eine Amnestie für zwölf jüdische "Terroristen" wie Ami Popper oder Chagai Amir (der Bruder des Rabin-Mörders). Sie haben Mordanschläge auf Araber geplant oder verübt.

Unmut über den Gefangenenaustausch kam auch beim 27 Jahre alten Shvuel Schijveschuurder auf. Er hat das Rabin-Denkmal in Tel Aviv mit weißer Farbe und Sprüchen bemalt. Schijveschuurder hatte 2001 in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro seine Eltern und drei Geschwister verloren und ist danach in die Drogenszene abgerutscht. Die bis heute reuelose wie hasserfüllte Ahlam Tamimi hatte den Selbstmordattentäter zu Sbarro gefahren und dafür 16 Mal "lebenslänglich" erhalten. Sie wird am Dienstag wieder frei sein.

Cohen: Entlassene werden weitermachen

Solange keine offizielle Liste der Freigelassenen vorliegt, lässt sich nicht errechnen, wie viele Morde an Israelis ungesühnt bleiben. Geheimdienstchef Yoram Cohen sagte im Rundfunk, dass 60 Prozent vorzeitig freigelassener Terroristen zu ihrem alten Geschäft zurückkehren und 15 Prozent wieder im israelischen Gefängnis landen. Allein der 2004 vom deutschen BND-Vermittler ausgehandelte Tausch des im Libanon festgehaltenen Drogenhändlers Elhanan Tenenbaum und Leichen von drei Soldaten für 435 Gefangene habe 27 Israelis das Leben gekostet.

Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm.

Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.

Quelle: n-tv.de

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