Politik

"Mit dem Feind kollaboriert"Israel geht gegen Macher von Film über Gaza-Kriegsführung vor

14.09.2026, 21:01 Uhr
00:00 / 04:26
619178212
Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Preisverleihung in Venedig. (Foto: picture alliance / Captital Pictures)

Die israelischen Filmemacher Rachel Szor und Yuval Abraham decken anhand anonymer Interviews mit israelischen Militärmitarbeitern vermeintliche Kriegsverbrechen im Gazastreifen auf. Von Armee und Regierung kommt heftiger Gegenwind. Wird ihnen sogar die Staatsbürgerschaft entzogen?

Mit Blick auf den beim Filmfestival in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Dokumentarfilm "NAZA" zum Gaza-Krieg hat Israels Generalstabschef mehrere Maßnahmen angeordnet. Militärchef Ejal Zamir habe den Militärstaatsanwalt nach einer Beratung angewiesen, "mögliche rechtliche Schritte im Zusammenhang mit dem Film und den daran Beteiligten zu prüfen und voranzutreiben", teilte die Armee auf X mit.

Dies betreffe unter anderem "die Verbreitung falscher Behauptungen über Soldaten der israelischen Armee sowie mögliche Auswirkungen auf deren persönliche Sicherheit und die Sicherheit des Staates", hieß es weiter. Außerdem sollten Aspekte der Informationssicherheit sowie eine Weitergabe geheimer Materialien durch mögliche Beteiligte geprüft werden.

Der Film "NAZA" von Rachel Szor und Yuval Abraham wirft einen Blick auf die mutmaßlichen Mechanismen hinter der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen. Abraham interviewt darin 24 israelische Militär- und Geheimdienstmitarbeiter. Ihre Stimmen wurden digital verzerrt, ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Die Interviewten schildern unter anderem, wie Ziele im Gazastreifen ausgewählt und wie viele zivile Opfer bei Angriffen einkalkuliert würden.

Der Titel bezieht sich laut den Filmemachern auf eine Abkürzung, die von der Armee genutzt wurde, um solche "Kollateralschäden" bei jedem Angriff einzuschätzen. Einer der Befragten sagt in dem Film, dass bei einem Angriff auf ein einziges Ziel 500 Menschen in der Umgebung getötet worden seien.

Den beiden preisgekrönten Regisseuren der Gaza-Dokumentation sollen nach dem Willen von Israels Kulturminister Miki Zohar ihre israelische Staatsbürgerschaft entzogen werden. Zohar teilte bei X mit, er habe das Innenministerium kontaktiert, um diesen Schritt gegen die Filmemacherin Szor und ihren Kollegen Abraham zu prüfen, weil ihnen "die Loyalität gegenüber dem Staat fehlt und sie mit dem Feind kollaboriert haben".

Zohar erklärte, er habe die israelischen Behörden zu einer Untersuchung aufgefordert, um die anonymen Militärquellen in der Doku zu identifizieren. Kulturminister Zohar warf den nun "Verrat am Staat" Israel vor. Sie seien bereit, "ihrem Heimatland zu schaden, um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu erhalten".

Militärchef spricht von Lügen

Die israelische Armee weist die Vorwürfe aus dem Film scharf zurück. Sie kritisierte insbesondere, dass die Dokumentation auf anonymen Aussagen beruhe, deren Urheber und deren tatsächliche Funktion beim Militär nicht überprüft werden könnten. Auch Angaben zum Einsatz Künstlicher Intelligenz dementierte die Armee. Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal getroffen.

Generalstabschef Zamir sagte, es handele sich nicht um einen kritischen Film über die israelische Armee, sondern um Verleumdung und eine "bewusste Verzerrung der Realität sowie lügnerische und schwerwiegende Anschuldigungen gegen Soldaten und Kommandeure der israelischen Armee". Die Armee werde "alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen", um ihre Soldaten und das Ansehen des Militärs zu schützen.

Beim Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wurden in Israel rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der beispiellose Angriff löste den Gaza-Krieg aus. Seitdem wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 73.600 Palästinenser getötet. Menschenrechtsorganisationen und UN-Gremien werfen Israel wegen seines Vorgehens im Gaza-Krieg Kriegsverbrechen und Völkermord vor.

Quelle: ntv.de, dsc/dpa/AFP

IsraelPalästinenserKriegsverbrechenGazastreifenHamasPressefreiheitFilm