Politik
Die großen Themen des Menschseins wie Familie und Heimat kehren zurück, glaubt Weimer.
Die großen Themen des Menschseins wie Familie und Heimat kehren zurück, glaubt Weimer.(Foto: imago/photothek)
Sonntag, 14. Januar 2018

"Wie 1968, nur andersherum": Ist Konservatives wirklich in Mode?

Der Publizist Wolfram Weimer veröffentlicht in dieser Woche ein "Konservatives Manifest". Das Buch "für eine neue Bürgerlichkeit" dürfte polarisieren. Wir haben beim Autor nachgefragt, warum Konservative plötzlich so umtriebig sind.

n-tv.de: Deutschland erinnert sich 2018 an die 68er-Bewegung. Finden Sie zum 50-Jährigen daran denn gar nichts Gutes?

Wolfram Weimer ist Publizist und Kommentator des Zeitgeschehens. Er ist Verleger großer Publikumsmedien wie "The European" und "Wirtschaftskurier". Zudem gründete er 2004 das Magazin "Cicero" und ist dort bis heute Gründungsherausgeber. Er schreibt zudem bei n-tv.de wöchentlich die Kolumne "Person der Woche".
Wolfram Weimer ist Publizist und Kommentator des Zeitgeschehens. Er ist Verleger großer Publikumsmedien wie "The European" und "Wirtschaftskurier". Zudem gründete er 2004 das Magazin "Cicero" und ist dort bis heute Gründungsherausgeber. Er schreibt zudem bei n-tv.de wöchentlich die Kolumne "Person der Woche".

Wolfram Weimer: Doch, schon. Die kritische Generation von damals hat Deutschland ohne Frage liberalisiert, demokratisiert und modernisiert. Und als politische Bewegung hatte sie auch positive Erfolge - die Emanzipation der Frauen vor allem.

Warum kritisieren Sie das politische Erbe der 68er dann so vehement und formulieren just zum großen Jubiläum ein Manifest der Gegenreformation?

Weil die linke Gedankenwelt ausgebrannt und versteinert wirkt. Gefühlt gestrig wie Telefonzellen in einer digitalen Mobilfunkzeit. Das Comeback des Konservativismus hängt eng mit dem Niedergang linker Ideologie zusammen. Denn die erinnert viele Menschen im besseren Fall an zeigefingernden Etatismus und bürokratische Übersteuerung. Im schlechteren Fall wittert man "Die-Partei-hat-immer-recht"-Betondenker, sozialistischen Stacheldraht und Unterdrücker von Venezuela bis Nordkorea. Während das Linkssein einst mal helfend-warm-mitfühlend war, wirkt es zusehends nurmehr soziologisch, kratzig oder kasernenhaft.

Soll nun aber ausgerechnet das Konservative nicht mehr gestrig und gar modern sein?

Echtes Konservativsein ist nicht gestrig, weil es ja gerade nicht ein Hängen an dem bedeutet, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt. Dass es Werte gibt, die Zeiten und Moden überdauern, dass es Dinge im Leben gibt oder geben sollte, die heilig sind, dass es ganz lange Linien unserer Identität gibt, die wichtig sind - all das fasziniert die Menschen des 21. Jahrhunderts mehr als irgendwelche Umverteilungsfragen. Die wilde Raserei der Globalisierung lässt überall Entschleunigungsreflexe wach werden, von der Retrokultur bis zur Nachhaltigkeitssehnsucht. Darum kehren die großen Themen des Menschseins von der Religion über die kulturelle Identität bis zu Familie und Heimat mit dieser Wucht zurück in das Massen-Bewusstsein und prägen zusehends Politik. Den Menschen geht es nicht mehr so sehr um Materialismus, es geht ihnen um Sinn und Geborgenheit. Sie spüren - es gibt keine Zukunft ohne Herkunft.

Erklärt das Ihrer Meinung nach den länderübergreifenden Rechtsruck in vielen westlichen Ländern?

Zum Teil schon. Dahinter steckt mehr als nur Wutbürgerprotest gegen Fehler in der Migrations- oder Europolitik. Wir erleben eine neo-konservative Zeitenwende, ähnlich wie 1968, nur eben politisch genau andersherum. In allen europäischen Staaten erlebt die Familie ein großes Comeback und fordert das Bürgertum eine politische Hinwendung zu Sicherheit, Recht, Heimat und einer bürgernäheren, liberaleren Staatsidee. Die sozial-paternalistischen Fürsorgestaaten der Parteienoligarchien werden tiefer hinterfragt. Man kann darin auch einen freiheitlichen Demokratie-Impuls sehen, wenn immer mehr Menschen sich gegen staatliche oder parteiliche Bevormundung wehren. Auch das öffentlich-rechtliche Mediensystem gerät darum in vielen Ländern Europas nun unter Druck.

Der Verlag kündigt das Buch als "Gift für Linke und eine Zumutung für Rechte" an. Dass Linke sich über Ihr Manifest aufregen, kann man erwarten. Aber inwiefern sollten sich denn Rechte daran reiben?

Die tiefen Kraftquellen des Konservativseins sind Werte, aber keine parteilichen Richtungsfragen. Die neue Rechte in Europa bedient dagegen häufig Ressentiments, Autoritarismus oder Nationalismus. Das ist dem Wertkonservativen zuwider. Er achtet Toleranz, die Menschenwürde, ist Europäer und womöglich Patriot. Im Gegensatz zum Nationalisten liebt der Patriot seine Heimat zwar, verachtet aber die Heimaten der anderen nicht. Man sollte daher den Wertkonservativismus nicht ruppigen Rechten überlassen. Mein Buch wird wertkonservativen Menschen vieler Parteien gefallen, manchen in der AfD aber überhaupt nicht.

Und um diese "neue Bürgerlichkeit" zu verstehen, braucht es wirklich zehn Gebote und ein Manifest als "positiven Leitfaden"?

Konservative mögen Ordnung. Und das Bürgertum in Deutschland hat eine große, alte Stärke - es ist verliebt ins Gelingen.

Mit Wolfram Weimer sprach Tilman Aretz

Quelle: n-tv.de