Politik

Abgeordnete in Zahlen und Daten Der Bundestag hat ein ganz neues Gesicht

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Die 27-jährige Grüne Nyke Slawik steht für einen Trend im Bundestag: Mehr Abgeordnete sind jung, weiblich und haben Migrationsgeschichte.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Eine Datenanalyse zeigt: Nicht nur die Linksverschiebung bei der Bundestagswahl hat das deutsche Parlament mächtig durcheinandergewirbelt. Die neue Abgeordnetengeneration ist jünger, weiblicher und bunter - was sich auch auf die kommende Regierung auswirken könnte.

Zu Beginn der 20. Legislaturperiode steht die Bundestagsverwaltung vor einer denkbar großen Aufgabe: Die Zahl der Abgeordneten hat sich zwar mit 735 Abgeordneten nicht so sehr vergrößert wie befürchtet. Für die zusätzlichen 24 Abgeordneten finden sich sowohl Büros als auch genügend Platz im Plenarsaal. Allerdings sind 279 Männer und Frauen neu im Bundestag, fast alle von ihnen zum ersten Mal. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der nach zehnjähriger Abwesenheit zurückkehrt, ist eher die Ausnahme.

Die vielen Neuen müssen sich nun mithilfe der Parlamentsverwaltung und ihrer Fraktionen erst einmal zurechtfinden, zumal viele noch sehr jung sind: 63 Männer und Frauen sind zwischen 23 und 30 Jahre alt. Die jüngste von ihnen ist die Hamburgerin Emilia Fester von den Grünen. 57 Jahre, zwei Generationen, trennen sie vom ältesten Parlamentarier Alexander Gauland; bis zur Wahl Fraktionschef der AfD, nun Ehrenvorsitzender der Fraktion.

Der jüngste Bundestag im wieder vereinten Deutschland

Fester und Gauland sind durchaus exemplarisch für ihre Parteien: Während in der Grünen-Fraktion jedes vierte Mitglied nicht älter als 30 Jahre ist (Fraktionsschnitt: 42,6 Jahre), sind es bei der AfD nur drei von 83. Die Partei stellt mit einem Schnitt von 51,2 Jahren die älteste Fraktion. Weil aber die Grünen und die SPD, als größte und zugleich zweitjüngste Fraktion, die Parteien mit den meisten Mandatszugewinnen sind, wirkt sich das auch auf das Durchschnittsalter des höchsten deutschen Parlaments aus: Der Altersdurchschnitt sinkt mit 47,5 Jahren um fast zwei Jahre.

Damit ist der Bundestag so jung wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Für eine alternde Gesellschaft ist das eine bemerkenswerte Entwicklung. Schließlich sind fast 40 Prozent der Wahlberechtigten älter als 59 Jahre alt. Jeder fünfte ist 70 Jahre und älter. Dass Wähler, je älter sie werden, umso mehr zu konservativen Parteien - also vor allem zur Union - neigen, lässt sich zumindest für diese Bundestagswahl nicht feststellen. Die Unionsfraktion hat sich nicht deutlich verjüngt, obwohl jeder vierte Unionsabgeordnete neu ist im Bundestag. Die Wahlkreise und Listenplätze älterer Abgeordneter, die nicht wieder angetreten sind, wurden demnach eher an Politikerinnen und Politiker vergeben, die 40 Jahre und älter sind.

Der allgemeine Trend zur Verjüngung hat absehbar politische Folgen: Bei der SPD gehört nunmehr ein Viertel der Abgeordneten der Nachwuchsorganisation der Jungsozialisten an, die bis ins vergangene Jahr hinein von Kevin Kühnert geführt wurde. Die neue Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal zog ebenfalls in den neuen Bundestag ein. Die traditionell links vom Establishment der SPD stehenden Jusos könnten zum spannenden Faktor werden in einer Regierungskoalition unter Führung des eher konservativen Scholz mit der FDP. Ebenso verhält es sich mit den Grünen: 19 Prozent der Grünen-Abgeordneten sind zwischen 23 und 29 Jahre alt. Viele haben sich in der Klima-Bewegung politisiert. Ihre Erwartungen an die klimapolitischen Maßnahmen der nächsten Bundesregierung sind hoch. Auch spannend: Die beinahe aus dem Bundestag geflogene Linke stellt als - nach ihrem Selbstverständnis - progressive Partei die zweitälteste Fraktion nach der AfD.

AfD ist ein Männerverein

Die vielen neuen Abgeordneten ändern aber nicht nur die Altersstruktur des Bundestags. Er ist auch weiblicher und diverser geworden. Der Frauenanteil steigt von 20 auf 24 Prozent. Weil der Bundestag gewachsen ist, ist die absolute Zahl an Frauen sogar noch deutlicher gewachsen: von 218 auf 255.

Dass der Anteil der Frauen gestiegen ist, lässt sich nur zum Teil auf die Parteien des linken Lagers zurückführen: In der Union nämlich ist der Anteil der Frauen von rund 25 auf rund 31 Prozent gestiegen, weil die herben Verluste der Union insbesondere die Herren von der CDU trafen: Die sind stärker unter den Direktwahlkandidaten vertreten als auf den Landeswahllisten, wo sich die Landes- und Bundesparteien um mehr Parität bemühen. Wen allerdings die Wahlkreise als Kandidaten aufstellen, lassen sich die männlich dominierten Ortsverbände nicht aus irgendwelchen Hauptstädten sagen. Während die CSU trotz Stimmenverlusten fast alle Wahlkreise halten konnte, verloren viele CDU-Männer ihren Wahlkreis an SPD, AfD und sogar an Grüne.

Wie schon beim Alter bewegen sich Grüne und AfD auch beim Geschlecht an unterschiedlichen Enden des Spektrums. Mit einem Frauenanteil von 59 Prozent stellen die Grünen die weiblichste Fraktion, wobei zu den 69 Frauen auch Tessa Ganserer und Nyke Slawik zählen, die ersten offen transgeschlechtlichen Abgeordneten. Sollte es transidentitäre AfD-Abgeordnete geben, so sind diese zumindest nicht öffentlich bekannt. Das Geschlechterverhältnis in dieser Fraktion steht bei 72 zu 11, also rund 13 Prozent - die Hälfte des Bundestagsdurchschnitts.

Typisch: Michael und Katrin

Der Bundestag bleibt vorerst ein Männerbetrieb: Häufigste Vornamen sind Michael, gefolgt von Thomas und Christian. Die häufigsten Frauennamen unter den Abgeordneten lauten Katja, Katrin und Anja. Mit je sechs Nennungen sind sie nicht einmal halb so häufig wie die 13 Michaels - in der Rangliste sind 15 Männernamen vor ihnen. Die häufigsten Vornamen deuten darüber hinaus noch auf einen anderen Umstand hin: Im Bundestag sind Menschen mit Migrationsgeschichte immer noch unterrepräsentiert. Nach Recherchen des Mediendienstes Integration war die Bundestagswahl dennoch ein kleiner Fortschritt: Der Anteil an Abgeordneten mit Migrationshintergrund stieg von 8,2 auf 11,3 Prozent.

In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil laut Mediendienst bei etwa 26 Prozent. Das bildet in dieser Größenordnung nur die Linke ab, wo 28 Prozent der Abgeordneten einen Migrationshintergrund haben, gefolgt von der SPD. Dort hat sich der Anteil mit Menschen mit Migrationshintergrund von 9,8 auf 17 Prozent deutlich gesteigert - und das in der größten Fraktion des Bundestags. Bei den Grünen hingegen sank dieser Wert von 14,9 auf 13,6 Prozent. Mit einem Anteil von 7,2 Prozent an Abgeordneten mit Migrationshintergrund liegt die AfD einigermaßen deutlich vor der FDP (5,4 Prozent) und der Union (4,6 Prozent).

Herr Dr. jur. Abgeordneter

Aber nicht nur bei Fragen der Herkunft scheitert der Bundestag daran, die Gesellschaft zumindest in etwa abzubilden. Auch bei den Bildungsabschlüssen und Berufen sind Akademiker überrepräsentiert. Der Anteil von promovierten Abgeordneten ist mit 130 Doktoren (18 Prozent) sehr hoch. Genauso wie der Anteil der Juristen: Mindestens 117 Abgeordnete haben ein erfolgreiches Jura-Studium hinter sich. Handwerker und andere Nicht-Akademiker sind dagegen eher rar gesät.

Eine prominente Ausnahme ist Michael Müller. Der scheidende Regierende Bürgermeister von Berlin ist zwar in vielerlei Hinsicht typisch Bundestag: ein heterosexueller, männlicher Sozialdemokrat aus Westdeutschland (Berlin-West) ohne Migrationsgeschichte. Zudem führt der 58-Jährige nicht nur den häufigsten Vornamen, sondern auch den mit zehn Malen am meisten vertretenen Familiennamen: Müller. Ganz Klischee ist aber auch Müller nicht. Untypischerweise hat der Sozialdemokrat "nur" eine Ausbildung gemacht. Den akademischen Betrieb hat der gelernte Drucker erst so richtig kennengelernt, als er neben seinem Bürgermeisterjob zusätzlich Berlins Senator für Wissenschaft und Forschung wurde. Seit diesem Herbst zählt Müller zu den 279 Neuen im Bundestag.

Quelle: ntv.de

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