Politik

Der Kriegstag im Überblick Kämpfe verlagern sich nach Donezk - Kasachstan will Europa mit Öl und Gas aushelfen

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Die Einschläge kommen näher: Eine ukrainische Kommandantin in der Region Donzek am Samstag.

(Foto: AP)

Aus den von Russland in Schutt und Asche bombardierten Zwillingsstädten Lyssytschansk und Sjewjerodonezk sind fast alle Einwohner geflohen. Kremlchef Putin will seine "Spezialoperation" fortsetzen. Aus Donezk werden am Abend schwere Kämpfe gemeldet. Kasachstan will der EU mit Öl und Gas aushelfen und der Papst plant eine Moskau-Reise. Der 130. Kriegstag im Überblick.

In der Ostukraine hat sich nach dem ukrainischen Rückzug aus der Stadt Lyssytschansk der Schwerpunkt der Kämpfe ins benachbarte Donezker Gebiet verschoben. An der Grenze der beiden Regionen seien bei Bilohoriwka und Werchnjokamjanske erfolgreich russische Angriffe abgewehrt worden, teilte der ukrainische Generalstab am Abend bei Facebook mit. Umkämpft sei ebenso das Wärmekraftwerk Wuhlehirsk westlich des bereits von prorussischen Separatisten eroberten Switlodarsk. Gebietsgewinne hätten die russischen Truppen hingegen nördlich von Slowjansk bei Masaniwka erzielt. Darüber hinaus seien ukrainische Positionen an weiten Teilen der Front mit Artillerie, Raketenwerfern und Mörsern beschossen worden. Die russische Luftwaffe habe zudem Stellungen ukrainischer Einheiten bombardiert.

Kreml herrscht in Luhansk über Ruinen und Geisterstädte

Im von Russland eroberten Lyssytschansk bleiben nach ukrainischen Angaben von einst mehr als 100.000 Einwohnern nur noch wenige Tausend übrig. Der Militärgouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, nennt im ukrainischen Fernsehen eine Größenordnung von etwa 10.000. In der Nachbarstadt Sjewjerodonezk, die sich ebenfalls unter russischer Kontrolle befindet, seien nur noch etwa 8000 Menschen verblieben. Auch dort lebten vor Beginn des Kriegs mehr als 100.000 Einwohner. In dem Ballungsraum sei inzwischen fast alles zerstört: Die Infrastruktur sei zu 90 Prozent beschädigt, 60 Prozent der Wohnhäuser seien zerstört. Hajdaj sagte weiter, der Verlust Lyssytschanks sei schmerzhaft, aber nicht kritisch. "Es tut sehr weh, aber es bedeutet nicht, den Krieg zu verlieren."

Putin: "Spezialoperation" wird fortgesetzt

Russland kündigte nach der Eroberung von Luhansk die Fortsetzung der Kämpfe in anderen Teilen des Nachbarlandes an. "Die Streitkräfte der Russischen Föderation setzen die militärische Spezialoperation fort", sagte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einem Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin. In Moskau wird der vor rund viereinhalb Monaten begonnene Krieg gegen die Ukraine offiziell als "Spezialoperation" bezeichnet. Putin erklärte, russische Soldaten, die an der Eroberung von Luhansk beteiligt gewesen sind, sollten sich nun erst einmal "ausruhen", um Kräfte für weitere Kämpfe zu sammeln.

Ukraine will 750 Milliarden Dollar Reparationen

Die ukrainische Regierung will den Wiederaufbau ihres kriegszerstörten Landes zu einem großen Teil mit russischem Geld finanzieren. Nötig seien nach Schätzungen mindestens 750 Milliarden Dollar (knapp 720 Milliarden Euro), sagte Regierungschef Denys Schmyhal bei der ersten großen Wiederaufbau-Konferenz in Lugano in der Schweiz. Herangezogen werden sollten die rund 300 bis 500 Milliarden Dollar Vermögenswerte des russischen Staates und von Oligarchen, die weltweit eingefroren seien, sagte Schmyhal.

Öl und Gas: Kasachstans Präsident würde Russland umgehen

Der Präsident der Ex-Sowjetrepublik Kasachstan, Kassym-Schomart Tokajew, stellte der EU Öl- und Gaslieferungen in Aussicht. "Kasachstan ist bereit, sein Kohlenwasserstoffpotenzial zu nutzen, um die Lage auf den Märkten der Welt und Europas zu stabilisieren", zitierte ihn sein Pressedienst nach einem Telefonat mit EU-Ratspräsident Charles Michel. Kasachstan könne eine Art "Pufferzone" bilden, um die Ungleichgewichte bei der Energieverteilung zwischen Ost und West sowie Nord und Süd auszugleichen, hieß es. Tokajew habe die EU in dem Zusammenhang dazu aufgerufen, alternative Transportkorridore auszubauen - unter anderem durch das Kaspische Meer. Damit könnten Rohstoffe unter Umgehung Russlands nach Europa geliefert werden.

Das rohstoffreiche, autoritär geführte Kasachstan ist Teil der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion. Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg erklärte Tokajew jedoch während einer Podiumsdiskussion mit Putin, dass Kasachstan nicht Russlands Beispiel folgen werde, die ostukrainischen Separatistengebiete Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten anzuerkennen.

Papst will erst nach Moskau, dann nach Kiew

Papst Franziskus zog erstmals öffentlich eine Reise nach Moskau in Betracht. Es habe Kontakte zwischen dem vatikanischen Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow über einen möglichen Besuch gegeben, sagte Franziskus der Nachrichtenagentur Reuters. Der Vatikan habe bereits vor einigen Monaten zum ersten Mal nach einer möglichen Reise nach Moskau gefragt. Damals sei die russische Antwort gewesen, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt sei. Aber Franziskus deutet nun an, dass sich in letzter Zeit etwas geändert haben könnte. "Ich würde gerne in die Ukraine reisen, und ich wollte zuerst nach Moskau." Nach seiner Rückkehr aus Kanada Ende Juli sei ein Besuch in der Ukraine denkbar.

Bulgarischer Geheimdienst erhebt Propagandavorwürfe

Nach Angaben des bulgarischen Geheimdiensts erhalten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umgerechnet rund 2000 Euro, wenn sie für Russland Propaganda machen. Dies erklärte Lena Borislawowa, Sprecherin der bulgarischen Regierung, wie das Nachrichtenportal Euractiv schrieb. Demnach bezahle der russische Staat bekannten bulgarischen Journalisten, Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens Geld für die Verbreitung von Kreml-Propaganda. "Alle, die auf die EU und die NATO spucken und Putins Vorgehen in der Ukraine unterstützen, sollten dies wissen", so Borislawowa. "Diejenigen, die euch beeinflussen, werden bezahlt. Monatlich."

Deutsches LNG-Terminal genehmigt

Deutschlands erstes Terminal für verflüssigtes Erdgas (LNG) zum Ersatz russischer Pipeline-Lieferungen in Wilhelmshaven darf ab sofort gebaut werden. Das Gewerbeaufsichtsamt Oldenburg genehmigte das Projekt nach Angaben des Energiekonzerns Uniper. Die Behörde erklärte, sie habe am Freitag die Zulassung für den vorzeitigen Beginn der Arbeiten auf dem Anleger und an Land erteilt.

Grüne zu offenem Brief: "Vom Sofa aus"

Mit Unverständnis reagierten die Grünen auf den jüngsten Brief deutscher Prominenter zum Krieg in der Ukraine. Er gestehe den Verfassern des Briefes zwar zu, "dass sie das Beste wollen", sagte der Parteivorsitzende Omid Nouripour. Gleichzeitig fehle ihm aber ein Stück weit das Verständnis für Leute, die der Meinung seien, den Menschen in der Ukraine sagen zu müssen, "ob ihr Kampf jetzt richtig ist oder nicht". Der Co-Vorsitzende betonte: "Wer Menschenleben schützen will, muss jetzt der Ukraine beistehen." In dem Appell in der "Zeit" hatten Persönlichkeiten wie der Philosoph Richard David Precht und Schriftstellerin Juli Zeh einen Waffenstillstand gefordert. Nouripour sagte, dieser Aufruf stamme von Menschen, die "bequem auf der Couch sitzend" wohl angesichts der verstörenden Bilder aus der Ukraine die Geduld verloren und daher beschlossen hätten, "dass es jetzt mal genug ist und dass es jetzt mal aufhören muss" mit dem Krieg.

Melnyk könnte zurück nach Kiew berufen werden

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, könnte nach Kiew zurückkehren. Wie die "Bild" von mehreren Quellen in der ukrainischen Hauptstadt erfahren haben will, gibt es Planungen, dass der 46-Jährige ins ukrainische Außenministerium wechseln soll. Demnach könnte Melnyk dort noch vor Herbst das Amt des stellvertretenden Außenministers übernehmen. Diesen Vorschlag habe das Ministerium dem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj unterbreitet, wie die "Bild" einen ukrainischen Regierungsbeamten zitierte. "Andrij Melnyk wird in Kiew sehr geschätzt für seine Arbeit", sagte dieser weiter.

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Quelle: ntv.de, mau/rts/dpa

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