Politik

Laschet macht den Anti-Söder Hier wird malocht und nicht geprotzt

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Regionaltypische Begrüßungsformel an der Zeche Zollverein.

(Foto: imago images/Udo Gottschalk)

Dampfer, Kutsche, Schloss? Nein, in NRW wird Kanzlerin Merkel von Ministerpräsident Armin Laschet vor ganz sachlicher Kulisse empfangen. Es könnte ein kluger Schachzug sein.

Ihnen war der Auftritt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Angela Merkel zu kitschig? Fanden Sie die gemeinsame Dampferfahrt, die Fotos vor Alpenkulisse und wehender bayerischer Flagge, den Transfer per Pferdekutsche und die Kabinettssitzung im prunkvollen Schloss Herrenchiemsee etwas zu überladen? NRW-Ministerpräsident Armin Laschet könnte Ihnen ein Alternativangebot unterbreiten. Kanzlerin Merkel hat ihm heute ebenfalls einen Besuch abgestattet. Und die Inszenierung war darauf ausgelegt, maximalen Kontrast zu Söders royaler Kulisse zu schaffen.

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Merkel und Laschet unterwegs im Ständehaus

(Foto: dpa)

Und so betont Laschet bei der gemeinsamen Pressekonferenz auch gleich zu Anfang, dass es eben ein "Arbeitstreffen" gewesen sei. Es habe "wichtige Themen" gegeben, über die gesprochen wurde. Hier soll nicht der Eindruck entstehen, es sei um Spaß gegangen. Freilich lässt der Landesvater nicht unerwähnt, wie bedeutungsvoll dieser Ort - das Ständehaus - in Düsseldorf sei: "40 Jahre Landesparlament"; "Konrad Adenauer wirkte hier bis 1950"; "die parlamentarischen Wurzeln gehen weit zurück". Ein Kanzler oder eine Kanzlerin sei noch nie zu Gast gewesen. Ein bisschen besonders ist es also doch. Und als Merkel von einem Journalisten gefragt wird, ob ihr der Empfang ohne Dampfer und Kutsche denn genügt habe, antwortet sie: "Ich bin ein Mensch, der sich an ganz verschiedenen Dingen erfreuen kann, an Herrenchiemsee genauso wie am Ständehaus."

Alles an dem Treffen war im Vergleich zum Besuch bei Söder betont sachlich. Fast im Nebensatz hatte Laschet den Besuch der Kanzlerin angekündigt. Nun gibt es in Nordrhein-Westfalen auch hübsche Schlösser, aber Laschet entschied sich für Ständehaus und die Zeche Zollverein, einst die größte Zechenanlage der Welt im Herzen des Ruhrgebiets, ein Ort der Arbeit. Wie verzweifelt hätte es auch gewirkt, wenn Laschet versucht hätte, die bayerische Inszenierung zu kopieren? Die Kulisse sendet aber eine klare Botschaft: In der größten Metropolregion des Landes, im wirtschaftsstärksten Bundesland wird malocht und nicht geprotzt. Es gibt weder ungewöhnliche Fahrzeuge noch pompöse Perspektiven. Laschet wirkt durch den Besuch wie das sachliche Gegengewicht zu Söder.

Scholz hat die Karten neu gemischt

Der Zeitpunkt dafür ist gut gewählt. Denn in das Rennen um das Kanzleramt ist Bewegung gekommen. Die SPD hat überraschend früh und vor allem überraschend frei von Durchstechereien Olaf Scholz ins Rennen geschickt, der als "bestes Pferd im Stall" gilt. Das liegt vor allem daran, dass er sowohl Wähler binden könnte, die sich Rot-Rot-Grün wünschen, als auch solche, die sonst Merkel wählen würden - träte sie noch einmal an. Das könnte Friedrich Merz empfindlich schwächen, der seine Kandidatur von Anfang an darauf ausgelegt, den konservativen Rand der CDU zu bedienen und die AfD zu "halbieren". Die Rechten aber halbieren sich aktuell selbst und Merz hat seit dem Beginn der Corona-Krise Probleme, mit seinen Themen durchzudringen. Umfragen, die seine Eignung als Kanzler beurteilen, sind zwar besser als bei Laschet, zeigen aber in eine wenig vielversprechende Richtung. Mitbewerber Norbert Röttgen gilt ohne hin als Außenseiter.

Damit steigen die Chancen für Laschet. Im Gegensatz zu Merz ist der Mann aus NRW offen für Schwarz-Grün, die momentan einzig denkbare Zweier-Koalition. Auch er hat massive Einbußen in seiner Beliebtheit hinnehmen müssen, was an seinem uneinheitlichen Kurs in der Corona-Krise lag. Erst konnte es ihm mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen nicht schnell genug gehen. Seine Argumentation dabei war teilweise abenteuerlich. Etwa, als er sagte, NRW sei das "Land der Küchenbauer", deshalb müssten die Möbelhäuser wieder öffnen.

Konjunktur hat vor diesem Hintergrund aber auch noch ein anderer potenzieller Kandidat: der Prunk-Inszenierer vom Herrenchiemsee - Markus Söder. Seine Beliebtheitswerte sind überragend, was vor allem daran liegen könnte, dass sein Corona-Krisenmanagement bisher einer klaren, strengen Linie gefolgt ist. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass sich Söder bisher nicht klar zu einer möglichen Kanzlerschaft bekannt hat und dementsprechend nicht ständig an seiner Eignung dafür gemessen wird.

Rückenwind kommt nicht nur von der Kanzlerin

Doch Beliebtheitswerte können sich schnell ändern. Seit in der vergangenen Woche bei Corona-Tests in Bayern Zehntrausende Testergebnisse nicht zugestellt wurden - darunter 900 Positivbescheide - sinken Söders Werte wieder. Laschet erfindet sich derweil neu. Von Lockerungen im "Land der Küchenbauer" ist keine Rede mehr. Erst kürzlich hat er den älteren Schulkindern eine umfassende Maskenpflicht verordnet. Auch heute machte er sich dafür stark, die Maßnahmen wieder zu verschärfen, sollten die Fallzahlen weiter steigen. Dass der NRW-Landesvater zu den Lockerungs-Befürwortern gehört, ist derzeit nicht mehr erkennbar.

Es ist gut möglich, dass sich auch Laschets Umfragewerte wieder ändern. Der heutige Besuch könnte dazu beitragen. Von der Kanzlerin gibt es viel Lob: dafür, dass NRW in der schlimmsten Pandemie-Phase so intensiv mit den Niederlanden und Belgien zusammengearbeitet hat; dafür, dass das Land so viele Flüchtlinge aufnehme; und dafür, dass Laschet nach Griechenland, ins Flüchtlingslager Moria gereist sei, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Rückenwind bekommt Laschet heute aber auch noch von einem anderen beliebten Politiker, dem wegen seiner mutmaßlich guten Aussichten auf den CDU-Parteivorsitz schon nachgesagt wurde, er könne seinem Ziehvater noch in den Rücken fallen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekannte sich heute öffentlich dazu, dass Laschet im Kandidaten-Duo die Führungsrolle behält.

Vielleicht hat der nüchterne Termin mit der Kanzlerin in Düsseldorf und Essen also weitreichende Folgen für den Ministerpräsidenten. Der hat allerdings in Kürze auch noch eine andere wichtige Prüfung: Am 13. September findet in NRW die Kommunalwahl statt. Und die gilt als wichtiger Stimmungstest für Laschets Zukunft.

Quelle: ntv.de