Politik

"Bald alle Rentner ein neues Knie" Kassen monieren Gelenk-OPs

Das Durchschnittsalter der Deutschen steigt, sie werden dicker - und sie lassen sich immer häufiger neue Gelenke einsetzen. Allein die Zahl der Knie-Operationen ist in den vergangenen Jahrer um über 50 Prozent gestiegen. Das kostet die Krankenkassen 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Die Barmer GEK vermutet nun, Ärzte könnten vorschnell operieren.

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Ein Hüftgelenk aus Titan.

(Foto: dpa)

Älteren Menschen in Deutschland werden immer mehr künstliche Knie- und Hüftgelenke eingesetzt - nach Ansicht der größten deutschen Krankenkasse möglicherweise zu oft. "Wenn das so weitergeht, haben bald alle 60- bis 65-jährigen Rentner ein neues Knie oder eine neue Hüfte", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf- Ulrich Schlenker.

Allein im vergangenen Jahr bekamen 209.000 Patienten eine neue Hüfte, 175.000 eine Knieprothese, wie aus dem Krankenhaus-Report 2010 der Kasse hervor. Inklusive Nachbehandlungen hätten diese Eingriffe pro Jahr Kosten von rund 3,5 Milliarden Euro verursacht - rund zwei Prozent aller Ausgaben der gesetzlichen Kassen. "Wenn man das weiterrechnet, wird es einem als Kassenvertreter Angst und Bange", sagte Schlenker.

Immer mehr Eingriffe

Man müsse die Frage stellen, ob Ärzte nicht zu schnell operierten, mahnte Schlenker. Das flächendeckende Netz an geeigneten Kliniken für solche Eingriffe produziere möglicherweise eine große Nachfrage. Hätten Versicherte Zweifel an der Notwendigkeit einer Operation, sollten sie einen zweiten Arzt konsultieren - tatsächlich täten das wohl die wenigsten der meist betagten Patienten.

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Künstliches Kniegelenk.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Seit Beginn der Erhebungen vor sieben Jahren habe es 18 Prozent mehr solche Eingriffe an der Hüfte und sogar 52 Prozent mehr am Knie gegeben. Rechne man heraus, dass in dieser Zeit die Gesellschaft auch im Schnitt älter wurde, sei immer noch ein altersbereinigtes Wachstum von 9 beziehungsweise 43 Prozent zu verzeichnen, sagte Schlenker. Pro Fall bekämen die Kliniken rund 7500 Euro. Die Kliniken seien kaum bereit, mit den Kassen günstigere Verträge auszuhandeln. Mit je rund 3000 Euro schlügen die Reha-Aufenthalten nach der Operation zu Buche.

Studie bemängelt Qualität

Studienautorin Eva Maria Bitzer meinte, wenig beruhigend seien Daten zur Qualität der Eingriffe. "3 von 100 Hüften sind nach drei Jahren ein weiteres Mal operiert worden." Bei Knien seien dies sogar 6 von 100. Allerdings seien die Menschen seit 2003 trotz kürzerer Klinikaufenthalte mit ihren Prothesen nicht minder zufrieden. Mehr als die Hälfte der Patienten mit neuer Hüfte seien 75 Jahre und älter. In rund jedem zehnten Fall kämen über 90-Jährige unters Messer.

Als einen Grund für die Zunahme nannten die Experten das immer stärker um sich greifende Übergewicht, das die Gelenke schädige. Es sei eine Quittung für den ständigen Aufwärtstrend beim Body Mass Index, sagte der Chef des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung, Friedrich-Wilhelm Schwartz.

Die Forscher betonten, ihre Berechnungen seien repräsentativ für alle Versicherten.

Quelle: ntv.de, dpa