Politik

"Mafia-Verhältnisse" in Deutschland Kliniken zahlen "Fangprämien"

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Sehr viel Fingerspitzengefühl scheinen die Kliniken nicht an den Tag zu legen.

(Foto: dpa)

Die Gesundheitssysteme in Europa unterscheiden sich wesentlich hinsichtlich ihrer Behandlungsmethoden und vor allem ihrer Kosten. Die Kliniken in Deutschland müssen sich der starken ausländischen Konkurrenz erwehren und setzen offenbar Prämien dafür aus, dass ihnen Ärzte Patienten schicken. Die Politik spricht von Mafia-ähnlichen Strukturen.

Viele Ärzte kassieren Extra-Honorare dafür, dass sie Patienten an bestimmte Kliniken überweisen. Das ergab eine Studie der Uni Halle-Wittenberg im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes. Danach zahle nahezu jede vierte Klinik sogenannte Fangprämien für Patienten. Fast die Hälfte (rund 46 Prozent) der nichtärztlichen Leistungserbringer wie Sanitätshäuser, Hörgeräte-Akustiker oder Orthopädie-Schuhmacher hätten zugegeben, schon Vorteile wie Geld, Kostenübernahme von Tagungen oder Sachleistungen erhalten zu haben.

CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn reagierte empört. "Fangprämien sind illegal", sagte er "Bild.de". Dabei gehe es nicht um das Wohl der Patienten, sondern ums Portemonnaie der Ärzte. "Jeder einzelne Fall ist völlig inakzeptabel", so Spahn.

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach forderte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zum Eingreifen auf. "Das sind Mafia-Verhältnisse, die einen Riesen-Schaden verursachen, vor allem für Patienten, die so in Behandlungen kommen, die für sie nicht optimal sind", sagte der Gesundheitsexperte. "Hier wird nicht der beste Arzt gesucht, sondern dahin überwiesen, wo das meiste Schmiergeld gezahlt wird." Die SPD will seinen Angaben zufolge durchsetzen, dass Ärzte in solchen Fällen künftig strafrechtlich wegen Bestechlichkeit belangt werden können.

Ärzte geben sich ahnungslos

Laut "Bild.de" gab knapp ein Fünftel (19 Prozent) der befragten Ärzte an, das Verbot, sich an der Zuweisung von Patienten zu bereichern oder dafür Vorteile zu gewähren, nicht zu kennen. 40 Prozent hätten erklärt, dies nur als Handlungsempfehlung zu verstehen. Ein Großteil der Befragten halte das Risiko, entdeckt zu werden, für gering: 52 Prozent der Ärzte und 53 Prozent der nichtärztlichen Leistungserbringer hätten eingeräumt, sie seien sich mangelnder Kontrolle und der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst.

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery warf den Autoren der Studie Stimmungsmache gegen Mediziner vor. Im Programm von NDR Info zweifelte er die Zahlen an: Sollten sie stimmen, müsste es bei der Ärztekammer und den Staatsanwaltschaften viel mehr Anzeigen geben, sagte Montgomery. Er rief dazu auf, die entsprechenden Vergehen auch tatsächlich anzuzeigen.

Für die Studie hatte Emnid mehr als 1100 niedergelassene Fachärzte, stationäre Einrichtungen und nichtärztliche Leistungserbringer befragt.

Quelle: ntv.de, dpa

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