Politik

Altkanzler in seiner "Heimat" Kohl ermahnt Unionsfraktion

Es ist der erste, kleine Akt der Kohl-Festspiele zum 30. Jahrestag der Kanzlerschaft des einstigen Dauerregenten: Der greise Altkanzler besucht die Unionsfraktion. Dabei fordert er seine Parteifreunde dazu auf, den Zusammenhalt in Europa zu stärken. Kanzlerin Merkel sagt dazu nichts. Und Intimfeind Schäuble ist gar nicht erst erschienen.

Erstmals seit zehn Jahren hat Altbundeskanzler Helmut Kohl an einer Sitzung der Unionsfraktion im Bundestag teilgenommen. Der 82-Jährige rief in einer kurzen Ansprache nach Angaben von Teilnehmern zu Zusammenhalt und Miteinander in Europa auf. "Europa ist unsere Zukunft", sagte er demnach während seines halbstündigen Besuchs.

Der frühere Bundeskanzler und CDU-Parteichef wurde im Berliner Reichstag von den Abgeordneten der CDU und CSU mit langanhaltendem Applaus empfangen und verabschiedet. In einer rund 15-minütigen Ansprache nannte er die Unionsfraktion nach Angaben von Teilnehmern seine "Heimat" und sein "zu Hause". Er rief die Parlamentarier auch mit Blick auf die aktuelle Krise dazu auf, Europa als Miteinander zu begreifen und nationale Egoismen zurückzustellen.

Anlass des Besuchs war der 30. Jahrestag der Wahl Kohls zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982. Fraktionschef Volker Kauder begrüßte den Altkanzler in der Sitzung. Bundeskanzlerin Angela Merkel ergriff nicht das Wort. Sie wird am Donnerstag eine Rede im Rahmen einer Feier der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Ehren Kohls halten. Finanzminister Wolfgang Schäuble, der sich mit Kohl im Verlauf der CDU-Spendenaffäre überworfen hatte, nahm an der Fraktionssitzung wegen eines Termins in Finnland nicht teil.

Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Im Zuge der Ende 1999 aufgedeckten CDU-Spendenaffäre gab er den Ehrenvorsitz der CDU ab und zog sich - nach 26 Jahren im Bundestag - Ende 2002 auch aus dem Bundestag zurück. Kohl tritt seit einem schweren Sturz in seinem Ludwigshafener Haus vor über vier Jahren nur noch selten in der Öffentlichkeit auf.

Kanzlerintimus erhebt Vorwürfe

Indessen erhebt ein langjähriger Weggefährte von Helmut Kohl Vorwürfe gegen die neue Frau des Altkanzlers, Maike Kohl-Richter. In den Augen von Kanzlerfotograf Konrad Rufus Müller ist sie dafür verantwortlich, dass der 82-Jährige sich von alten Freunden und Verwandten abgewandt hat.

Es sei für ihn unvorstellbar, dass Kohl sich aus eigenem Antrieb von seinem früheren Fahrer Eckhard Seeber getrennt habe, sagte Müller dem "Cicero". "Auch, dass die Söhne wohl nicht mehr ins Haus gelassen werden, dürfte Frau Kohl-Richter zu verantworten haben."

Müller hat alle Kanzler der Bundesrepublik fotografiert. Kohl begleitete er jahrelang. Zuletzt besuchte er ihn 2010. Auch zwischen den beiden kam es danach zum Bruch, weil Müller Bilder veröffentlichte, die Kohl offenbar nicht verbreitet sehen wollte. Der Fotograf sagte "Cicero", er sei überzeugt, dass Kohls Frau auch den Bruch des Altkanzlers mit ihm initiiert habe. Es sei "in höchstem Maße befremdlich", wie sie ihren Mann behandle.

Quelle: ntv.de, jog/AFP