Politik

Hauptstadt unter Feuer Krieg um Südossetien

Der Militärkonflikt in der von Georgien abtrünnigen Region Südossetien hat mit mindestens 1400 Toten im Südkaukasus kriegsähnliche Ausmaße erreicht. Nachdem Georgien eine Großoffensive mit Panzern, Kampfjets und Raketen gegen Südossetien gestartet hatte, verstärkte Russland seine Truppen in der Region. Vor allem in der Provinzhauptstadt Zchinwali kam es darauf hin zu blutigen Kämpfen. Russland setzte unter anderem Kampfflugzeuge ein.

"Wir werden den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen. Die Schuldigen werden gebührend bestraft", sagte der russische Präsident Dmitri Medwedew. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili hatte die Offensive gegen die Region mit der Wahrung der territorialen Unversehrtheit seines Landes begründet und die allgemeine Mobilmachung im Land angeordnet. Aus dem Irak will er 1000 Elitesoldaten abziehen, um sie nach Südossetien zu schicken. Die USA seien darüber bereits informiert.

Bei den Kämpfen seien mehr als 1400 Menschen ums Leben gekommen, sagte der Präsident der nicht anerkannten Region, Eduard Kokojty. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali sagte: "Alles brennt, Vieles ist verstört." Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Vertreter der NATO und der EU riefen die Konfliktparteien zum Ende des Blutvergießens auf. Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich "entsetzt" über "Kampfhandlungen, die in einen handfesten Krieg münden könnten". Er hatte vor kurzem bei einem Besuch in der Region für einen Plan zur Beilegung des Konflikts um die ebenfalls von Georgien abtrünnige Republik Abchasien geworben, allerdings ohne greifbares Ergebnis.

"Dritter Völkermord"

Abchasien bot Südossetien Militärhilfe an. Russland hatte stets erklärt, dass die Anerkennung der ehemaligen serbischen Provinz Kosovo für die Territorialkonflikte in der Ex-Sowjetunion nicht folgenlos bleiben könne. Das russische Fernsehen zeigte den ganzen Tag das Feuer von Raketenwerfern, in Zchinwali gingen Menschen in ihren Kellern in Deckung. Georgien erhebt seit langem den völkerrechtlich verankerten Anspruch auf die abtrünnige Region. "In Zchinwali sind hunderte friedliche Bewohner gestorben. Das ist bereits der dritte Völkermord an dem ossetischen Volk, der von Georgien verübt wurde", sagte Kokojty.

Er forderte zugleich die internationale Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens. Unterschiedlich waren die Angaben zur Situation im massiv beschossenen Zchinwali. Während Georgien erklärte, die Stadt eingenommen zu haben, hieß es in Moskau, Georgien ziehe sich zurück. "Der Haupttäter ist Saakaschwili", betonte Kokojty. Tiflis hoffe, Südossetien schnell einnehmen zu können, sagte der georgische Integrationsminister Temur Jakobaschwili. Der georgische Parlamentspräsident und frühere Außenminister David Bakradse warf Russland die massenhafte Bombardierung Georgiens mit Kampfflugzeugen vor. Bakradse verteidigte Georgiens Offensive. Tiflis habe das Recht, alle Mittel zum Schutz seines Territoriums zu ergreifen. Moskau werde "Leben und Würde der russischen Bürger schützen, wo auch immer sie leben", unterstrich Kremlchef Medwedew.

Am Rande der Spiele

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf der internationalen Gemeinschaft vor, bei der Aufrüstung Georgiens tatenlos geblieben zu sein. "Sie hat beim Masseneinkauf von Waffen die Augen zugemacht." Zudem hätten ausländische Ausbilder Georgien militärisch unterstützt. Die USA haben mehr als 100 Militärberater dort stationiert. Lawrow warf der Regierung in Tiflis gezielte Aggression gegen Zivilisten in Südossetien vor. "Die Zahl der Flüchtlinge, die panisch ihr Leben zu retten versuchen, wächst", sagte der Minister. Nach Angaben der Agentur Itar-Tass sprachen der russische Regierungschef Wladimir Putin und US-Präsident George W. Bush bei einem Treffen am Rande der Olympia-Eröffnung in Peking über den Konflikt.

Das russische Verkehrsministerium kündigte am Abend an, alle Flüge nach Georgien einzustellen. Die Maßnahme gelte ab Mitternacht. Auch die Lufthansa strich ihren nächsten Flug nach Georgien. Österreich gab eine Reisewarnung für das gesamte Gebiet Georgiens heraus. Auch das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Georgien. Die Börse in Moskau erlebte am Freitag einen Kurssturz. Aus Angst, Russland könne in einen großen Kaukasus-Krieg verwickelt werden, hätten zahlreiche Investoren ihre Aktien abgestoßen, hieß es in der russischen Hauptstadt.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf forderte freien Zugang zu den Verletzten in Südossetien. "Hilfstruppen kommen derzeit kaum zu den Opfern durch, und verängstigte Menschen verkriechen sich in ihren Kellern, teils ohne Wasser und Strom", berichtete der Chef der Rotkreuz-Delegation in Tiflis, Dominique Liengme.

Mit Pässen ausgestattet

Moskau hatte den Großteil der Bewohner von Südossetien in den vergangenen Jahren mit russischen Pässen ausgestattet. Georgien warf Russland daraufhin vor, das völkerrechtlich zu Tiflis gehörende Südossetien annektieren zu wollen. Kokojty hatte wie die abtrünnige Region Abchasien eine international anerkannte Unabhängigkeit nach dem Vorbild Kosovos gefordert.

Südossetien hatte in den vergangenen Tagen tausende Menschen in benachbarte russische Regionen in Sicherheit gebracht, unter ihnen hunderte Kinder.

Südossetien, das etwa eineinhalb Mal so groß wie das Saarland ist, hatte zu Sowjetzeiten weitgehende Autonomie über die eigene Sprache und Bildung. Der Widerstand georgischer Nationalisten mündete Anfang der 90er Jahre jedoch in einen blutigem Militärkonflikt .

Georgien und Russland schlossen 1992 ein Waffenstillstandsabkommen, in dessen Folge die Schaffung einer Gemischten Kontrollkommission mit je 500 russischen, georgischen und nordossetischen Soldaten vereinbart wurde. Das Abkommen hielt nur bis 2004. Im Juli und August 2004 starben Dutzende Menschen bei Gefechten in der Konfliktzone.

Quelle: ntv.de

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