Politik

Kuriose Details aus Thüringen Wie die Linke die Landtagswahl gewann

Die Thüringer Landtagswahl beschert Deutschland ein historisches Novum: Erstmals steigt die Linke zur stärksten Kraft auf Landesebene auf. Die Auswertung der Wahldaten bis auf Gemeindeebene zeigt, wie umwälzend sich die politische Landkarte in der Mitte der Republik verändert.

Der Freistaat Thüringen trägt seit gestern Abend andere Farben: Mit der Bekanntgabe des vorläufigen amtlichen Endergebnisses steht die Linke als klarer Gewinner der Landtagswahl 2019 fest. Wie Landeswahlleiter Günter Krombholz knapp 40 Minuten nach Mitternacht mitteilte, liegt die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Bodo Ramelow mit 31,0 Prozent der Zweitstimmen klar vorn.

Zweitstärkste Kraft im Land ist die AfD, die unter Spitzenkandidat Björn Höcke auf ein Ergebnis von 23,4 Prozent kommt. Damit liegen die Rechten mit knappem Vorsprung vor der CDU. Die Christdemokraten erreichen in Thüringen unter CDU-Landeschef Mike Mohring nur noch 21,8 Prozent der Stimmen. Die SPD rutscht mit 8,2 Prozent in den einstelligen Bereich ab. Grüne und FDP schaffen es mit 5,2 und 5,0 Prozent nur knapp in den Erfurter Landtag.

So sieht die politische Landkarte Thüringens aus:

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Die Mehrheit der 664 Gemeinden Thüringens leuchtet im rötlichen Farbton der Linkspartei. In diesen Regionen - und in den wichtigsten Städten des Freistaats - setzt sich die Linke bei der Landtagswahl als jeweils stärkste Kraft durch. Zwischen den roten Flächen im Land scheinen blaue Zonen auf: Dort liegen jene Thüringer Gemeinden, in denen sich die AfD auf eine Mehrheit der lokalen Wähler stützen kann.

Die CDU droht in Thüringen auf den ersten Blick zu einer Art Randerscheinung zu werden. Schwarz gefärbte Gemeinden, in denen die Christdemokraten das Wahlergebnis vor Ort dominieren, tauchen auffälligerweise vor allem im Nordwesten an der Grenze zu Hessen und Niedersachsen, ganz im Süden und im Norden Richtung Sachsen-Anhalt rund um Apolda auf.

Vor fünf Jahren sah dies in Thüringen noch anders aus: Damals dominierte die CDU den ländlichen Raum zwischen Werra und Weißer Elster. Nur die großen Städte und vereinzelte Flecken dazwischen lagen damals schon fest in der Hand der Linken. Die AfD, die 2014 in Thüringen erstmals auf Landesebene angetreten war, konnte nur einzelne Gemeinden im Thüringer Schiefergebirge wie Hohenwarte und Paska für sich gewinnen.

So sah Thüringen nach der Wahl 2014 aus:

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Kuriose Fakten aus der Wahlanalyse werfen ein scharfes Schlaglicht auf die unterschiedlichen politischen Strömungen in dem nur 2,1 Millionen Einwohner zählenden Bundesland. Ihren absoluten Spitzenwert erzielte die Linke zum Beispiel in der Thüringer-Wald-Gemeinde Oberhof, wo bei der aktuellen Landtagswahl 44,3 Prozent der gültigen Zweitstimmen auf die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten entfielen.

Weiter östlich im Thüringer Schiefergebirge erreichte die AfD in der Gemeinde Paska steil herausragende 62,7 Prozent. Wie überall allerdings gilt es hier, die stark voneinander abweichenden Gemeindegrößen zu berücksichtigen. Im ländlich geprägten Paska etwa waren insgesamt nur 89 Wahlberechtigte zur Wahl zugelassen.

Landesweit gibt es nur eine einzige Gemeinden, in denen Höckes rechte "Alternative" keine einzige Zweitstimme für sich verbuchen konnte: Der kleine Ort Gerstengrund weist jedoch weitere politische Anomalien auf. In der vergleichsweise winzigen Wartburgkreis-Gemeinde, der aus der Sicht der Landeshauptstadt weit im Südwesten hinter dem Thüringer Wald liegt, fuhr Mike Mohrings CDU ein Traumergebnis von 82,9 Prozent ein, und das bei einer Wahlbeteiligung von fast 90 Prozent. In Gerstengrund leben allerdings auch nur 49 Wahlberechtigte, von denen sich sechs gar nicht an der Wahl beteiligen wollten - und zwei einen ungültigen Wahlzettel abgaben.

Ein Blick in die tiefer gehende Analyse der Wahlergebnisse zeigt, wie breit die politischen Trends in Thüringen verankert sind. Die Auswertung des Wahlverhaltens nach Gemeindegröße durch das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap etwa deutet darauf hin, dass die Verluste der CDU auf sehr breiter Front wirken.

Im Vergleich zur Landtagswahl vor fünf Jahren haben die Christdemokraten in Thüringen in Städten und Landgemeinden in ähnlichen Ausmaßen Stimmen verloren. Die AfD hingegen konnte vor allem im ländlichen Raum deutlich stärker punkten. Die Linke wiederum gewann in der Kategorie "Kleinstädte" stärker.

So lief die Landtagswahl in der Fläche:

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Aufschlussreich ist auch die Detailanalyse der Forschungsgruppe Wahlen zum Wahlverhalten der Thüringer nach Bildungsgrad. Der Erfolg der Linken geht demnach überproportional auf Rückhalt in den höheren Bildungsschichten zurück. Die AfD hingegen überzeugt offenbar eher Wähler mit Haupt- oder Realschulabschluss.

Grüne und FDP sprechen in Thüringen anscheinend vor allem Wähler mit Abitur und Akademiker an, während die Sozialdemokraten sowohl in einfachen als auch in den gehobenen Bildungsschichten gleichmäßig gut oder schlecht anzukommen scheinen.

So wählte Thüringen nach Bildungsniveau:

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Bei der Aufschlüsselung des Wählerverhaltens in Thüringen nach Altersgruppen ergibt sich ein ganz anderes Bild. Wie aus einer entsprechenden Analyse von Infratest Dimap hervorgeht, stützt sich der Wahlerfolg der Linken insbesondere auf den Rückhalt in den älteren Wählerschichten. In der Gruppe der Senioren im Alter von 70 Jahren und darüber zum Beispiel liegt der Anteil der Links-Wähler bei etwas mehr als 40 Prozent. Zum Vergleich: Bei Jugendlichen und Jung-Wählern kommt die Partei von Landesvater Ramelow nur auf Werte zwischen 22 und 24 Prozent.

FDP und Grüne schneiden dagegen bei den jüngeren Wählerschichten besser ab als bei den Älteren. Beide Parteien zum Beispiel holen bei den über 70-Jährigen hochgerechnet nur rund drei Prozent der Stimmen. Wenn es allein nach den Senioren in Thüringen ginge, wären grüne und liberale Politik nicht im neuen Landtag vertreten.

Das Thüringer Wahlergebnis nach Altersgruppen:

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Ein weiteres Detail aus der Wahlanalyse dürfte dem Wahlsieger noch zu denken geben. Während die Linke insgesamt im Land leicht zulegen konnte, lässt sich in der Aufschlüsselung nach Tätigkeiten ein auffälliges Minus bei den Arbeitern unter den Linken-Wählern erkennen. Im Vergleich zur Landtagswahl 2014 fällt das Wahlergebnis im traditionell eher linksgeprägten Milieu laut den Hochrechnungen von Infratest Dimap um 3 Prozentpunkte schwächer aus.

Der Zugewinn bei den Liberalen dagegen geht demnach überproportional auf die Stimmengewinne im Segment der Selbständigen zurück. Die AfD scheint Wähler aus allen Berufsgruppen anzuziehen. Die CDU verliert bei Unternehmern und Freiberuflern deutlich stärker als bei Angestellten, Arbeitern oder Rentnern.

Die Wahlanalyse nach Tätigkeit:

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Beim Blick auf die Stimmabgabe nach Geschlechtern zeigt sich ein durchmischtes Bild: Die Angst-Themen der AfD ziehen den Daten der Meinungsforscher zufolge bei Männern kräftiger als bei Frauen. Die CDU wiederum schneidet unter weiblichen Wählern in Thüringen besser ab. Einen leichten Überhang bei den Frauen erkannte Infratest Dimap auch bei der Analyse der Wähler von Grünen und Linkspartei.

So haben Frauen und Männer abgestimmt:

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Über mangelndes Interesse oder Politikverdrossenheit können sich die Parteien in Thüringen nicht beklagen. Die Wahlbeteiligung lag mit 64,9 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt. Stärker war der Zustrom der Wahlberechtigten in den Wahllokalen nur in den ersten beiden Landtagswahlen nach der Wende. An den Abstimmungen zur Neubesetzung des Landesparlaments 2004 und 2014 wollten sich sogar jeweils nur etwas mehr als die Hälfte aller wahlberechtigten Thüringer beteiligen.

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Das vorläufige Ergebnis der Landtagswahl nach Wahlkreisen:

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Was die Wahlgrafik mit dem vorläufigen Ergebnis nach Wahlkreisen nicht zeigt, sind die regionalen Stärken und Schwächen hinter der ersten Reihe.

So hat die Linke in Thüringen abgeschnitten:

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Diese Gemeinden gingen an die AfD:

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Das Thüringen-Ergebnis der CDU:

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Die Ergebnisse der SPD:

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Die Grünen in Thüringen:

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Das Wahl-Auswertung für die FDP:

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Anhand der Einzelauswertung der Parteiergebnisse in den Thüringer Gemeinden lässt sich zum Beispiel ablesen, wo genau die Grünen ihre Hochburg im Land haben oder wo die SPD lokal noch über 20 Prozent kommt.

Quelle: ntv.de