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Übergangsrat kämpft gegen Engpässe Lage in Libyens Hauptstadt ernst

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Freiwillige verteilen in Tripolis Wasserkanister.

(Foto: REUTERS)

Der Diktator ist gestürzt, nun geht der libysche Übergangsrat die humanitäre Krise in Tripolis an. Vor allem in den Krankenhäusern ist die Lage den Rebellen zufolge dramatisch. Zudem könne der Großteil der Hauptstädter nicht auf fließendes Wasser zurückgreifen. Und noch immer machen Gaddafi-Anhänger den Aufständischen zu schaffen.

Der libysche Übergangsrat hat knapp eine Woche nach dem Fall von Tripolis erstmals eine humanitäre Krise in der Hauptstadt eingeräumt. Der Sprecher des Rates, Schamsiddin Ben Ali, forderte deshalb alle im Ausland arbeitenden libyschen Ärzte auf, sofort in ihre Heimat zurückzukehren. Während die Aufständischen die Hauptstadt weitgehend unter Kontrolle haben, gehen die Kämpfe in anderen Teilen des Landes weiter.

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Ein Gaddafi-treuer Soldat im Maitika-Krankenhaus in Tripolis. Wegen der vielen Verwundeten werden den Rebellen zufolge dringend Medikamente benötigt. Auch mangele es in Libyens Hauptstadt an medizinischem Personal.

(Foto: REUTERS)

Die Lage in den Krankenhäusern der Hauptstadt sei dramatisch, sagte Ben Ali. Neben Ärzten sei wegen der vielen Verletzten auch mehr Nachschub an Medikamenten und medizinischem Gerät notwendig, erklärte der Sprecher dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira.

Laut einem für technische Fragen zuständigen Rebellenvertreter haben derzeit rund 70 Prozent der etwa zwei Millionen Einwohner kein fließendes Wasser. Es gebe aber grundsätzlich "kein Trinkwasserproblem", weil dieses in den Moscheen verteilt werde.

"Wir werden die Krise überwinden"

Wie der Vizechef des örtlichen Übergangsrats der Aufständischen, Abed al-Obeidi betonte, seien die Probleme mit der Trinkwasserversorgung in der Innenstadt nicht auf Sabotage zurückzuführen. Vielmehr gebe es technische Schwierigkeiten im Leitungssystem. Dies betrifft nach Obeidis Angaben vor allem mehrere Pumpstationen. Der Chef des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, hatte die Schwierigkeiten in Tripolis, die auch die Versorgung mit Treibstoff und Nahrungsmitteln betreffen, am Samstag mit Sabotageakten von Anhängern des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi begründet.

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(Foto: REUTERS)

"Wir werden die Krise überwinden. Hauptsache, wir haben den Tyrannen Gaddafi gestürzt", zeigte sich Krankenpfleger Abdullah Mahmud in Tripolis entschlossen. Der libysche Übergangsrat will die Engpässe schnell beheben. Er hat angekündigt, mit der Verteilung von 30.000 Tonnen Benzin sofort zu beginnen. Auch wird eine Lieferung von Diesel erwartet, um die Wasserversorgung wieder in Gang zu setzen.

Weil der Übergangsrat die Sicherheitslage nicht in den Griff bekommt, erwägt er jetzt, für eine befristete Zeit Polizisten aus arabischen oder anderen muslimischen Staaten zu stationieren. Eine Hilfe durch westliche Sicherheitskräfte schloss Rats-Chef Dschalil, kategorisch aus.

Angst vor Gaddafis Waffen

Unterdessen stehen die Rebellen nach eigenen Angaben zum Angriff auf Sirte, die Geburtsstadt des untergetauchten Diktators Gaddafi, bereit. Seit Tagen verhandelt die Übergangsregierung über eine friedliche Übergabe der strategisch wichtigen Küstenstadt. Sie liegt etwa in der Mitte zwischen Tripolis und der Rebellen-Hochburg Bengasi. Die Küstenstraße zwischen Tripolis und Sirte sei inzwischen unter Kontrolle, so ein Militärsprecher der Übergangsregierung.

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Ein angeblicher Gaddafi-Befürworter wird an einem Checkpoint in Tripolis festgenommen.

(Foto: REUTERS)

Den Kämpfern bereiteten mögliche Chemiewaffen und Raketen größerer Reichweite am meisten Kopfzerbrechen, zitierte der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira Fadl Harun, einen Befehlshaber der Rebellen. Im Fall eines Angriffs würden sie auf Unterstützung der NATO setzen: "Sobald die NATO den Weg freigemacht hat, werden wir auf Sirte vorrücken", betonte Harun.

"Das Regime ist noch nicht gestürzt"

Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril räumte in der arabischen Tageszeitung "Shark al-Awsat" ein: "Das Regime ist noch nicht gestürzt. Der Fall von Tripolis ist ein Symbol."

Nach Angaben eines Rebellenkommandeurs in Tripolis ist der Hauptgrenzübergang nach Tunesien zwar eingenommen worden. An der Küstenstraße, die nach Ras Ajdir führt, gebe es aber noch "einzelne Widerstandsnester. "Das Problem ist: Wir haben nicht genug Leute, um alle Regionen gleichzeitig zu durchkämmen."

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Zumindest ein Stück Normalität ist nach Tripolis zurückgekehrt.

(Foto: dpa)

Auch in Tripolis gab es noch vereinzelte Gefechte zwischen Rebellen und Gaddafi-Getreuen. Dennoch öffneten wieder die Geschäfte. Junge Leute begannen damit, die Straßen zu reinigen und die Trümmer der Kämpfe zu beseitigen. Doch machten den Bewohnern neben dem Wassermangel Probleme bei der Stromversorgung zu schaffen.

Grausamer Fund

Am Wochenende kamen indes weitere Grausamkeiten von der Schlacht um Tripolis ans Licht. In einem erst zwei Tage zuvor von den Rebellen eingenommenen Stadtteil sahen Fotoreporter ein Lagerhaus mit mehreren verkohlten Leichen. Anwohner berichteten, die Gaddafi-Truppen hätten in dem Gebäude Zivilisten gefangen gehalten. Als sie das Gelände nicht mehr hätten halten können, hätten sie das Gebäude angezündet. Nach der Einnahme von Tripolis seien von den Aufständischen auch in Krankenhäusern verkohlte Leichen hunderter Gefangener gefunden worden.

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Von Ex-Machthaber Gaddafi fehlt nach wie vor jede Spur.

(Foto: AP)

Zudem sucht der Übergangsrat nach mehr als 50.000 Häftlingen, die spurlos verschwunden sind. Rebellenoberst Ahmed Omar Bani äußerte sich besorgt über das Schicksal der Vermissten. Er schloss nicht aus, dass sie getötet wurden, und verwies darauf, dass viele Bewohner der Hauptstadt derzeit Massengräber rund um die alten Haftanstalten entdeckten, etwa um das Gefängnis von Abu Slim. "Wir kennen die Namen derjenigen, die wissen, was mit den Gefangenen von Tripolis passiert ist. Sie werden von unseren Befreiungskräften gesucht", so Bani. Die Gesamtzahl der Inhaftierten sei auf 57.000 bis 60.000 geschätzt worden. "Zwischen 10.000 und 11.000 Gefangene sind freigelassen worden", hielt Bani fest.

Bei der Jagd nach Ex-Diktator Gaddafi können die Rebellen keine Fortschritte vermelden. Dschalil, räumte ein, dass es derzeit keine gesicherten Informationen über den Aufenthaltsort des 69-Jährigen gebe. Ein Militärsprecher schloss Verhandlungen mit dem Diktator aus.

Arabische Liga appelliert an UN-Sicherheitsrat

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhob schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte Gaddafis. Es gebe Beweise für willkürliche Hinrichtung von Häftlingen, als die Rebellen in die Hauptstadt Tripolis einrückten, teilte die Organisation mit. Gaddafi-Getreue hätten außerdem selbst medizinisches Personal getötet.

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Mit Mahmud Dschibril nahm das erste Mal seit sechs Monaten wieder ein Vertreter Libyens an einer Konferenz der Arabischen Liga teil.

(Foto: dpa)

In Kairo rief die Arabische Liga derweil den UN-Sicherheitsrat und alle betroffenen Länder dazu auf, Gelder des Gaddafi-Regimes jetzt freizugeben. Zuvor hatte mit Dschibril erstmals seit sechs Monaten wieder ein Vertreter Libyens an einer Sitzung der Liga teilgenommen.

Großbritannien kündigte an, humanitäre Hilfe im großen Stil in das Bürgerkriegsland zu schicken. Es gehe um Nahrungsmittel und Medikamente. Nach Angaben des Roten Kreuzes werden vor allem Medikamente zur Behandlung von Krebs oder Diabetes knapp. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte die Bereitschaft, beim Wiederaufbau zu helfen. "Wenn nun ein neues Libyen aufgebaut wird, wird Deutschland selbstverständlich unterstützend daran teilhaben", versicherte sie.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP

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