Politik

Petition gegen "Akzeptanz sexueller Vielfalt" Lehrer kämpft gegen tolerante Erziehung

41489118.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

In baden-württembergischen Klassenzimmern sollen Schüler künftig so erzogen werden, dass sie nicht nur heterosexuelle Orientierungen als normal begreifen. Doch ein Lehrer macht gegen diesen Plan Stimmung.

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch will die Schulbildung in seinem Bundesland auf eine neue Basis stellen. Seine grün-rote Regierung will dazu einen Bildungsplan ausarbeiten. In dem ab 2015 geltenden Dokument ist haarklein festgeschrieben, was Schüler in welcher Klassenstufe lernen und können sollen - vom Berechnen der Fläche eines Quadrats bis hin zu sozialen Kompetenzen.

Und genau an dieser Stelle entspinnt sich ein bizarrer Streit, der gerade im Lichte des Coming-outs von Fußballer Thomas Hitzlsperger tief blicken lässt. Denn es ist ein Konflikt, der zeigt, wie tief verwurzelt Homophobie in der Gesellschaft noch heute ist. Und wie schwer es in manchen Landstrichen der Republik noch sein muss, seine nicht heterosexuelle Neigung offen zu leben.

Denn als Erziehungsziel soll der Bildungsplan im Südwesten laut einem bekannt gewordenen internen Arbeitspapier die "Akzeptanz von sexueller Vielfalt" festschreiben. Im Unterricht soll Homosexualität thematisiert werden, als eine von mehreren möglichen Formen der Liebe eben auch die von gleichgeschlechtlichen Partnern erklären. So weit, so banal, mag man nun denken.

"Gegensatz zur bisheriger Gesundheitserziehung"

Doch in Baden-Württemberg haben damit offenbar mehr Menschen ein Problem als man annehmen könnte. Gabriel Stängle zum Beispiel, ein Lehrer aus dem Kleinstädtchen Nagold. Er hat, als er von dem neuen Bildungsplan erfuhr, eine Online-Petition lanciert. Ihr Titel: "Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens".

Stängle findet, der Bildungsplan schieße "über das Ziel der Verhinderung von Diskriminierung hinaus". Er fürchtet eine "pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung" an den Schulen. Er lehne "ideologische Kampfbegriffe und Theoriekonstrukte" ab. LSBTTIQ-Gruppen (gemeint sind: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer) propagierten Sexualpraktiken, die "in einem krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung" stünden und mit negativen Begleiterscheinungen einhergingen: Suizidgefahr, Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, HIV, eine geringere Lebenserwartung sowie das Risiko psychischer Erkrankung.

Kurzum: Stängles Meinung umfasst ein buntes Sammelsurium homophober Halbwahrheiten und Lügen, schlecht belegt, dünn argumentiert. Online-Petitionen von solch zweifelhafter Qualität und Faktenschärfe gibt es zuhauf. Das Erschreckende an Stängles Vorstoß: Knapp 68.000 Menschen haben sich ihr schon angeschlossen. In 19 Tagen endet die Petition, es könnten sich also noch ein paar mehr anschließen.

Stängle drohen Konsequenzen

In seinem Bundesland hat Stängles Petition für einigen Wirbel gesorgt. Das Kultusministerium reagiert auf Berichte darüber irritiert. In der "Stuttgarter Zeitung" sagt eine Sprecherin, es sei "vollkommen absurd", dass das Ministerium plane, die Schüler umerziehen zu lassen. Die Wortwahl deute auf einen "dogmatischen Hintergrund der Verfasser" hin. Und auch die Grünen sind erschüttert: "Das Vokabular erinnert an rechtsextreme und fundamentalistische Strömungen", sagt Landeschef Oliver Hildebrand der "Stuttgarter Zeitung".

Derweil ist Stängle ein Fall für die Justiz geworden: Ein Unbekannter hatte gegen Stängle eine Strafanzeige gestellt, sie ist mittlerweile fallengelassen worden. Die Anzeige hatte ihm die Verunglimpfung einer bestimmten Personengruppe und Volksverhetzung vorgeworfen. Laut Tübinger Staatsanwaltschaft seien die Positionen des Pädagogen vom Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt. Möglich ist aber, dass Stängle ein Disziplinarverfahren als Beamter droht. Das Regierungspräsidium Karlsruhe prüft den Fall derzeit noch.

Quelle: ntv.de