Politik

Mordfall Litwinenko Lugowoi beschuldigt MI6

Die Giftmordaffäre Litwinenko wird immer bizarrer: Der von der britischen Justiz als Giftmörder beschuldigte Russe Andrej Lugowoi nun hat im Gegenzug den britischen Geheimdienst beschuldigt, dieser sei für den Mord an dem Kremlkritiker Alexander Litwinenko möglicherweise verantwortlich. Auf einer spektakulären Pressekonferenz sagte er in Moskau: "Man kann sich schwer des Gedankens erwehren, dass der Agent Litwinenko dem britischen Geheimdienst außer Kontrolle geriet und deshalb eliminiert wurde." Die Briten wiesen die Verdächtigungen umgehend zurück. Litwinenko war im November 2006 nach einer Begegnung mit Lugowoi in London an dem radioaktiven Gift Polonium gestorben.

Lugowoi sagte, er habe Beweise für seine Behauptungen, legte diese aber nicht vor. Der britische Geheimdienst habe ihn heimlich mit Polonium 210 in Kontakt gebracht, um den Verdacht auf ihn zu lenken, sagte der 1965 geborene Lugowoi. Das Außenministerium in London dementierte eine Beteiligung britischer Behörden. "Das ist ein krimineller Fall und keine Angelegenheit des Geheimdienstes", sagte ein Sprecher in London.

Als wahrscheinlichste Variante bezeichnete der Unternehmer und frühere Geheimdienstmann Lugowoi die These, dass Litwinenko sterben musste, weil er belastendes Material über den russischen Milliardär Boris Beresowski besessen habe und diesen damit erpresste. Als dritte Version nannte Lugowoi die Möglichkeit, dass Litwinenko Mitglieder der russischen Mafia in Spanien an die Polizei verraten habe und deshalb aus Rache umgebracht worden sei.

Der im Londoner Exil lebende Oligarch und Kremlkritiker Beresowski sei - wie Litwinenko auch - vom britischen Geheimdienst angeworben worden. "Nach Saschas (Litwinenko) eigenen Worten wurde er zuerst rekrutiert und dann, auf seinen Rat hin, hat Boris Abramowitsch (Beresowski) den Briten einige Dokumente des russischen Nationalen Sicherheitsrates übergegeben und ist auch ein Agent des MI6 geworden", so Lugowoi. Litwinenko habe sich aber der Kontrolle des britischen Geheimdienstes entzogen und sei deswegen getötet worden. Wenn nicht von dem britischen Dienst selbst, dann zumindest mit dessen Billigung: "In jedem Fall war eine Vergiftung Litwinenkos ohne Wissen des britischen Geheimdienstes unmöglich."

Beresowski wies in London die Anschuldigungen zurück. "Das alles ist eine Lügenkampagne. Es ist klar, dass der Kreml hinter dem Mord an Litwinenko steht", sagte Beresowski am Telefon dem russischen Radiosender Echo Moskwy. Lugowois Pressekonferenz fand in den Räumen der staatsnahen Nachrichtenagentur Interfax statt. Der vom Kreml kontrollierte englischsprachige Fernsehsender Russia Today übertrug die Veranstaltung direkt.

Der Geschäftsmann Lugowoi behauptete ferner, der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe versucht, ihn anzuwerben, um von ihm belastendes Material über Präsident Wladimir Putin zu erhalten. Neben Lugowoi saß auf dem Podium auch dessen Bekannter Dmitri Kowtun. Lugowoi und Kowtun hatten gemeinsam in einem Londoner Hotel Litwinenko an jenem Tag getroffen, an dem Litwinenko vergiftet wurde.

Litwinenkos Witwe Marina nannte Lugowois Anschuldigungen eine "Desinformation". Ein Freund des Verstorbenen, der Russe Alex Goldfarb, erklärte, das Vorgehen Lugowois sei "typisch KGB: erst Mord, dann Desinformation". Die Mörder wollten "die Affäre jetzt ersticken".

Litwinenko war im November 2006 in London mit Polonium ermordet worden. Sowohl bei Lugowoi als auch bei Kowtun stellten Ärzte Poloniumspuren fest. Auch in Hamburg waren später bei vier Menschen, die mit Kowtun in Kontakt standen, Anzeichen für eine Verschmutzung mit Polonium ermittelt worden. In einer posthum veröffentlichten Erklärung machte Litwinenko Putin für seinen Tod verantwortlich. Der Kreml zweifelte die Echtheit des Dokumentes an.

Die britische Staatsanwaltschaft beschuldigte Lugowoi in der Vorwoche des Mordes an Litwinenko, nachdem britische Ermittler Lugowoi zuvor in Moskau im Beisein russischer Beamter vernommen hatten. Premierminister Tony Blair forderte Russland auf, das Gesetz zu respektieren und den verdächtigten Lugowoi auszuliefern. Die russischen Behörden lehnten dies umgehend ab.

Quelle: ntv.de

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