Politik

Roth über Guttenberg "Mache mir Sorgen um seinen Zustand"

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Guttenberg hatte seine Dissertation zur Aktuellen Stunde mitgebracht.

(Foto: dapd)

"Ich frage mich wirklich, was noch vom Wertefundament der Union übrig ist", sagt Grünen-Chefin Claudia Roth. "Wenn Frau Merkel das Verhalten des Doktoranden zu Guttenberg vom Verteidigungsminister zu Guttenberg trennt, dann zerhackt sie dieses Wertesystem und fügt ihm einen riesigen Schaden zu."

n-tv.de: Verteidigungsminister Guttenberg hat am Mittwoch im Bundestag Ihrem Fraktionschef indirekt mit einer Anzeige gedroht, wenn dieser behaupte, Guttenbergs Dissertation sei ein Plagiat. Guttenberg sagte, dieses Urteil könne "natürlich eine strafrechtliche Relevanz in sich tragen". Da müsse man aufpassen, "dass man nicht in den Bereich kommt, dass man in die üble Nachrede oder ähnliches abdriftet, und das wollen Sie ja sicher auch nicht". Trauen Sie sich jetzt noch, von einem Plagiat zu sprechen?

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Claudia Roth

(Foto: picture alliance / dpa)

Claudia Roth: Ich glaube, Herr zu Guttenberg ist der letzte, der irgendjemandem drohen sollte. Wenn sich in einer wissenschaftlichen Arbeit zur Erlangung eines wissenschaftlichen Grades auf mehr als 200 Seiten gravierende Fehler und geklaute Zitate finden, dann kann mir niemand erzählen, dass dies nur ein Missgeschick war. Es heißt, 73 Prozent dieser Arbeit seien nicht von ihm. Das kann doch nur ein massiver Täuschungsversuch sein. Wer so etwas macht, der sollte nicht anderen drohen. Was ist ein Plagiat, wenn das kein Plagiat ist?!

Er bestreitet, bewusst getäuscht zu haben.

Dann müssten wir annehmen, Herr zu Guttenberg erinnert sich nicht daran, dass er auf 200 Seiten gravierende Fehler gemacht hat, dass er mehrere Arbeiten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags benutzt hat, dass er sogar den Anfang der Einleitung, wo es ja gewissermaßen um den intellektuellen Aufschlag geht, abgeschrieben hat. Wenn er sich daran nicht erinnert, dann mache ich mir Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Bewusst oder unbewusst: Wer mit solch fehlender Sorgfalt arbeitet, ist ein Luftikus und nicht geeignet für ein Ministeramt in der Bundesrepublik Deutschland.

Halten Sie es denn für denkbar, dass Guttenberg jetzt noch zurücktritt? Das Schlimmste hat er ja vermutlich überstanden.

Es geht schon lange nicht mehr nur um Herrn zu Guttenberg, sondern um die Frage, welchen Wert Werte noch haben. Ich frage mich wirklich, was noch vom Wertefundament der Union übrig ist. Es sind doch immer die Konservativen, CDU und CSU, die Ehre, Ehrlichkeit, Seriosität, Anstand, Aufrichtigkeit in Anspruch nehmen, die erzählen, sie seien eine christliche Partei, den christlichen Geboten verpflichtet. Das achte Gebot lautet: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, sprich: Du sollst nicht lügen. Die Union hat uns diese Werte immer als "deutsche Leitkultur" entgegengehalten: uns, den angeblich vaterlandslosen Gesellen, den 68ern, den Migranten. Wenn Frau Merkel das Verhalten des Doktoranden zu Guttenberg vom Verteidigungsminister zu Guttenberg trennt, dann zerhackt sie dieses Wertesystem und fügt ihm einen riesigen Schaden zu.

Die Union sagt, Außenminister Fischer sei 2001 ja auch nicht zurückgetreten, nachdem Fotos aufgetaucht waren, die ihn zeigen, wie er einen Polizisten niederschlägt. Legen Sie an Guttenberg andere Maßstäbe an als an Fischer?

Nein, aber Joschka Fischer hat auch nie geleugnet. Damals ist alles aufgeklärt worden, es ist alles diskutiert worden. Und Fischer hat auf alle Fragen eine ehrliche Antwort gegeben.

Mit Claudia Roth sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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