Politik

"Klartext" mit Baerbock im ZDF "Menschenrechte gelten für alle"

256236113.jpg

Das Interviewformat, das ARD und ZDF ihr boten, schien Baerbock zu gefallen.

(Foto: picture alliance/dpa)

In den vergangenen zwei Wochen haben Zuschauer in den öffentlich-rechtlichen Sendern den drei Kanzlerkandidaten auf den Zahn gefühlt. Am Donnerstagabend ist in der ZDF-Sendung "Klartext" Annalena Baerbock zu Gast. Die Zuschauer erleben eine kämpferische Kandidatin.

Annalena Baerbock träumt noch immer vom Kanzleramt. Doch die Umfragen der letzten Wochen sagen für die Kandidatin der Grünen etwas anderes voraus. Ihre Partei liegt danach klar auf dem dritten Platz. Trotzdem gab sich Baerbock in der ZDF-Sendung "Klartext" am Donnerstagabend kämpferisch. Sie möchte auf jeden Fall einer neuen Regierung angehören. "Weil wir einen wirklichen Aufbruch brauchen, vertraue ich darauf, dass das nur mit einer grünen Bundesregierung klappt", betonte sie.

Dafür tat die Politikerin auch in dieser Sendung ihr möglichstes. Dabei hat sie einen entscheidenden Vorteil: Sie kommt aus der Opposition. Die Grünen sind für vieles, was die große Koalition in den letzten acht Jahren beschlossen hat, nicht verantwortlich. Vor allem kritisierte sie, dass die Regierungsparteien gerade beim Klimawandel zu wenig getan haben. Das Interviewformat, das ARD und ZDF ihr boten, schien Baerbock zu gefallen. In der Sendung "Klartext" waren auch diesmal wieder etwa 70 Zuschauer zu Gast. Und die hatten die Hauptrolle: Sie konnten Fragen stellen.

Baerbock gelang es, auf jeden Gast der Sendung einzugehen. Sie nahm die Zuschauer ernst, diskutierte mit ihnen. Sie reagierte auf mehrere Einladungen, versprach nach der Bundestagswahl Besuche in der Lausitz und am Bodensee. Und diesmal gab sie Wissenslücken zu. So glaubte sie auf die Frage einer Landwirtin, Milchbauern würden an einem Liter Milch 50 Cent verdienen. Laut der Landwirtin sind es aber nur 31 Cent - was sich auch mit Angaben des Bauernverbandes deckt.

Auf die Frage eines Zuschauers aus Sachsen, erklärte Baerbock, die Länder der EU sollten gemeinsam mit den USA eine Allianz für Klimaneutralität bilden. "In Deutschland werden wir das Weltklima alleine nicht retten", sagte sie. Am Kohleausstieg wolle sie festhalten. Gleichzeitig kritisierte Baerbock, dass in Polen der Tagebau ausgeweitet wird. Das führe zum Sinken des Grundwasserspiegels in der Grenzregion.

Agrarpolitik der Europäischen Union soll modernisiert werden

Den ersten Applaus der Sendung gab es, als eine Landwirtin von ihrer Angst berichtete, landwirtschaftliche Betriebe schließen zu müssen, weil sie sich finanziell nicht mehr rechneten. Auch hier setzte Baerbock auf die EU. Sie forderte eine neue Agrarpolitik der Europäischen Union, "die dafür sorgt, dass Subventionen nicht mehr mit der Gießkanne ausgeschüttet werden." Wichtig sei ihr die Kennzeichnung von Fleischprodukten, damit die Kunden wissen, wie die Tiere gehalten worden sind. "Die Supermärkte machen das jetzt freiwillig, weil die Landwirtschaftsministerin das nicht gebacken bekommen hat!"

Diskussionen gab es beim Thema Windräder. Baerbock will zwei Prozent der Fläche für ihren Bau nutzen. Die meisten Windkraftanlagen gebe es in Nord- und Ostdeutschland, sagte Baerbock. Folglich müssten nun neue Anlagen vor allem im Westen und Süden entstehen. Sehr ehrlich reagierte Baerbock auf eine Fridays-for-Future-Aktivistin, die ihr vorwarf, mit den von den Grünen geplanten Maßnahmen könne man das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen. Danach soll die Durchschnittstemperatur auf der Erde bis zum Jahr 2100 um höchstens eineinhalb Grad steigen, verglichen mit dem Beginn der Industrialisierung im Jahr 1850. "In unserem Programm steht, dass wir auf den 1,5-Grad-Pfad kommen wollen. Ich kann aber nicht versprechen, in vier Jahren schon dort zu sein", so Baerbock.

Selbstverständlich wurde über eines der wichtigsten Themen des Herbstes gesprochen, die Corona-Krise. Dabei meldete sich ein Long-Covid-Patient. Der Unternehmer schilderte, er habe sich im März vergangenen Jahres mit Corona angesteckt und leide nun an den Spätfolgen. Er habe mühsam wieder lesen und schreiben gelernt, Treppen steigen klappe immer noch nicht. Reha-Maßnahmen würden nicht gezahlt, in die Erforschung der Corona-Langzeitfolgen werde viel zu wenig Geld investiert. "Ich kann Ihnen zusichern: Sie sind nicht allein", versprach Baerbock. Man werde sich parteiübergreifend für Menschen mit Corona-Spätfolgen einsetzen.

Baerbock fordert, Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen

Sehr ruhig reagierte Baerbock gegen Ende der Sendung, als sie die Tochter vietnamesischer Eltern ansprach. Sie sei AFD-Mitglied, sagte die Frau, und sprach sich dafür aus, die Einwanderung von Menschen aus muslimischen Ländern zu begrenzen. Auf die Antwort von Baerbock gab es gleich mehrfach Applaus. Baerbock forderte, Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen. "Man kann Menschen nicht in ein Land abschieben, wo ihnen die Todesstrafe droht, weil sie sich für ihre Rechte, für Menschenrechte oder die Rechte von Frauen einsetzen", so Baerbock. Die Zuschauerin antwortete, dass sich auch die AFD für Menschenrechte einsetzen würde. "Das höre ich im Bundestag anders", so Baerbock. "Ihnen geht es nicht um die Menschenrechte für alle, sondern nur für Deutsche. Menschenrechte sind unteilbar. Sie gelten für alle Menschen in der Welt."

Am Ende bleibt der Eindruck: Da ist jemand, der frischen Wind in die Politik bringen könnte. Baerbock will es nicht jedem recht machen: In der Sendung hat sie manchen Fragesteller enttäuscht, weil sie die Grenzen ihrer Möglichkeiten klar benannte. Sie setzte sich für einen sozialen und ökologischen Wandel in Deutschland ein. Wenn Sie am Donnerstagabend wirklich mit etwas punkten konnte, dann mit ihrer Ehrlichkeit - und damit, dass sie nicht davor zurückschreckte, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.