Politik

Interview mit Mojib Latif "Merkel handelt wider besseres Wissen"

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Am 4. November demonstrierten 25.000 Menschen in Bonn für einen Ausstieg aus der Kohleverbrennung. In Bonn findet derzeit die UN-Klimakonferenz statt. Kanzlerin Merkel wird hier in einer Wolke von Abgasen dargestellt.

(Foto: REUTERS)

Das Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist eine Vorsichtsmaßnahme ohne Garantie, sagt der Klimaforscher Mojib Latif. Er hofft, dass es mehr Druck von unten auf die Politik gibt.

n-tv.de: Ist es nicht längst zu spät, um einigermaßen bruchlos den Ausstieg aus einer Wirtschaftsform zu organisieren, die größtenteils auf den Ausstoß von CO2 angewiesen ist?

Mojib Latif: Es ist nicht zu spät, aber natürlich ist es eine große Herausforderung, weil wir lange geschlafen haben. Aber es geht, der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen hat das alles vorgerechnet. Deutschland kann bis zur Mitte des Jahrhunderts dekarbonisieren, ohne zu deindustrialisieren.

Wäre es nicht sinnvoller, sich an den Klimawandel anzupassen?

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Mojib Latif ist Leiter des Forschungsbereichs Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel sowie Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums, einem Zusammenschluss der führenden Klimaforschungsinstitute Deutschlands.

(Foto: picture alliance / Christina Sab)

Wir müssen beides machen. Das Klima ist ein träges System - selbst wenn wir sofort aufhören würden, CO2 auszustoßen, würden der Klimawandel weitergehen und die Auswirkungen der Erderwärmung zunehmen. Anpassen müssen wir uns also ohnehin. Aber wichtig ist eben auch, dass wir den Klimawandel begrenzen. Es ist ein Sowohl-als-auch: Mitigation, also Begrenzung des Klimawandels, aber auch Anpassung an das Unvermeidliche.

Warum ist eigentlich immer vom Zwei-Grad-Ziel die Rede? Warum ist eine Erderwärmung um zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit beherrschbar, aber drei Grad nicht?

Diese exakte Grenze gibt es nicht: Es ist unsicher, welche Erderwärmung noch beherrschbar ist und welche nicht. Im Klimaabkommen von Paris wurde daher auch nicht vereinbart, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sondern auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad. Wir hoffen, aber wir wissen es nicht, dass dann bestimmte Kipp-Effekte nicht eintreten, wie zum Beispiel das unwiderrufliche Abschmelzen des Grönlandeises, das einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter zur Folge hätte. Das Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist eine Vorsichtsmaßnahme ohne Garantie.

Hat Deutschland überhaupt ein objektives Interesse am Klimaschutz? Die Auswirkungen betreffen doch eher Länder in Afrika, in Asien, im Pazifik und in der Karibik.

Deutschland muss ein Interesse daran haben. Auf der einen Seite sehen wir heute schon die Auswirkungen in Deutschland, etwa die Zunahme von Hitzetagen, von Starkregen und Überflutungen. Andererseits leben wir nicht auf einer Insel der Seligen. Die Folgen des Klimawandels in anderen Regionen der Welt betreffen uns auch - ökonomisch, durch Fluchtbewegungen oder durch eine Verschlechterung der Sicherheitslage auf diesem Planeten.

Wie weit ist die Forschung mit Blick auf Eingriffe in das Klimasystem durch sogenanntes Geo-Engineering?

Es gibt da durchaus seriöse Forschung. Aber die Ergebnisse zeigen, dass die Maßnahmen entweder nicht wirksam sind oder die Nebenwirkungen so stark, dass man die Finger davon lassen sollte.

Was ist mit CCS, Carbon Capture and Storage, der Abscheidung und Speicherung von CO2?

Da gibt es auch noch keine Technologie, von der man zu 100 Prozent sagen kann, dass sie wirklich sicher ist. Ich würde daher nicht darauf setzen. Wichtig ist, dass wir den Weg in die Erneuerbaren Energien finden. Die Erfahrung zeigt: Wann immer es tiefgreifende technologische Umbrüche gab, verlief die Entwicklung zunächst zögerlich und dann rasend schnell. Das beste Beispiel ist das Mobiltelefon. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass viele Menschen am Anfang skeptisch waren, ob Handys sich durchsetzen würden. Die Erneuerbaren Energien sind schon heute eigentlich billiger als konventionelle Energien. Wenn man jetzt noch die Subventionen für die konventionellen Energien abschaffen würde, träte man eine Lawine los. Meine Hoffnung ist, dass man CCS dann gar nicht mehr braucht.

Für viele Menschen ist der Klimawandel ein ziemlich überwältigendes Thema, mit dem sie sich lieber nicht beschäftigen: Die Folgen des Klimawandels sind so groß und der Einfluss des Einzelnen so klein. Denken Sie als Wissenschaftler darüber nach, wie Sie die politische oder allgemein die öffentliche Debatte beeinflussen?

Klima-Kommunikation ist ein ganz wichtiges Thema. Aber zur Politik muss ich ganz ehrlich sagen: Die wissen, worum es geht, denen kann ich nichts mehr erklären. Viele Politiker inklusive der Bundeskanzlerin könnten Ihnen über den Klimawandel einen Vortrag halten, der nicht schlechter wäre als meiner. Sie handeln wider besseres Wissen, das muss man so deutlich sagen. Aber es stimmt schon, der Druck von unten ist nicht stark genug. Daran müssen wir arbeiten. Denn wir haben immer gesehen, dass die Politik sich bewegt, wenn der Druck stark ist: Das war bei der Wiedervereinigung Deutschlands so, das war beim Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima so. Beim Klimawandel müsste es ähnlich sein.

Mit Mojib Latif sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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