Politik

Rebellen erobern Grenzposten Misrata steht unter Dauerfeuer

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Die Hand eines Arztes in einem Krankenhaus in Misrata.

(Foto: REUTERS)

Die Kämpfe um die westlibysche Stadt Misrata gehen unvermindert weiter. Westlichen Drohungen zum Trotz beschießen Gaddafi-Truppen die Rebellen mit Granaten. Die Aufständischen nehmen derweil einen Grenzübergang nach Tunesien ein. Sie hoffen weiterhin auf Hilfe durch westliche Bodentruppen. Militärexperten und Waffen bekommen sie bereits.

Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi halten die westlibysche Rebellen-Enklave Misrata unter Dauerfeuer. Durch Granatwerferbeschuss seien mindestens drei Kämpfer der Rebellen getötet worden, teilten die Aufständischen mit. In der seit sieben Wochen belagerten drittgrößten Stadt des nordafrikanischen Landes werden mittlerweile Lebensmittel und Medikamente knapp. Auch an den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, zur Stromversorgung sind die Einwohner auf Generatoren angewiesen.

Gaddafis Truppen zeigten sich unbeeindruckt von westlichen Drohungen, den Militäreinsatz gegen sie auszuweiten. Nach Angaben der Rebellen machten auch Scharfschützen Jagd auf Zivilisten, was Gaddafis Regierung bestreitet. Seit Beginn der Kämpfe vor sieben Wochen wurden nach Angaben von Ärzten 365 Menschen, darunter mindestens 85 Zivilisten getötet. Verletzt wurden 4000 Personen.

Die Rebellen in Misrata zeigten sich auch unzufrieden über die westlichen Luftangriffe. "Die NATO hat es nicht geschafft, die Lage am Boden zu wenden", sagte ein Sprecher der Aufständischen. Ein Vertreter des Bündnisses verwies darauf, dass Gaddafis Truppen ihr Gerät immer mehr in der Nähe von Zivilisten platzierten, so dass Luftangriffe zunehmend schwieriger würden.

Grenzposten erobert

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Ein Libyer an Bord eines Schiffes, das verwundete Libyer und Flüchtlinge von Misrata nach Bengasi bringt.

(Foto: AP)

Die Rebellen brachten unterdessen einen der wichtigsten Grenzposten zum westlichen Nachbarland Tunesien unter ihre Kontrolle. Die Aufständischen hätten den Posten Wasin rund 250 Kilometer von der Küste nach kurzen Kämpfen eingenommen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Augenzeugen. Nach Angaben der Rebellen flohen zwischen 150 und 200 entwaffnete Soldaten Gaddafis auf die tunesische Seite. Die staatliche tunesische Nachrichtenagentur TAP meldete dagegen, 13 Soldaten Gaddafis, unter ihnen zwei Generäle, seien nach Tunesien geflohen. Über Wassin waren in den vergangenen Tagen Hunderte Flüchtlinge aus der nahen libyschen Stadt Nalut nach Tunesien gekommen.

Die Aufständischen rechnen derweil mit schneller Waffenhilfe aus Europa. Durch zusätzliche Waffen und ausländische Militärexperten werde sich das Blatt bald wenden, sagte Abdelhafizh Ghoga, ein führendes Mitglied des Übergangsrates in Bengasi, der Nachrichtenagentur dpa. "Anfangs gab es noch Diskussionen darüber, ob die UN-Resolution 1973 Waffenlieferungen an die Revolutionäre verbietet oder nicht, doch mit Italien haben wir inzwischen eine Einigung erzielt und auch mit Großbritannien", sagte Ghoga. Auch Frankreich will Militärberater schicken. Paris meldete zudem einen Anstieg seiner wöchentlichen Luftangriffe auf 41 nach durchschnittlich 30 seit Beginn des Libyen-Engagements.

Russland kritisiert Militärberater

"Wir brauchen Hilfe aus dem Ausland, um unsere Truppen besser zu organisieren", sagte Ghoga. Die angekündigten britischen Militärberater seien aber noch nicht in Libyen eingetroffen. Auf die Frage, welche Staaten bereit seien, Bodentruppen zu schicken, um einen humanitären Korridor für die Zivilisten in westlichen Städten wie Misrata und Sintan zu öffnen, sagte der Anwalt: "Es ist nicht wichtig, wie viele Staaten sich daran beteiligen, solange die Operation unter dem Schirm der Vereinten Nationen stattfindet."

In einer Pressekonferenz in Bengasi sagte Ghoga, der Übergangsrat sei nicht der Meinung, dass eine solche Hilfsaktion auf einen Militäreinsatz am Boden hinauslaufe. "Wenn dies nötig ist, um humanitäre Hilfe zu leisten oder sichere Zonen für Zivilisten zu schaffen, so wäre dies auch durch die UN-Resolution 1973 gedeckt." Die Rebellen wollten aber nicht, dass diese Truppen mit ihnen an der Front gegen die Soldaten Gaddafis kämpfen.

Russland kritisierte die geplante Entsendung von Verbindungsoffizieren. Das ziehe die Völkergemeinschaft in einen im UN-Mandat zu Libyen nicht vorgesehenen Konflikt am Boden, sagte Außenminister Sergei Lawrow in Ljubljana in Slowenien. Aus anderen Konflikten wisse man, dass den Instrukteuren später Soldaten und der Tod vieler Menschen auf beiden Seiten folgten.

UNO wollen noch nicht um Hilfe bitten

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Abdelhafizh Ghoga ist Sprecher des Nationalen Übergangsrates der Rebellen.

(Foto: REUTERS)

Die Bundesregierung lehnt den Einsatz von Bodentruppen ab, schließt aber die Teilnahme an einem humanitären Einsatz nicht aus. Auch die EU-Kommission erwägt, Bodentruppen zum Schutz von Hilfslieferungen einzusetzen. Allerdings wollen die Vereinten Nationen die Europäische Union vorerst nicht um militärischen Schutz für die humanitären Korridore in Libyen bitten. Dies sei momentan nicht nötig, da die UNO in der Lage sei, "zivile Mittel zu nutzen", sagte die Leiterin der humanitären Einsätze der Vereinten Nationen, Valerie Amos, in New York.

Die USA setzen ab sofort bewaffnete Drohnen in Libyen ein. US-Präsident Barack Obama habe die Nutzung in dem Konflikt genehmigt, sagte Verteidigungsminister Robert Gates in Washington. Die unbemannten Fluggeräte könnten bereits im Laufe des Tages mit ihren Missionen beginnen. Erste versuchte Angriffsflüge hätten wegen des schlechten Wetters abgebrochen werden müssen, sagte der stellvertretende US-Generalstabschef James Cartwright.

Insgesamt könnten bis zu zwei Drohnen gleichzeitig im Einsatz sein. Sie sollen besonders in besiedelten Gebieten helfen, da sie mögliche Kollateralschäden minimierten, sagte Cartwright. "Sie haben die Möglichkeit, tiefer zu fliegen, deshalb könne sie eine bessere Sicht Auf bestimmte Ziele bekommen." Gates sprach von einem "bescheidenen Beitrag" der USA für die NATO-Truppen. Er sei wegen der humanitären Situation in Libyen notwendig geworden. Es ändere sich aber nichts an der Maßgabe des Präsidenten, keine US-Bodentruppen in Libyen einzusetzen, sagte Gates.

Wie Außenministerin Hillary Clinton mitteilte, sollen die Regimegegner zudem medizinische Artikel, Uniformen, Schutzausrüstung, Radios und Nahrungsmittel im Wert von 25 Millionen Dollar (17,2 Millionen Euro) erhalten. Vorausgegangen seien wochenlange Beratungen mit dem Übergangsrat in Bengasi über die am dringendsten benötigten Güter. Der Übergangsrat hat auch um Waffenhilfe gebeten, aber die USA haben bisher nicht darüber entschieden.

Zwei Journalisten in Misrata getötet

In der umkämpften Stadt Misrata östlich der Hauptstadt Tripolis waren am Mittwoch zwei bekannte Fotojournalisten ums Leben gekommen, zwei weitere wurden schwer verletzt. Die Toten sind der Filmemacher und Fotograf Tim Hetherington sowie der Fotograf Chris Hondros. Die Männer wurden beide 41 Jahre alt. Verletzt wurden der britische Fotograf Guy Martin sowie der US-Fotograf Michael Brown. Die Reporter traf eine Panzerabwehrgranate, als sie Gefechte zwischen den Verteidigern der Stadt und angreifenden Gaddafi-Truppen dokumentierten, berichteten Augenzeugen und Kollegen.

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Tim Hetherington (r.) und Chris Hondros.

(Foto: REUTERS)

Hetherington, der für das US-Magazin "Vanity Fair" arbeitete, hatte für seinen Film "Restrepo" über US-Soldaten in Afghanistan erst Anfang des Jahres eine Oscar-Nominierung erhalten. Der Film, den er mit dem deutschstämmigen Journalisten Sebastian Junger ("Der Sturm") machte, dreht sich um den Tod des amerikanischen Militärarztes Juan Restrepo. Der Filmemacher hatte sich für die Dokumentation mitten ins Korengal-Tal - ein Kampfgebiet im Osten des Landes - begeben, das beim amerikanischen Militär als "Tal des Todes" bekannt ist.

Hondros arbeitete für die Agentur Getty. Er war ein erfahrener Krisenreporter. Vor Libyen war er bereits in Unruhegebieten wie dem Kosovo, Angola, dem Irak, Afghanistan oder Liberia unterwegs. Für seine Arbeit in Liberia erhielt er eine Nominierung für den renommierten Pulitzer-Preis.

UN werfen Gaddafi Kriegsverbrechen vor

Die UN warfen Gaddafi einen schmutzigen Krieg vor. "Nach internationalem Recht ist der Beschuss von medizinischen Einrichtungen ein Kriegsverbrechen. Und es ist ein ernster Verstoß gegen das Völkerrecht, rücksichtslos auf Zivilisten zu feuern", sagte die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay. "Der Einsatz von ungenauen Waffen wie Streubomben, Raketenwerfern und Mörsern in dicht bevölkerten Gebieten führt zwangsläufig zu zivilen Opfern."

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP/rts

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