Politik

Ein Jahr AußenpolitikMit der Drohung gegen Europa beginnt Trump eine neue Ära

19.01.2026, 08:01 Uhr RTL01231-1Von Volker Petersen
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Trump findet Gefallen an Außenpolitik. Niemand könne ihn stoppen, meint er. (Foto: picture alliance / abaca)

Ein Jahr nach Trumps Amtsantritt zeichnen sich einige Lehren über seinen Blick auf die Welt ab. Er sieht die Welt aufgeteilt unter China, Russland und den USA. Sein Anspruch auf Grönland passt nur zu gut ins Bild.

Lässt US-Präsident Donald Trump demnächst Grönland besetzen? Allein diese Frage sagt eigentlich alles. Ein Jahr nach dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit ist die Welt eine völlig andere - selbst als in Trumps erster Amtszeit. Die jüngste Zolldrohung gegen mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, ist hier nur die nächste Eskalationsstufe.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Grönland gehört zu Dänemark, einem Nato-Mitglied. Annektierten die USA die Insel, wäre das ein feindlicher Akt gegen einen Verbündeten. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat für den Fall schon das Ende der Militärallianz vorhergesagt, viele Experten pflichten ihr bei. Völkerrechtswidrig wäre der Akt ohnehin, aber danach fragt kaum noch jemand - im Weißen Haus absolut niemand. Aber schon die Zolldrohung ist eine unglaubliche Eskalation. Es handelt sich um Verbündete, die seit Jahrzehnten zusammenstehen. Kann man da jetzt noch das gemeinsame Schutzversprechen ernst nehmen?

Die USA drohen damit, sich fremde Länder einzuverleiben, die Nato steht am Abgrund und das Völkerrecht ist klinisch tot - das sind drei Befunde, die man nach zwölf Monaten Außenpolitik à la Trump festhalten kann. Oder auch nach den vergangenen drei Wochen. Die Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro ist zwar historisch nicht beispiellos, und niemand trauert ihm nach. Aber die Unverblümtheit, mit der Trump anschließend sagte: "Wir holen uns jetzt das Öl", war umso schockierender. Frühere US-Präsidenten taten zumindest so, als ginge es ihnen um die Demokratie.

Nur die "eigene Moral" kann ihn stoppen

Machen die USA jetzt alles, was sie können? Spielen die alten Werte keine Rolle mehr? Taugen sie nicht mal mehr als Feigenblatt? Klar ist: Die USA können eine Menge, denn sie verfügen über das größte Militär der Welt. Wer kommt als nächstes dran? Kuba? Kolumbien, Panama? Oder vielleicht doch Kanada? Grenzen sieht Trump offenbar nicht - nur seine eigene "Moral", sein eigenes Denken könne ihn stoppen, wie er der "New York Times" sagte.

Es bleibt eigentlich nur eine Frage: Was zur Hölle ist hier los? Oder vielleicht auch: Dreht Trump jetzt völlig durch?

Wer nun heftig nickt, wird womöglich nicht ganz daneben liegen. Wie er sich gerade erst von der Venezolanerin Ana Corina Machado ihren Friedensnobelpreis aushändigen ließ, war nur die jüngste Episode zum Abwinken. Ebenso schamlos benennt er das "Kennedy Center" in Washington, ein Konzerthaus, in "Trump Kennedy Center" um. Und schamlos lässt er einen Teil des Weißen Hauses abreißen, um dort einen Ballsaal zu errichten. Mit derselben Schamlosigkeit greift er nach dem Öl Venezuelas, nach Kanada und nach Grönland - und ist dafür bereit, auf volle Konfrontation mit Europa zu gehen.

Wobei es derselbe Mann geschafft hat, mit Druck auf beide Seiten eine Waffenruhe in Gaza zu organisieren, zweifellos ein Erfolg. Auch die Bombardierung des iranischen Atomprogramms ging gut - und könnte die Region sicherer gemacht haben. Somit ist nicht alles so pechschwarz, wie seine Kritiker sagen, aber sicher auch nicht so strahlend weiß, wie er es selbst immer in die Welt posaunt. Zumindest gibt es Erklärversuche, die sein Verhalten rational erscheinen lassen.

Beispielsweise die Grönland-Sache - die Arktisinsel gewinnt durch das schmelzende Eis tatsächlich eine strategische Bedeutung. Schaut man sich ihre Lage auf einem Globus an, wird das deutlich. Sie liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Russland und Kanada. Da gilt: Haben oder nicht haben - wer Grönland kontrolliert, kann die andere Seite besser in Schach halten. Das gilt auch für China, das über ein befahrbares Polarmeer ebenfalls in den Nordatlantik vorstoßen könnte.

Denken in Einflusszonen

Solche Überlegungen sind rational. Irrational ist allerdings Trumps Bestreben, Grönland und Kanada besitzen zu wollen. Kanada ist der treueste Verbündete und der netteste und unkomplizierteste Nachbar, den sich die USA wünschen können. Und in Grönland haben die Amerikaner bereits eine Militärbasis. Die könnten sie nach Belieben ausbauen und selbst die Bodenschätze dort dürften sie gemeinsam mit Dänen und Grönländern abbauen. Ginge es nur um Sicherheit, gäbe es keine unlösbaren Probleme.

Aber Grönland ist nur ein Einzelbeispiel. Für die Weltmacht USA geht es immer um das große Ganze, den gesamten Planeten. Und da kehrt ein uralter Begriff zurück, der seit dem Ende des Kalten Krieges im Westen außer Mode geriet: die Einflusszone - ein Gebiet also, in dem ein mächtiger Staat großen Einfluss hat, ohne dass es Teil seines Territoriums ist. Für Russland war das bis zum Fall des Eisernen Vorhangs Ostmitteleuropa. Für die USA war das im 20. Jahrhundert Mittel- und Südamerika, seit dem Zweiten Weltkrieg auch Westeuropa und Teile Ostasiens.

Dort ist China längst zur Großmacht herangewachsen. Wirtschaftlich ohnehin, aber auch militärisch. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Präsident Xi Jinping versucht, Taiwan zu erobern. China sieht die Region um das Südchinesische Meer als seine Einflusszone - aber auch in Afrika, Südamerika und Russland wächst die eigene Bedeutung.

Für das Völkerrecht gibt es in einer solchen Weltordnung keinen Platz. Auch für den US-Präsidenten zählt nur die nackte Macht - Frieden, Freihandel oder Völkerfreundschaft sind etwas für die Loser in Europa. So liest sich auch die neue Sicherheitsstrategie der USA.

Bloß Vermittler in der Ukraine

Putin gefällt das. Er hat immer schon in Einflusszonen gedacht. Wenn nun die USA dieses Denken übernehmen, wackelt praktischerweise auch jede Argumentation gegen Russlands brutalen Krieg gegen die Ukraine. Zwingt Putin nicht bloß ein Land an seine Seite zurück? So wie Trump es mit Venezuela macht?

Der Vergleich hinkt natürlich, weil vier Jahre Bombenterror und Vernichtungskrieg eine andere Größenordnung haben als die Entführung eines Diktators. Klar ist: Trump blickt auf die Ukraine nicht wie frühere Präsidenten. Er sympathisiert nicht mit den Menschen, die für Freiheit und Demokratie kämpfen. Das wurde überdeutlich beim ersten unfassbaren Moment seiner Amtszeit: als er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus zusammenfaltete. Trump hat offenbar kein strategisches Interesse an dem Land, wirtschaftliches allerdings schon.

Trump sieht sich als Vermittler, der immer zwischen Putin und Selenskyj schwankt. Das erklärt auch seine Entscheidung, Putin in Alaska zu treffen. Eine wichtige Motivation, sich überhaupt noch damit abzugeben, scheint der Friedensnobelpreis zu sein. Die Sicherheit Europas kümmert ihn weniger. Europa versucht derweil unter Führung von Keir Starmer, Emmanuel Macron und Friedrich Merz, Trump so lange wie möglich bei der Stange zu halten - Ausgang offen.

Was das alles bedeutet, ist dafür umso klarer: Die Europäer müssen umso fester zusammenhalten und sich neue Freunde suchen. Das Mercosur-Abkommen der EU oder auch der kürzliche Besuch von Kanzler Merz in Indien sind Ausdruck davon. Und eine Flucht vor Trumps Zollpolitik, die er längst zum außenpolitischen Instrument gemacht hat. Wer folgt, wird entlastet, wer bockt, kriegt noch eins mit dem Zollhammer übergebraten - wie er gerade erst wieder mit seiner Zollankündigung gegen acht europäische Länder vorgeführt hat.

"America first" ist der Slogan hinter alldem. Obwohl das viele seiner Wähler anders verstanden hatten, nämlich als Abkehr von der Welt und Fokus auf innenpolitische Probleme. Doch Trump hat längst klargestellt: Was "America First" ist, entscheidet allein er. Trump, das selbsterklärte Genie, macht jetzt Weltpolitik. Venezuela, Grönland, vielleicht wieder ein Schlag gegen den Iran? Von einem ist er überzeugt: Niemand kann ihn stoppen. Im Moment sieht es so aus, als ob er damit recht behalten könnte.

Quelle: ntv.de

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