Politik

Gedenken am Breitscheidplatz Mitgefühl ein Jahr danach

Vor und nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt hat der Staat in mehrfacher Hinsicht versagt. Auch darum geht es bei den heutigen Gedenkfeiern.

Die Buden des Weihnachtsmarkts sind zu, die Lichter aus. Der Breitscheidplatz im alten Zentrum von West-Berlin ist an diesem Vormittag eine trostlose Hochsicherheitszone. An jeder Ecke sind Polizisten postiert, einige von ihnen mit Maschinenpistolen. Auf den Häusern ringsum stehen Scharfschützen. Mit Ferngläsern behalten sie den weiträumig abgesperrten Platz im Auge.

Auf den Tag genau vor einem Jahr wurden hier zwölf Menschen getötet. Der Täter war ein 23-jähriger Tunesier, der mit 18 Jahren über das Mittelmeer nach Italien gekommen war, sich dort in einem Gefängnis radikalisierte und dann über die Schweiz nach Deutschland zog.

Heute liegen vor der Gedächtniskirche weiße Rosen, mit ihren Köpfen zeigen sie zu den Stufen, auf denen die Namen der zwölf Menschen stehen, die bei dem Anschlag vor einem Jahr ums Leben gekommen sind. Ein langer, goldener Riss im Boden symbolisiert die Wunde, die das Attentat im Leben der Hinterbliebenen und Verletzten hinterließ. In der Kirche findet, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine Trauerfeier statt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt dabei, dass dieser Anschlag nie hätte passieren dürfen. "Und ja, es ist bitter, dass der Staat Ihre Angehörigen nicht schützen konnte." Dies sei "eine Wunde, die weiter schmerzt".

Besonders schmerzhaft ist, dass es rund um das Attentat vom Breitscheidplatz Probleme und Katastrophen gab, die das schreckliche Attentat noch schlimmer erscheinen lassen. Am gravierendsten war das Versagen des Staates vor dem Anschlag. Amri radikalisierte sich im wahrsten Sinne des Wortes vor den Augen der Sicherheitsbehörden. Erst am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft und das nordrhein-westfälische LKA ihn wohl schon seit November 2015 überwachten.

"Wir dürfen Schmerz und Leid nicht verdrängen"

Schmerzhaft aus Sicht der Opfer ist auch, dass die Aufklärung der Pannen höchst zögerlich lief und läuft. Im Berliner LKA wurden sogar Akten manipuliert, um zu verschleiern, dass Amri wegen seiner Drogendealerei hätte festgenommen werden können. Die Frage, warum der Anschlag nicht verhindert wurde, könne er absolut verstehen, sagte der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck n-tv.de. Der SPD-Politiker war von der Bundesregierung als Opferbeauftragter berufen worden. "Wo Menschen sind, passieren Fehler", so Beck. "Aber der Versuch, sie auch noch zu vertuschen, ist für alle direkt Betroffenen seelisch sehr verletzend und - wenn überhaupt - schwer zu verkraften."

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Berlins Regierender Bürgermeister Müller hielt vor der Gedächtniskirche eine kurze Ansprache.

(Foto: dpa)

Steinmeier spricht in seiner Rede davon, dass sich viele Hinterbliebene und Verletzte im Stich gelassen gefühlt hätten. Es sei richtig, zu sagen, dass man dem Terror nicht nachgeben wolle. "Aber das darf nicht dazu führen, dass wir den Schmerz und das Leid verdrängen. Wir treten dem Terror auch dadurch entgegen, dass wir gemeinsam der Opfer gedenken und den Hinterbliebenen zur Seite stehen." Solche Sätze hatten die Betroffenen lange vermisst.

Denn auch dies gehört zum Versagen des Staates nach dem Anschlag vor einem Jahr: ein Mangel an Empathie. Kurt Beck wurde erst zweieinhalb Monate nach dem Anschlag als Opferbeauftragter eingesetzt. Am Montag traf Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals mit 80 Angehörigen von Todesopfern und Verletzten zusammen. Das unausgesprochene Motto des Treffens: besser spät als nie. Aber es war eben doch sehr spät.

Nach der interreligiösen Andacht kommt die Trauergesellschaft zu den Stufen vor der Kirche, um die Gedenkstätte einzuweihen. Beck ist dabei, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Bundespräsident Steinmeier, Bundeskanzlerin Merkel und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch ist in der Menge zu sehen, auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt und Außenminister Sigmar Gabriel. Der Präsident des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, steht neben dem Berliner AfD-Chef Georg Pazderski. Alle halten Gläser mit Teelichten in den Händen.

"Lieber Opi, ich vermisse dich!"

In diesem Moment gehen die Lichterketten an, die über den Wegen des Weihnachtsmarktes hängen. Bürgermeister Müller hält eine kurze Rede, in der er über die körperlichen und seelischen Wunden der Überlebenden und Hinterbliebenen spricht. "Zeigen wir diesen Terroristen gemeinsam, was uns stark macht, nämlich mit anderen in Frieden zusammenleben zu können und das Beste in uns zu bewahren. Das, was ihnen fehlt: Menschlichkeit und der Glaube an die Zukunft." Und Müller erinnert an Rudolf Breitscheid, nach dem dieser Platz benannt wurde - einen Sozialdemokraten, der 1944 im KZ Buchenwald starb. Breitscheid habe sein Leben lang für Demokratie und Freiheit gekämpft. "Am Ende hat er gewonnen und die Mörder haben verloren."

Dann stellen die Politiker, die Hinterbliebenen und alle anderen die Teelichte auf die Stufen vor der Kirche. Am Rande der Treppe nimmt eine Frau ein Kind in den Arm - die beiden scheinen Oma und Enkelin zu sein. Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, kommt kurz vorbei und umarmt sie. Auf den Stufen vor den beiden steht ein Brief in einem Rahmen. Der Tod des Großvaters, steht darauf, "war das Schlimmste in meinem Leben, weil du warst mir sehr wichtig, du warst mit mir fast überall". Auf einem Foto daneben klebt ein Zettel: "Lieber Opi, ich vermisse dich! Auch wenn du das nicht mehr lesen kannst, ohne dich geht es einfach nicht!"

Merkel gesteht Fehler ein

Nach der Trauerfeier findet eine Gedenkstunde im Berliner Abgeordnetenhaus statt. Bevor Merkel dorthin aufbricht, sagt sie den versammelten Journalisten auf dem Breitscheidplatz, sie wolle sich in einigen Monaten erneut mit den Angehörigen und den Verletzten treffen. Das Treffen tags zuvor sei "ein sehr schonungsloses Gespräch" gewesen, "das gezeigt hat, welche Schwächen unser Staat in dieser Situation auch gezeigt hat". Heute sei "ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen".

Im Abgeordnetenhaus spricht dann noch einmal Müller. Auch er räumt Fehler ein im Umgang mit den Opfern und bei der Verfolgung des Täters. "Als Regierender Bürgermeister bitte ich Sie, die Angehörigen und Verletzten, für diese Fehler um Verzeihung."

Ein paar Kilometer weiter östlich, am Alexanderplatz, steigt etwa zu dieser Zeit ein Pärchen aus der S-Bahn. Sie wollen zum dortigen Weihnachtsmarkt, der geöffnet ist wie an jedem Tag im Advent. "Heute ist doch der Jahrestag von diesem Anschlag", sagt die junge Frau zu ihrem Freund. "Na und?", antwortet der.

Quelle: ntv.de