Politik
Munition an einem französischen Rafale-Jet wird angebracht.
Munition an einem französischen Rafale-Jet wird angebracht.(Foto: AP)
Samstag, 16. April 2011

Gaddafi soll Streubomben einsetzen: NATO gehen Präzisionsbomben aus

Die Zurückhaltung der USA im Libyen-Einsatz bringt Europas militärische Schwäche ans Licht. Der NATO gehen einem Medienbericht zufolge die Präzisionsbomben aus. Dabei rufen die Rebellen in Libyen nach mehr Hilfe. Vor allem Misrata ist heftig umkämpft, Gaddafis Truppen versuchen mit aller Macht, die Stadt einzunehmen. Dabei sollen auch weltweit geächtete Streubomben zum Einsatz kommen.

Vier Wochen nach Beginn der Luftangriffe auf Libyen gehen den NATO-Staaten nach Informationen der "Washington Post" die Präzisionsbomben aus. Das zeige die eingeschränkte Fähigkeit der Franzosen, Briten und anderer Europäer auch zu einem relativ begrenzten Militäreinsatz, schreibt das Blatt unter Berufung auf NATO-Offiziere. Es mangele in Europa an Munition, aber auch an einsatzfähigen Flugzeugen.

Europa verfügt offenbar nicht über genügend eigene Waffen.
Europa verfügt offenbar nicht über genügend eigene Waffen.(Foto: AP)

Militärs stellten deshalb die Frage, ob die USA sich weiter so in dem Konflikt zurückhalten könnten, wenn Machthaber Muammar al-Gaddafi sich noch über Wochen an der Macht halte. Die libysche Opposition fordert eine Verstärkung der Luftangriffe gegen Gaddafis Truppen. Dem Bericht zufolge fällt es der NATO aber bereits schwer, die Intensität der Angriffe beizubehalten. Die USA könnten nicht einfach mit Munition einspringen, weil die Flugzeuge aus britischer und französischer Herstellung ihre Bomben nicht tragen könnten. Die USA stellen derzeit vor allem Tanker und Flugzeuge für elektronische Kriegsführung ab. Die NATO, Frankreich und Großbritannien wollten den Bericht nicht kommentieren.

NATO-Flugzeuge hätten am Freitag 145 Einsätze geflogen, darunter 58 Bombardements, teilte die Militärallianz am Samstag in Brüssel mit. Das waren so viele wie in den Vortagen. In der Nähe von Gaddafis Geburtsstadt Sirte und bei Tripolis hätten die Kampfbomber fünf beziehungsweise vier Munitionsbunker zerstört. Nahe Al-Sintan und bei Missrata wurden je zwei Panzer vernichtet. Seit Beginn der NATO-Mission am 31. März seien 1087 Kampfeinsätze geflogen worden.

Gaddafi soll Streubomben einsetzen

Derweil sorgen Berichte für Entsetzen, nach denen Gaddafis Truppen weltweit geächtete Streumunition gegen Zivilisten eingesetzt haben sollen. Die Organisation Human Rights Watch berichtete, in der Nacht zum Donnerstag seien mindestens drei Granaten mit Streumunition über einem Wohnviertel der Stadt Misrata 210 Kilometer östlich von Tripolis explodiert.

Eine Streubombe.
Eine Streubombe.(Foto: AP)

Experten hätten die von einem "New York Times"-Reporter entdeckte Munition begutachtet und als Mörsergranaten aus spanischer Produktion identifiziert. Streumunition sind Bomben oder Granaten, die sich in der Luft öffnen und zahlreiche kleinere Sprengsätze freigeben. Ein Sprecher des Regimes in Tripolis wies die Angaben allerdings zurück.

US-Außenministerin Hillary Clinton verurteilte in der "New York Times" den Einsatz von Streumunition. "Ein Grund, warum der Kampf in Misrata so schwierig ist, ist, dass es auf so engem Raum bebaut ist. Alles spielt sich in den Wohngebieten ab und das macht es für die NATO und für die Kämpfer gegen Gaddafi so kompliziert."

Lage in Misrata eskaliert

Unterdessen wird die Lage in der seit Wochen belagerten Stadt Misrata immer verzweifelter. Die Gaddafi-Truppen nahmen die drittgrößte libysche Stadt weiter unter Artilleriebeschuss, Panzer und Heckenschützen waren ebenfalls im Einsatz. "Gaddafi versucht Misrata so schnell wie möglich einzunehmen, bevor die NATO mit Bodentruppen kommt", sagte ein Bewohner in einer Audio-Botschaft, die über Internet verbreitet wurde. "Wenn nicht bald etwas geschieht, wird die Lage noch schlimmer", fügte er hinzu. Man schätze, was die NATO bisher für die Menschen in Libyen geleistet habe, sagte ein anderer Bewohner - "aber sie muss noch mehr tun".

Bilder einer Explosion: Misrata wird heftig umkämpft.
Bilder einer Explosion: Misrata wird heftig umkämpft.(Foto: REUTERS)

In Misrata ist die Zivilbevölkerung nicht nur den brutalen Angriffen der Gaddafi-Streitkräfte ausgesetzt. Sie ist auch weitgehend von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. In den Krankenhäusern, die Hunderten schwer verletzten Bewohnern helfen müssen, mangelt es an Medikamenten und chirurgischem Bedarf.

Die Zahl der Verwundeten steigt - wie hier in Adschdabija.
Die Zahl der Verwundeten steigt - wie hier in Adschdabija.(Foto: AP)

Krankenhäuser in Misurata seien mit Verletzten überfüllt, teilte die Organisation Ärzte ohne Grenzen mit. "Seit Wochen versuchen die Ärzte verzweifelt, mit dem Ansturm an Patienten zurechtzukommen. Sie haben zu wenig Personal und medizinisches Material, um die Verwundeten und chronisch Kranken zu behandeln", sagte Morten Rostrup von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation brachte 99 Menschen aus Misurata mit dem Schiff nach Tunesien, 64 Kriegsverwundete und 35 Begleitpersonen.

Rotes Kreuz schickt Hilfe

Nach Angaben der libyschen Regierung traf ein Rot-Kreuz-Team in Misrata ein. Das Rote Kreuz hatte am Montag angekündigt, Helfer zu schicken, um die dort eingekesselten Zivilbevölkerung zu unterstützen. Am späten Freitagabend brachte das Schiff einer anderen Hilfsorganisation fast 1200 Menschen aus Misrata nach Benghasi im Osten des Landes. Bis zu 10.000 weitere Zivilisten müssten aus Misrata evakuiert werden, erklärte die Internationale Organisation für Migration. Doch durch die anhaltende Bombardierung sei es unmöglich, in viele Stadtviertel vorzudringen. Zudem beschossen Gaddafi-Truppen laut Rebellen am Freitag auch eine wichtige Zugangsstraße zum Hafen von Misrata.

In der von den Gaddafi-Gegnern kontrollierten östlichen Metropole Bengasi melden sich indes Freiwillige, die nach Misrata gehen wollen, um die Stadt zu "befreien". Dort mangele es zwar nicht an Kämpfern, sagten Aufständischen-Milizionäre dem Nachrichtensender Al-Dschasira. Vielmehr gehe es darum, den Verteidigern von Misrata panzerbrechende Waffen zu bringen. Nach Medienberichten vom Wochenbeginn sollen die libyschen Rebellen inzwischen moderne Panzerabwehrraketen vom Typ "Milan" erhalten haben.

Unterdessen hat die Bundesregierung Gelder Gaddafis in Höhe von sechs Milliarden Dollar auf deutschen Konten eingefroren. Es gebe nun Überlegungen, das Vermögen zusammen mit den übrigen in Europa sichergestellten Milliarden auf ein Treuhänderkonto der Vereinten Nationen zu überweisen, sagte ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle. Die UN könnten mit dem Geld humanitäre Lieferungen finanzieren und damit die Not der libyschen Bevölkerung lindern. In einem Vermerk habe Brüderle eine entsprechende Initiative der Europäischen Union angeregt, berichtete der "Spiegel". Die Konten des Gaddafi-Regimes waren auf eine EU-Verordnung hin eingefroren worden.

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Quelle: n-tv.de