Politik

Neue Angriffswelle aus Gaza Netanjahu: "Militäreinsatz so lange wie nötig"

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Viele Menschen in Israel verbringen die Nacht in Luftschutzbunkern. In Gaza gibt es für die Zivilbevölkerung keine Schutzräume.

(Foto: dpa)

Die internationale Gemeinschaft drängt auf ein rasches Ende des blutigen Konflikts zwischen Israel und der Hamas. Netanjahu stimmt sein Volk jedoch auf weitere "schwere Tage" ein. Das Militär will die Führungsriege der Hamas töten und in der Nacht weiter überall im Gazastreifen angreifen. Seit Mitternacht ist Israel wieder unter Raketenbeschuss.

Israels Militäreinsatz gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas wird nach Worten des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu "so lange wie nötig weitergehen". Netanjahu sagte am Samstagabend, man müsse zunächst die Infrastruktur der islamistischen Hamas zerstören. "Uns stehen noch schwere Tage bevor, aber wir werden sie gemeinsam durchstehen und siegen", sagte der 71-Jährige.

In der Nacht zu Sonntag heulten in Israel erneut die Alarmsirenen. Ein "schwerer Hagel von Raketen" sei vom Gazastreifen aus auf die Mitte und den Süden Israels abgeschossen worden, twitterte die Armee. Männer, Frauen, Kinder und ältere Menschen befänden sich in Bunkern. Zuvor hatte ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms gedroht, von Mitternacht an erneut Raketen auf Tel Aviv zu feuern.

Nach dem bisher massivsten Raketenangriff militanter Palästinenser auf den Großraum Tel Aviv hatte Israels Militär seine Attacken auf ranghohe Hamas-Mitglieder verstärkt. Die Luftwaffe habe die Häuser von Raed Saad, Hamas-Chef für Spezialeinsätze, sowie zweier Hamas-Kommandeure in Chan Junis im Süden und Dir el-Balach im mittleren Abschnitt des Gazastreifens beschossen, teilte die Armee am späten Samstagabend mit. Erneut gab es auch zivile Opfer: Im Westen des Gazastreifens starben nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums acht Kinder und zwei Frauen, als ein dreistöckiges Gebäude im Flüchtlingslager Al-Schati einstürzte. Die israelische Armee prüft die Berichte.

Israels Militär droht unterdessen der Hamas-Führungsriege mit gezielter Tötung. Armeesprecher Hidai Zilberman kündigte im israelischen Fernsehen am Samstagabend an, man werde in der Nacht weiter wichtige Einrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihads überall im Gazastreifen angreifen. Dies gelte auch für die höchste Führungsriege der Hamas.

Entsetzen über Angriff auf Pressebüros

Militante Palästinenser im Gazastreifen hatten am Samstag dreimal kurz hintereinander Raketen auf die Küstenmetropole Tel Aviv gefeuert. Dabei wurde ein Mann getötet. Israels Luftwaffe zerstörte kurz darauf ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten. Die Nachrichtenagentur AP reagierte entsetzt. "Das ist eine unglaublich beunruhigende Entwicklung", teilte AP-Präsident Gary Pruitt am Samstag in New York mit. "Wir sind nur knapp einem schrecklichen Verlust von Menschenleben entgangen." Ein Dutzend AP-Journalisten und freie Mitarbeiter seien rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Der Eigentümer des Hauses war nach eigenen Angaben eine Stunde vor dem Angriff vom israelischen Geheimdienst gewarnt und zur Evakuierung des Gebäudes aufgefordert worden.

Es ist das fünfte Hochhaus, das Israels Armee seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montag zum Einsturz bringt. Den Angaben zufolge hatte auch der katarische TV-Sender Al-Dschasira (Al-Jazeera) ein Büro in dem zuletzt zerstörten Gebäude. Die israelische Armee begründete den Angriff damit, dass sich darin auch militärische Anlagen des Geheimdienstes der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas befunden hätten. Die Hamas wird von Israel, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Sie hat die Zerstörung Israels zu ihrem Ziel erklärt.

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte Tel Aviv mit einer "Antwort, die die Erde erschüttern lässt". Ein Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, General Ismaeil Ghani, sicherte der Hamas in einem Telefonat mit dem Hamas-Chef Ismail Hanija uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen Israel zu, wie iranische Staatsmedien berichteten. Hanija bedankte sich seinerseits für die Unterstützung des Irans und sagte laut Nachrichtensender Al-Alam, dass der Kampf gegen Israel nicht einer der Hamas, sondern der gesamten islamischen Welt sei.

Biden spricht erstmals mit Abbas

Die USA bemühen sich intensiv um Deeskalation im Gaza-Konflikt. US-Präsident Joe Biden telefonierte am Samstag zum zweiten Mal in dieser Woche mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und erstmals auch mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Dabei habe der US-Präsident sein Engagement für eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung erklärt, hieß es vom Weißen Haus. Außerdem habe er betont, dass die Hamas damit aufhören müsse, Raketen auf israelisches Territorium abzufeuern. Abbas hat allerdings keinen direkten Einfluss auf die Hamas. Seine Fatah-Bewegung steht in einem Rivalitäts-Verhältnis zur Hamas.

Der Nahost-Gesandte der US-Regierung, Hady Amr, wird sich voraussichtlich am Sonntag zu Gesprächen mit israelischen Regierungsvertretern und im Anschluss mit palästinensischen Verantwortlichen treffen. EU-Chefdiplomat Josep Borrell rief dazu auf, das Völkerrecht zu respektieren. Es müsse vollen humanitären Zugang zum Gazastreifen geben, forderte der Hohe Vertreter der EU am Samstagabend nach Gesprächen mit Vertretern der Konfliktparteien. Er verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen. Israel habe das Recht, seine Bevölkerung vor diesen Angriffen zu schützen, müsse aber angemessen handeln und zivile Opfer vermeiden.

Die Hamas hat nach Angaben eines israelischen Luftwaffenoffiziers seit Montag mehr als 2300 Raketen auf Israel abgefeuert. Israel habe im gleichen Zeitraum mehr als 650 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Der Konflikt zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas war zu Wochenbeginn eskaliert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seitdem rund 145 Menschen getötet und 1100 verletzt. Wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage zehn Menschen ums Leben, 636 wurden verletzt.

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Zuletzt hatte Israels Luftwaffe auch ein breites Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas angegriffen. Dabei setzte sie eigenen Angaben zufolge 500 Tonnen Munition ein. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. "Potenziell sind es aber Hunderte", sagte er.

Ausländische Medien warfen der israelischen Armee vor, sie mit einem Tweet kurz vor dem Angriff absichtlich manipuliert zu haben. "Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an", hieß es in der Nacht zum Freitag, als mit einer Bodenoffensive Israels gerechnet wurde. Die schnell verbreitete Meldung soll zahlreiche Hamas-Kämpfer dazu bewegt haben, in das unterirdische System abzutauchen. Die Armee dementierte etwas später und sprach von einem Kommunikationsfehler. Es befinde sich kein israelischer Soldat im Gazastreifen. Israel hat dem Offizier zufolge insgesamt 31 Raketenwerkstätten von den Hamas und dem extremistischen Islamischen Dschihad zerstört. Hamas habe daher gegenwärtig nicht mehr die Fähigkeit, neue Raketen herzustellen.

Quelle: ntv.de, ino/AFP/dpa

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