Politik

Die Sicht der Schulreform-Gegner "Nicht des Rätsels Lösung"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Walter Scheuerl plädiert für individuelle Förderung statt längeres gemeinsames Lernen. Der Rechtsanwalt ist das bekannteste Gesicht der Initiative "Wir wollen lernen", die den schwarz-grünen Senat mit dem Widerstand gegen die Schulreform ins Wackeln gebracht hat. Ein Königsmörder will er dennoch nicht sein.

n-tv.de: Herr Scheuerl, zurzeit muss es in Hamburg ja nicht nur wegen der Hitze heiß her gehen. In den Medien ist von einem "Schulkrieg" die Rede. Empfinden Sie die Stimmung in der Hansestadt kurz vor dem Volksentscheid als besonders angespannt?

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Walter Scheuerl, Sprecher der Initiative "Wir wollen lernen". Der Sohn des Erziehungswissenschaftlers Hans Scheuerl arbeitet als Rechtsanwalt.

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Walter Scheuerl: Man merkt eine gewisse Nervosität auf der politischen Ebene. Das hat damit zu tun, dass wir den Umfragen zufolge mit der Volksinitiative am Ende vorne liegen werden, wenn wir das Quorum schaffen. Im Moment wird das noch von den Spekulationen um Ole von Beust überlagert, der sich im Urlaub befindet und sich nicht äußert, was nicht gerade zur Ruhe beiträgt. Aber einen "Schulkrieg" haben wir hier nicht, nur die gespannte Erwartung, wie es jetzt nach zwei Jahren der Volksgesetzgebung ausgehen wird.

Die Schulreform sieht sechs Jahre des gemeinsamen Lernens in der neuen Primarschule vor, ihre Initiative will den Status Quo mit vier Jahren behalten. Warum ist diese Frage so bedeutsam?

Wir wissen aus allen Erfahrungen mit sechsjährigen Grundschulen, dass dieses System nicht des Rätsel Lösung ist. Der Weg zur besseren Förderung gerade der Kinder, die von zu Hause nicht viel mitbekommen, liegt in der Frühförderung und in guten Ganztagsschulen. Sicher nicht darin, die Grundschule auf sechs Jahre zu verlängern.

In Hamburg kommt dazu, dass wir ein Stadtstaat sind, und wir zwar sehr viele kleine Grundschulgebäude haben, die auf vier Klassen ausgerichtet sind, aber eben nicht auf sechs. Die Kosten des organisatorischen Umbaus betragen nach vorsichtigen Schätzungen 400 Millionen Euro. Das ist Geld, das Hamburg nicht hat. Und durch das Umsetzen der Kinder innerhalb der Stadt und das Angliedern an die Grundschulen wird der Unterricht ja nicht per se besser, sondern zunächst nur räumlich verlagert.

Die Befürworter behaupten, sechs Jahre gemeinsamen Lernens zeitigten positive Effekte. Was antworten Sie darauf?

Es gibt keinerlei konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Verschiebung des Wechsels auf eine weiterführende Schule vom Ende der vierten Klasse in die Pubertät hinein ans Ende der sechsten Klasse zu besseren Ergebnissen führt.

Herr Baumert, sozusagen der PISA-Papst Deutschlands, bestätigt das. Es gibt einfach keine Anhaltspunkte dafür, im Gegenteil. Brandenburg und Berlin, wo es sechsjährige Grundschulen gibt, finden sich im Ländervergleich in den unteren Rängen wieder. In Berlin sind gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders weit abgefallen. Das bedeutet, dass eine bessere Integration durch die sechsjährige Grundschule nicht zu erreichen ist.

Im OECD-Durchschnitt werden die Schüler erst mit 14 Jahren getrennt, in den skandinavischen Ländern, die ja als Leuchttürme der Bildungspolitik gelten, mit 16 Jahren. Sehen sie in Deutschland mit der Trennung ab 10 Jahren nicht die Gefahr der zu frühen Selektion?

Wenn Eltern entscheiden, welche Schulform ihr Kind besucht, ist das keine Selektion. Eine Auswahl – Selektion ist ein furchtbarer Begriff – aus einer Gruppe und eine Sortierung auf bestimmte Schulen findet in dem Modell, das wir befürworten, nicht statt. Alle Kinder sollen ab Klasse 5 die Möglichkeit haben, in einer Schule zu lernen, in der sie jeden Schulabschluss machen können. Das ist keine Selektion mehr in dem Sinne.

Anders wäre es mit dem Modell des Senats. Dort würde in Klasse sieben von der Zeugniskonferenz tatsächlich sortiert.

Ich will noch auf den europäischen Vergleich eingehen: Es ist richtig, dass in den europäischen Staaten – außer Österreich – längerer Eingangsschulformen bestehen als in Deutschland. Aber man muss sich anschauen, zu welchen Ergebnissen das führt. Dänemark und Norwegen haben bei PISA 2006 mit Ergebnissen herausgekommen, die hinter den Hamburger Schulen herauskamen. Es ist also kein Argument zu sagen, weil die europäischen Nachbarstaaten es anders machen, müssten wir das auch tun.

Es wird ja auch immer von sozialer Gerechtigkeit gesprochen. Dagegen haben wir überhaupt nichts, nur: Was die Abhängigkeit der Schulerfolge von der sozialen Herkunft angeht, liegen Belgien und die Niederlande mit ihren sechsjährigen Modellen auch in einem Bereich, den niemand haben will. Wir wollen diese Abhängigkeit nicht. Jedes Kind soll unabhängig davon, in welche Familie es geboren wurde, die gleichen Chancen haben. Wir wollen aber mit einem Modell mit Gymnasium oder Stadtteilschule ab der fünften Klasse das erreichen, was gut ist für die Kinder: eine optimale Förderung.

Die Unterstützung für die Reform in der Hamburger Bürgerschaft ist parteiübergreifend – CDU, Grüne, SPD und sogar die Linkspartei arbeiten in der Frage zusammen.  Also kann es sich nicht, wie die "Zeit" schreibt, um einen "Glaubenskampf" handeln. Wo verläuft dann aber die Trennlinie, wie würden Sie die Unterstützer ihrer Initiative charakterisieren?

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Nur die FDP stellt sich hinter die Initiative.

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Die Unterstützer unserer Initiative sind Hamburger aus allen Stadtteilen, die sich um gute Schulen für alle Kinder kümmern. Der Unterschied zwischen uns und den Parteipolitikern in der Bürgerschaft besteht darin, dass die nicht schulische, sondern parteiliche Interessen vertreten. Die CDU will die Koalition erhalten, ebenso wie die GAL. Die SPD hat sich dem angeschlossen, um intern vor der Bürgerschaftswahl 2012 Frieden zwischen den zwei Flügeln herzustellen. Die SPD ist in dieser Frage zerstritten - es gibt einen linken Flügel, der die Primärschule oder noch besser die Gesamtschule bis Klasse neun fordert, und einen eher bürgerlichen Flügel, der das Gymnasium ab Klasse fünf erhalten will.

Also ist nichts dran am oft gezeichneten Bild von den Schulreform-Gegnern aus den reichen Vierteln der Stadt?

Da ist überhaupt nichts dran. Das ist der Versuch, Punkte zu finden, mit denen man uns in irgendeine Ecke stellen kann, um unsere Unterstützung zu schmälern. Geklappt hat das aber bisher nicht.

Wie sehen sie die Erfolgschancen? Sie haben die Befürchtung ausgesprochen, das Quorum nicht zu erreichen.

Wir brauchen für einen Erfolg immerhin 247.000 Ja-Stimmen. In der Sache liegen wir vorne, und wir werden wohl auch das Quorum erreichen. Am Sonntag werden hoffentlich sehr viele zur Wahl gehen. Wenn wir das knappste mögliche Ergebnis erreichen, also mit 51:49 Prozent gewinnen, dann bräuchten wir eine Wahlbeteiligung von 497.000 Hamburgern. Dazu fehlen uns noch ca. 60.000, das ist zu machen. Aber wir sind noch nicht über die Ziellinie.

Sie haben es bereits angesprochen, es gibt Gerüchte, laut denen sich auch das Schicksal von Ole von Beust am Sonntag entscheidet. Wollen Sie zum Königsmörder werden?

Nein, und das sind wir ja in keinem Fall. Wenn Herr von Beust oder die Bildungssenatorin Frau Goetsch die ihrer Laufbahn die Entscheidung treffen, ihr Amt nicht weiter zu verfolgen, ist das ihre eigene persönliche Sache. Wir haben nie Rücktrittsforderungen geäußert, und es gibt für uns auch keinen Grund für Herrn von Beust, zurückzutreten. Wir befinden uns mitten in der Legislaturperiode, er hat die Mehrheit in der Bürgerschaft hinter sich, es gibt keinen Streit mit dem Koalitionspartner. Alles, was zurzeit läuft, ist ein Volksgesetzgebungsverfahren über die Frage, ob man die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängert. Auch wenn er eine andere Meinung vertritt, muss er deswegen aber nicht zurücktreten. Denn am Ende hat er als Hamburger auch nur eine Stimme, und wir sind 1,2 Millionen Wahlberechtigte.

Was passiert mit ihren Kindern, wenn ihre Initiative scheitert?

Was soll passieren? Die sind 15 und 17 und aus dem Gröbsten raus.

Dann kriege ich Sie mit dieser Frage nicht. Worauf ich eigentlich anspielen wollte: Ihre Initiative hat prophezeit, dass viele Eltern auf Privatschulen ausweichen würden. Könnten Sie eine solche Entscheidung verstehen?

Das ist eine Entscheidung, die jede Familie für sich treffen muss. Das kann ich dann schon gut verstehen. Aber wir halten es auch eher für unwahrscheinlich, dass die Zahl der Privatschulen in Hamburg wachsen wird. Denn diese Schulen benötigen eine Genehmigung der Behörde von Frau Goetsch, und die, das hat die Vergangenheit gezeigt, geht eher restriktiv vor. Ich kann mir eher vorstellen, dass viele Kinder und Jugendliche auf Schulen in anderen Bundesländern geschickt werden.

Mit Walter Scheuerl sprach Christian Bartlau

Quelle: ntv.de

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