Politik

Gauck-Biograph freut sich "Oh, mein Prophet ruft an"

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(Foto: dpa)

Gauck-Biograph Norbert Robers ist überzeugt, dass der künftige Bundespräsident es schaffen wird, die Kluft zwischen Bürgern und Politik "zumindest ein Stück wieder zu schließen". Für Robers ist Joachim Gauck "der richtige Mann zur richtigen Zeit und am richtigen Ort".

n-tv.de: Sie haben schon vor Jahren eine Biographie über Joachim Gauck geschrieben und waren dazu auch in engem Kontakt mit ihm. Was ist Gauck für ein Mensch?

Norbert Robers: Ich habe ihn als sehr verlässlichen und bodenständigen, aber auch sehr humorvollen Menschen erlebt. Er war mir von Anfang an sympathisch. Ich bin Westfale, er ist Mecklenburger: Ich hatte den Eindruck, diese beiden Typen sind nicht sehr weit voneinander entfernt. Er war immer sehr freundlich und zuverlässig, und so war es mir ein echtes Vergnügen, unseren Kontakt auch in den vergangenen Jahren zu halten.

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Joachim Gauck spricht im Herbst 1989 während einer Fürbittandacht in der Marienkirche in Rostock.

(Foto: dpa)

Ihr Buch heißt "Joachim Gauck. Die Biografie einer Institution". Sie haben ihn noch sehr als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde wahrgenommen und beschrieben. Ist er inzwischen aus dieser Rolle wieder herausgewachsen?

Ja, er lebt inzwischen ein anderes Leben. Als DDR-Bürger war er vor allem evangelischer Pastor. Ab 1990 war er Behördenchef, seit dem Ausscheiden aus diesem Amt im Jahr 2000 nehme ich ihn vor allem als politischen Mahner und Missionar wahr.

Mit welcher Botschaft ist Joachim Gauck unterwegs?

Er hat klare Vorstellungen, er hat ein klares Wertesystem, davon hat er in den vergangenen Jahren viele Menschen in vielen Städten und Dörfern überzeugt. Ich habe viele dieser Veranstaltungen erlebt. Ich habe mich irgendwo dazwischen gesetzt und zugehört oder die Menschen beobachtet. Dabei habe ich oft erlebt, wie leicht es ihm fällt, die Leute für sich zu begeistern, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihnen das Gefühl zu geben, dass man auf Augenhöhe miteinander diskutiert. Gauck ist an den Lebensgeschichten und Erfahrungen anderer Menschen interessiert. Das hat ihm immer viele Sympathien eingebracht.

Seine Botschaft von Freiheit und Selbstverantwortung verlangt den Menschen aber einiges ab. Warum erreicht er die Menschen trotzdem?

Weil er ihnen glaubhaft vor Augen führt, dass sich ein aufrechter Gang lohnt. Die Vita vieler Ostdeutscher habe doch gezeigt, dass man mit Mut und Beharrlichkeit Historisches erreichen kann. Das führt er den Menschen vor Augen und gibt damit auch Orientierung. In der Wendezeit ist er in diese Rolle gewissermaßen reingeschubst worden: Als es darum ging, dass die Kirchgänger, die Oppositionellen und Kritiker eine Stimme brauchten, die ihre Sehnsüchte und Wünsche griffig formulierten, war er derjenige, der dies am besten konnte. Er kann das, was andere Menschen denken und fühlen, gut in Worte fassen. Er ist ein herausragender politischer Redner. Diese Gabe wird ihm auch im Amt des Bundespräsidenten helfen und zu einem seiner hervorstechendsten Merkmale werden.

Joachim Gauck hat große Teile seiner Kindheit ohne den Vater verbracht, der nach Sibirien gebracht worden war, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Stammen seine wesentlichen Prägungen schon aus dieser Zeit?

Ganz sicher. Diese Phase, als der Vater abgeholt wurde und die Familie über mehrere Jahre nicht wusste, ob er noch lebt, hat die Familie sehr geprägt. Joachim Gauck fühlte sich von diesem Moment an elementar politisiert. Gaucks Mutter nahm ihren ältesten Sohn Joachim an die Seite und übertrug dem Elfjährigen praktisch die Rolle des Familienoberhaupts. Auch damals schon musste er Verantwortung übernehmen. Joachim Gauck hat, wie er selbst gesagt hat, jeden Abend gebetet und dabei nicht ein einziges Mal seinen Vater vergessen. In diesen Monaten und Jahren entwickelte er sich zum leidenschaftlichen Antikommunisten.

Dennoch hat er sich immer geweigert, die DDR zu verlassen, sogar dann noch, als zwei seiner Kinder ausgereist sind. Warum?

Seine Einstellung war immer: Warum soll ich eigentlich gehen? Schließlich bin ich doch hier zu Hause. Er sah seine Aufgabe in der DDR, er sah auch die Möglichkeiten einer Veränderung von innen heraus. Er konnte auf der anderen Seite durchaus nachvollziehen, warum seine beiden Söhne Christian und Martin sagten: Wir halten das nicht mehr aus, vor allem diese Lügen und Zwänge in der Schule. Joachim Gauck wollte sich darum bemühen, es den Menschen leichter zu machen. Er hat den Söhnen keine Steine in den Weg gelegt, aber es hat auch innerhalb der Familie durchaus unterschiedliche Meinungen gegeben. Er kommt darauf in Lesungen immer wieder zu sprechen, und dann stockt ihm die Stimme. Die Erinnerung an diese Zeit geht ihm noch heute nahe.

Haben Sie Gaucks Stasi-Akte gelesen?

Ja, seine Opfer-Akte trägt den Namen "Larve". Ich kann an keiner Stelle erkennen, dass sich die Hoffnung der Stasi, ihn vielleicht doch irgendwann "umzudrehen" und für sich zu gewinnen, im Entferntesten bewahrheitet hätte. Ganz im Gegenteil. Die Stasi hat bis zum Schluss nicht verstanden, dass Gauck die Kontakte mit der Staatssicherheit allein mit dem Hintergedanken akzeptiert hat, damit möglichst Zugeständnisse für seine Arbeit als Pastor zu erreichen. Erst im Jahr 1989 hat die Stasi ihre Hoffnungen endgültig beerdigt: Sie schätzten Joachim Gauck als unbelehrbar ein. Trotzdem kam zu seiner Zeit als Bundesbeauftragter zwischendurch von interessierter Seite das Gerücht auf, dass er mit der Stasi kooperiert habe. Nach meinen Unterlagen ist das Unsinn und nur damit zu erklären, dass seine Gegner und Kritiker darauf spekulierten, allein mit dem Gerücht schon den erwünschten Schaden anrichten zu können.

Aktuell richtet sich die Kritik an Gauck vor allem gegen Äußerungen, die er zur Occupy-Bewegung gemacht hat. Ist Gauck, trotz seiner Erfahrungen in der Bürgerbewegung, unsolidarisch mit den Demonstranten, die auf die Straße gehen?

Die Schlagzeile "Gauck findet Occupy-Bewegung albern" ist sehr stark verkürzt. Aber das ist kein Einzelfall und zeigt, dass das Zitieren von Halbsätzen in Mode gekommen ist. Ich bin davon überzeugt, dass Joachim Gauck auch der Occupy-Bewegung viel Positives abgewinnen kann. Die Anhänger kämpfen und debattieren für ihre Überzeugungen - was sollte er dagegen einzuwenden haben?

Können Sie sich vorstellen, unter welche Idee er seine Präsidentschaft stellen wird?

Er wird sich beispielsweise darum bemühen, die zum Teil große Kluft zwischen Bürgern und Politik zumindest ein Stück wieder zu schließen und das Vertrauen wieder herzustellen. Dafür ist er der richtige Mann zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Er wird den Menschen eindringlich klarmachen, dass Demokratie und all die Rechte, die wir genießen, nicht vom Himmel gefallen sind. Er wird die Menschen daran erinnern, dass wir diese Werte verteidigen müssen, indem wir beispielsweise zur Wahl gehen, uns bürgerschaftlich engagieren, in Parteien eintreten oder uns schlicht einmischen.

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Norbert Robers ist Journalist und seit 2009 Sprecher der Universität Münster.

Sie haben ihm schon gratuliert, was hat er gesagt?

Der letzte Satz meines Buches, das 2000 erschienen ist, lautet: "Die politische Karriere des Joachim Gauck, diese Voraussage sei gewagt, ist noch nicht zu Ende." Über diese Prognose haben wir immer mal wieder gesprochen. Ich habe diesen Satz damals natürlich sehr allgemein formuliert, weil ich kein konkretes Amt vor Augen hatte, aber fest davon überzeugt war, dass der durch und durch politische Mensch Joachim Gauck noch nicht am Ende ist. Daran erinnerte er sich offenbar, als ich ihn am vergangenen Montag anrief. Seine erster Satz lautete: "Oh, mein Prophet ruft an."

Mit Norbert Robers sprach Solveig Bach.

Quelle: n-tv.de