Politik

Exil-Libyer über die Situation in der Heimat "Oppositionelle landen im Kerker"

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In der Stadt Sawija dürfen die Menschen demonstrieren - weil Gaddafi-Gegner die Stadt 50 Kilometer westlich von Tripolis kontrollieren.

(Foto: AP)

Zidan Ali Zidan lebt in Deutschland, aber seine Familie und viele seiner Freunde sind in Libyen. Gemeinsam mit Freunden hat der 28-Jährige das Informationsnetzwerk libyschegemeinde.de gegründet. Mit n-tv.de spricht der Wirtschaftsingenieur über die Situation in Tripolis - über eine Stadt im Kriegszustand, brutale Gaddafi-Schergen und 40 Jahre Stagnation.

n-tv.de: Herr Ali Zidan, haben Sie Kontakte in ihre Heimat Libyen?

Zidan Ali Zidan: Ja, ich habe Verwandte und Freunde dort. Meine Familie lebt in der Mitte des Landes, etwa 600 Kilometer südlich von Tripolis. Allerdings habe ich auch engen Kontakt zu Kollegen und Freunden aus meiner Schulzeit, die in der und um die Hauptstadt herum wohnen.

Wie ist die Situation denn dort?

Inzwischen gehen die Menschen nicht mehr aus den Häusern, wenn es nicht lebensnotwendig ist. Viele haben Lebensmittel auf Vorrat gekauft. Geschäfte sind teilweise komplett geschlossen. Bäckereien etwa machen nur zu bestimmten Zeiten auf - etwa frühmorgens, für zwei Stunden, damit sie die Leute mit dem Nötigsten eindecken können. Es ist wie im Kriegszustand.

Wird überall gekämpft?

Nein. In manchen Stadtteilen laufen auch Gaddafi-Anhänger von Haus zu Haus und klingeln oder klopfen. Sie zwingen die Bewohner, für Gaddafi zu demonstrieren, auch wenn man kein Sympathisant ist. Weigern sich die Menschen, werden sie zusammengeschlagen - oder, wie ich aus nicht bestätigten Quellen erfahren habe, auch umgebracht.

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Menschen stehen Schlange vor einer Fähre in Tripolis - Hunderte wollen per Überfahrt nach Malta aus dem Land fliehen.

(Foto: dpa)

Hat Gaddafi das nötig?

Ja, ihm fehlt die Masse an Menschen. Viele Leute sehen keinen Sinn darin, sich ihm anzuschließen.

Wie stehen Sie persönlich zum Regime in Libyen?

Ich bin selbstverständlich dagegen.

Weshalb selbstverständlich?

Weil sich seit über 40 Jahren im Land nichts weiterentwickelt. Libyen ist eine Schatulle, eine Schatztruhe, aus der Gaddafi und sein Clan sich bedienen. Die Menschen, das Volk, bleiben außen vor. Der Stand des Gesundheitssystems ist vergleichbar mit Staaten in Zentralafrika. Es ist vollkommen marode. Für ein Land mit einem solchen Exportvolumen an Öl ist das eine Schmach. Die Leute sind der Meinung: Die Mitglieder des Clans hätten klauen können, tun können, was sie wollen - aber sie hätten dem Volk etwas bieten müssen. So wie Bildung oder ein funktionierendes Gesundheitssystem. Viele Kranke müssen nach Ägypten oder Tunesien gehen, um sich behandeln zu lassen.

Ist das der Hauptgrund für die Wut über das Regime?

Ja, natürlich. Viele junge Leute sind vollkommen frustriert. Sie haben fertig studiert, aber ihr Vater ist kein Manager oder General, sondern nur Taxifahrer - deswegen bekommen sie keinen Job. Obwohl sie die Qualifizierung für eine bestimmte Tätigkeit besitzen. Deshalb sagen sie: Was gibt es Schlimmeres, als so zu leben? Lieber sterbe ich.

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"Sieg", zeigt dieser bewaffnete Mann an: Aufständische in Sawija.

(Foto: AP)

Gibt es eine organisierte Opposition?

Im Ausland ja. Ich selbst bin kein Oppositioneller, ich habe mich nur mit Freunden in Berlin zusammengetan, weil die deutschen Medien offenbar kaum an Informationen kommen. Niemand weiß über das Thema wirklich Bescheid. Das ist etwas, was wir von hier aus tun können.

Und im Inland?

Dort flüchten Oppositionelle - oder landen im Kerker. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Loch, in dem sie ihr Dasein fristen, vor sich hin vegetieren.

Gibt es überhaupt eine politische Kultur?

Nein, keine. 42 Jahre wurde alles zentral um Gaddafi herum organisiert. Alle Ämter sind in Tripolis, alle wichtigen Entscheidungen fällt nur er. Viele Menschen fordern Demokratie in Libyen. Aber das kann man jetzt nicht machen.

Sondern?

Unser Appell an Bundeskanzlerin Merkel, an die EU ist, dass sie politische Entwicklungshilfe leisten, aber Schritt für Schritt. In fünf Jahren könnte man dann vielleicht eine Wahl abhalten. Dazu wirtschaftliche Entwicklungshilfe und Unterstützung im Gesundheitssystem. In Libyen fehlt es nicht an Geld, es muss nur verantwortungsvoll ausgegeben werden. Besonders wichtig: Die Bekämpfung der Korruption, die das Land kaputt gemacht hat. Sie hemmt das Wirtschaftswachstum.

Was sind ihre Hoffnungen für die kommenden Tage?

Dass Gaddafi entweder zurücktritt oder dazu gebracht wird.

Auch das mit Hilfe anderer Staaten?

Nein, wir wollen keine militärische Intervention. Wir bevorzugen eine interne Lösung. Die Leute haben Angst, denn sie sehen, was in Afghanistan und im Irak nach einer solchen Einmischung passiert ist. Das will man nicht in Libyen. Nach 42 Jahren Hölle brauchen wir nicht noch einmal das Gleiche.

Mit Zidan Ali Zidan sprach Roland Peters

Quelle: n-tv.de

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