Putin-Gegner will aufhörenOssetschkin: "Ich kam kahl und ohne Zähne aus der Haft"
Interview: Artur Weigandt
Seit 2015 lebt der russische Oppositionelle Wladimir Ossetschkin im französischen Exil. Er gilt als eines der wichtigsten Anschlagsziele russischer Dienste in Europa. Jetzt kündigt er an, die Arbeit seiner Plattform Gulagu.net einzufrieren, mit der er Folter in Russland aufdeckte.
ntv.de: Herr Ossetschkin, vor wenigen Tagen haben Sie angekündigt, die Arbeit von Gulagu.net auszusetzen. Warum jetzt?
Wladimir Ossetschkin: Weil wir - und mit uns alle, die sich gegen Folter, Gewalt und Krieg stellen - in einer globalen Krise stecken. Sehr viele meiner Kollegen schweigen. Ich habe das Schweigen satt, denn es schadet nicht nur unserer Mission, sondern der ganzen Welt. Das Völkerrecht ist in der Krise, die Menschenrechte sind zum Randthema geworden. In den Schlagzeilen stehen Milliardäre und Selbstdarsteller, während das tägliche Sterben zur Normalität geworden ist. In dieser Lage haben wir den Boden unter den Füßen verloren.
Sie haben Gulagu.net kurz nach Ihrer eigenen Haft gegründet. Was wollten Sie ändern?
Ich hatte über vier Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen, man hat mir mein Vermögen genommen und vier Jahre meines Lebens. Zur selben Zeit sah ich, wie der Kreml sogar den Autor des "Archipel Gulag" vereinnahmte: Putin überreichte Alexander Solschenizyn einen Orden, und für den Westen war das das Bild eines demokratischen Präsidenten. Ich saß in dieser Zeit unter fürchterlichen Bedingungen. Mir war klar: Um diesem Schicksal zu entgehen, brauchte es ein unabhängiges Netzwerk aus Angehörigen von Häftlingen, ehemaligen Gefangenen, Menschenrechtlern und Journalisten - aufgebaut mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.
Warum mussten Sie das Land verlassen?
Weil ich mich weigerte, die Plattform den Geheimdiensten zu überlassen. Wer Folter meldet - manchmal sind es Bedienstete des Straflagersystems selbst -, dem müssen wir Anonymität garantieren; wie Ärzte sind wir dem Grundsatz verpflichtet, nicht zu schaden. Man zitierte mich dreimal in die Präsidialverwaltung und verlangte einen "Kurator" vom FSB. Der Bruch kam 2015: Über unsere Hotline erreichte uns, dass die für den Mord an Boris Nemzow festgenommenen Männer in Lefortowo gefoltert wurden - Spuren von Fesseln, von Elektroschocks. Zwei Tage zuvor hatte der FSB-Chef im Staatsfernsehen erklärt, sie hätten freiwillig gestanden. Meine Kollegen bestätigten die Folterspuren, ich forderte öffentlich ein Verfahren gegen die Sondereinheit. Die Antwort war ein Ermittlungsverfahren gegen mich. Als klar war, dass man mich verhaften würde, verließen meine Frau und ich Russland für immer.
Im Exil wurde Ihre Plattform zu einer Brücke ins Innere des Systems.
Nachdem ich mich dreimal geweigert hatte, den Geheimdiensten und der Präsidialverwaltung die Kontrolle über das soziale Netzwerk zu überlassen, veranlassten sie am 9. September 2015 Durchsuchungen. Sämtliche Fernsehsender und Medien übertrugen sie, um mich zu diskreditieren; zugleich verbreiteten sie offenkundige Lügen und Verleumdungen. Danach verließen wir Russland für immer. Ein Jahr später gaben sie allerdings alle beschlagnahmten Gegenstände meinen Anwälten zurück und mussten meinen Abgeordnetenkollegen Unterlagen übermitteln, die meine Unschuld bestätigten. Die entsprechenden Schreiben liegen der Redaktion vor. Im Exil wurde die Plattform dann zu einer Brücke ins Innere des Systems. Als die Leute begriffen, dass ich wirklich unabhängig bin und keine Quellen preisgebe, kamen sie auf mich zu. Der lauteste Fall war das Folterarchiv, das Sergej Saweljew aus einem Gefängnis in Saratow herausschmuggelte. Es hat den Direktor des Straflagerdiensts den Posten gekostet, Dutzende wurden entlassen, Sadisten aus der Führung verhaftet. Ende 2021 dachten wir: Russland ist unter dem internationalen Druck sogar bereit, Folter härter zu bestrafen. Wir nannten uns im Scherz ein "Team von Surfern gegen die Folter" und glaubten, 2022 werde unser Jahr. Dann kam der 24. Februar.
Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine verschob sich Ihre Arbeit.
Wir wandten uns den zwei größten Ermittlungen unserer Geschichte zu. Die erste betraf ein System von Folterlagern, in denen der FSB und der Straflagerdienst ab März 2022 ukrainische Kriegsgefangene systematisch folterten - anders als in Russland nicht selektiv, sondern flächendeckend. Quellen aus dem Inneren wollten aussteigen, sie sagten, sie wollten keine "Faschisten des 21. Jahrhunderts" sein. Manche baten wir, noch eine Weile im System zu bleiben, selbst nicht zu foltern, aber zu dokumentieren, wer zum Foltern ausrückt. Die zweite Ermittlung galt der Rekrutierung von Häftlingen für den Krieg. Ein CNN-Reporter sagte mir damals: Entweder Sie veröffentlichen die größte Fälschung meines Lebens, oder Ihr Land stürzt wirklich in die Hölle. Es war keine Fälschung. Wir evakuierten Zeugen, deren Aussagen später internationalen Ermittlern dienten und verstanden bald, dass hier in eine terroristische Organisation rekrutiert wurde, in die Wagner-Truppe.
Sie rechneten mit internationalen Haftbefehlen gegen die Täter. Sie kamen nie.
Ich sah, wie sich die demokratische Welt zusammenschloss, ein Tribunal schien möglich. Dann stellte sich 2025 meine ohnehin auf den Kopf gestellte Welt erneut auf den Kopf. Eine der ersten Amtshandlungen von Präsident Donald Trump waren Sanktionen gegen Richter und Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs. Kurz darauf verlor die Ermittlung faktisch ihre Leitung. Ich sah die entsetzliche Szene im Oval Office zwischen Selenskyj und Trump, als der Präsident der USA über den Präsidenten eines angegriffenen Landes herfiel. Und vor zwei Wochen kündigte Außenminister Marco Rubio in einem Grundsatztext an, die USA begännen eine Kampagne zur Zerschlagung des Strafgerichtshofs. Wohin ich auch blicke: Wir haben nichts mehr, worauf wir uns stützen können.
Zugleich wuchs die Gefahr für Sie persönlich.
Im Oktober 2025 wurden vier russische Agenten festgenommen, die meine Ermordung vorbereiteten. Die Antiterror-Staatsanwaltschaft ermittelt. Ende Mai 2026 wurde ein weiterer Agent nahe meinem Haus festgesetzt. Meine Frau, Teile meiner Familie und unseres Teams stehen unter Polizeischutz. Die Analysten sagen mir, ich sei nach Nawalny das Ziel Nummer eins der russischen Dienste. Weil ich Kriegsverbrechen dokumentiert und wichtige Zeugen aus dem Verteidigungsministerium und dem Lagersystem außer Landes gebracht habe.
Mit der Exilopposition gehen Sie hart ins Gericht.
Weil wir mit den Materialien, für die Menschen ihr Leben riskiert haben, nirgends durchdringen, während man mit anderen bequem redet. Wir haben vor dem Europäischen Parlament und der Parlamentarischen Versammlung des Europarats ausgesagt, hunderte Gigabyte an Belegen übergeben; Universitäten wie Stanford, Oxford und Cambridge bitten um unsere Archive, BBC und CNN haben Dokumentationen gedreht. Aber die Institutionen, die handeln könnten, laden uns nicht ein und antworten nicht. Einen Menschenrechtspreis haben wir nie bekommen. Man trifft sich lieber mit Leuten, die im schönen Anzug schöne Sätze sagen. Manche prominente Oppositionelle, die freigetauscht wurden, hat man vor dem Austausch bewusst in bessere Bedingungen gebracht. Man ließ sie gepflegt aussehen, und der FSB erntete ein positives Bild, während man Kriegsgefangene folterte. Ich behaupte nicht, dass diese Menschen mit den Diensten zusammenarbeiten. Aber man hat sie benutzt. Ich kam kahl und ohne Zähne aus der Haft. Die russische Opposition wurde durch eine Kette von Geheimdienstoperationen zerlegt; uns ist es nicht gelungen, uns wieder zu vereinen.
Blicken wir nach vorn: In Russland wird über eine neue Mobilmachung gesprochen. Was erwarten Sie?
Ich halte eine zweite Mobilmachung in diesem Herbst für recht wahrscheinlich. 2022 konnten die Menschen noch fliehen. Der FSB war nicht vorbereitet, und der Westen nahm sie auf. Diesmal wird es anders: Die neuen Gesetze erlauben, sofort die Reisepässe zu annullieren, Führerscheine zu sperren, Konten und Eigentum zu beschlagnahmen. Die Leute bleiben ohne alles, ohne Papiere. Zugleich haben die USA ihre Grenzen dichtgemacht, und Europa zieht seine Zäune hoch; ein Visum bekommt kaum noch jemand. Wer nicht wegkommt, wird abtransportiert und am Ende in die Lager gebracht, wo man ihm einen Vertrag vorlegt und ihn in die Sturmtrupps schickt. Ich habe schon damals gesagt: Es braucht eine internationale Lösung, Territorien, die Ausreisende aufnehmen. Je mehr Menschen Russland verlassen, desto weniger stellt Putin unter Waffen - und desto geringer ist das Risiko für die Ukraine. Aber wer hört uns?
Sie frieren die Arbeit von Gulagu.net nun ein. Ist das eine Kapitulation?
Weiterzumachen, in die fast sichere physische Vernichtung hinein, wäre kein Heldentum mehr, sondern Wahnsinn, der an Idiotie grenzt. Ich liebe "Star Wars": Wir sind wie der Kapitän, den man in Karbonit eingefroren hat. Vielleicht kommt irgendwann ein mutiger Jedi und taut uns auf. Vielleicht bleiben wir eingefroren und unsere Archive liegen in den Universitäten, bis eine neue Generation von Politikern kommt, für die Menschenrechte wieder etwas bedeuten. Ich hoffe aufrichtig, dass meine Aussage vor dem Internationalen Strafgerichtshof und die an Den Haag sowie die Vereinten Nationen übermittelten Unterlagen eines Tages zur Grundlage einer Anklage gegen den Diktator und seine Sadisten werden. Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um den Gulag des 21. Jahrhunderts zu entlarven. Doch um ihn zu zerschlagen, bedarf es der Anstrengungen der ganzen Welt - und in erster Linie der Russinnen und Russen selbst. Mein Schritt ist kein Ruf um meine eigene Rettung, Frankreich schützt mich. Es ist ein Schrei nach Hilfe für das System des Menschenrechtsschutzes, das man erstickt hat. Ich will Frankreich dankbar sein, hier arbeiten; will, dass meine Kinder als Franzosen aufwachsen.
Mit Wladimir Ossetschkin sprach Artur Weigandt