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Fluglotse riet von Landung ab Putin kündigt rasche Aufklärung an

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An Bord der Maschine befanden sich 97 Menschen: 89 Mitglieder der polnischen Delegation und 8 Besatzungsmitglieder.

AP

Auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im westrussischen Katyn stirbt Polens Präsident Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz. Insgesamt kommen fast 100 Menschen ums Leben, darunter Politiker, Militärs und der letzte polnische Exil-Präsident. Polen steht unter Schock. "Die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt", erklärt Regierungschef Tusk.

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Die Regierungschefs Putin und Tusk an der Absturzstelle.

(Foto: REUTERS)

Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat eine rasche Klärung der Ursache für die Flugzeugkatastrophe bei Smolensk angekündigt. "Wir müssen alles tun, um den Familien, um den Angehörigen der Opfer zu helfen", sagte Putin im russischen Staatsfernsehen nach einer Besichtigung des Absturzorts. Dort hielt er auch eine Gedenkminute für die Opfer ab. Präsident Dmitri Medwedew hatte den früheren Kremlchef zum Chef der Untersuchungskommission ernannt.

Bei dem Absturz waren der polnische Präsident Lech Kaczynski sowie zahlreiche hochrangige Vertreter Polens ums Leben gekommen. Die Gruppe war auf dem Weg nach Katyn, wo sie der 22.000 Polen gedenken wollte, die dort vor 70 Jahren vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordet worden waren. Das Massaker von Katyn ist für Polen ein nationales Trauma. Entsprechend schockiert reagierte das gesamte Land auf den Absturz des Flugzeugs.

"Die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt", erklärte Polens Regierungschef Donald Tusk. Für Sonntagmittag ordnete er zwei Schweigeminuten an. In ganz Polen herrscht eine Woche lang Staatstrauer. Zusammen mit dem Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Präsidenten, Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski, reiste Tusk an die Unglücksstelle in Westrussland.

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Lech Kaczynski war seit 2005 polnischer Präsident.

(Foto: AP)

Erst vor drei Tagen war Tusk gemeinsam mit Putin in Katyn gewesen: In einer historischen Begegnung hatten am Mittwoch erstmals die Regierungschefs beider Länder an einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn teilgenommen. Der Putin-Kritiker Kaczynski war zu dieser Begegnung nicht eingeladen worden und wollte nun drei Tage später des Massakers gedenken. In der abgestürzten Maschine befanden sich auch Angehörige von Polen, die in Katyn umgebracht worden waren. Auch der letzte polnische Exil-Präsident, Ryszard Kaczorowski, war an Bord.

Staatstrauer auch in Russland

Medwedew wandte sich im russischen Fernsehen an das polnische Volk. Auch er versprach Aufklärung der Tragödie und sicherte den Behörden in Warschau Zusammenarbeit zu. "Im Namen des russischen Volkes übermittle ich dem polnischen Volk tiefes und aufrichtiges Beileid und sage den Angehörigen und Hinterbliebenen der Opfer Unterstützung zu", sagte Medwedew sichtlich betroffen. Alle Bürger Russlands seien erschüttert über die furchtbare Tragödie. Für den kommenden Montag ordnete Medwedew Staatstrauer in Russland an.

"Elite Polens ums Leben gekommen"

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Trauer vor dem Präsidentenpalast in Warschau.

(Foto: REUTERS)

Bestürzt reagierte der frühere polnische Präsident Lech Walesa. "Jesus, heilige Maria, das ist eine unvorstellbare Tragödie, ein unvorstellbares Unglück", rief er aus, als er von dem Flugzeugabsturz erfuhr. "Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet. Heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten."

Die Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski waren zur Zeit der Arbeiterbewegung Solidarnosc Vertraute des Gewerkschaftsführers Walesa. Nach Walesas Übernahme der Präsidentschaft im Jahr 1990 aber entzweiten sich die ehemaligen Weggefährten. Der frühere Solidarnosc-Chef war bis 1995 polnischer Präsident.

Das Massaker von Katyn war immer ein wunder Punkt in den Beziehungen Russlands und Polens. Die Führung in Moskau hatte jahrzehntelang versucht, Nazi-Deutschland die Schuld an dem Verbrechen von Katyn in die Schuhe zu schieben. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte Russland ein, dass das polnische Offizierskorps dort 1940 auf Befehl von Diktator Josef Stalin erschossen worden war. Zuvor waren sowjetische Truppen auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes in Polen einmarschiert.

Leichen werden nach Moskau gebracht

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Die Särge mit den Toten werden auf Anweisung Putins nach Moskau gebracht.

(Foto: dpa)

Den russischen Behörden zufolge sind inzwischen alle 97 Todesopfer geborgen worden. Sie sollen nach Moskau gebracht werden, wo alles vorbereitet sei, damit die Angehörigen der Opfer empfangen werden könnten, berichten russische Medien. Das Flugzeug sei 300 Meter von der Landebahn in Smolensk entfernt abgestürzt.

Der russische Transportminister Igor Lewitin warf dem polnischen Piloten vor, "eigenmächtig" gehandelt zu haben. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben seien Landungen ab 1000 Metern Sicht, sagte Lewitin. Es seien zwei Flugschreiber gefunden worden. Die Geräte sollen nach Moskau gebracht und dort von russischen und polnischen Spezialisten gemeinsam ausgewertet werden.

Fluglotse riet von Landung ab

Ein Fluglotse soll dem Piloten des polnischen Präsidentenflugzeugs kurz vor dem Anflug auf Smolensk geraten haben, wegen dichten Nebels nach Minsk in Weißrussland auszuweichen. Das berichtete die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza". Eine russische Maschine vom Typ Il-76 habe bereits eine halbe Stunde zuvor versucht, in Smolensk zu landen. Nach zwei erfolglosen Anläufen sei der erfahrene russische Pilot, der über gute Ortskenntnisse verfüge, dann umgekehrt und nach Moskau zurückgeflogen. Der polnische Pilot soll dagegen trotz der Warnung viermal den Landeanflug versucht haben. Die Fluglotsen hätten aber kein Recht, dem polnischen Präsidentenflugzeug die Landung zu verbieten.

Ein Luftfahrtexperte von der Technischen Hochschule in Breslau, Tomasz Szulc, sagte, dem Piloten habe wahrscheinlich die "nötige Durchsetzungsfähigkeit" gefehlt. Er erinnerte an einen Zwischenfall vom Sommer 2008. Damals hatte sich ein Pilot wegen akuter Gefahrenlage über die Order des Präsidenten, direkt nach Georgien zu fliegen, hinweggesetzt und war in einem Nachbarland gelandet. Kaczynski musste mit einem Auto nach Tiflis chauffiert werden. Das Staatsoberhaupt warf dem Piloten damals Befehlsverweigerung vor.

Absturz beim vierten Landeversuch

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Auf dem polnischen Militärfriedhof in Katyn: Hier wollte Kaczynski der Opfer des Massakers gedenken.

(Foto: dpa)

Ein Vertreter der weißrussischen Luftfahrtbehörde sagte laut Interfax, die weißrussischen Fluglotsen seien von ihren russischen Kollegen gebeten worden, die Präsidentenmaschine vor dem Verlassen ihres Luftraums darüber zu informieren, dass die Wetterbedingungen für eine Landung in Smolensk ungünstig seien. Dies hätten die Fluglotsen weitergegeben. Der Pilot habe sich jedoch entschieden, seinen Kurs auf Smolensk zu halten.

Laut Interfax stürzte die Maschine beim vierten Landeversuch ab. Nach Angaben der örtlichen Behörden hatte ein anderes Flugzeug zuvor auf eine Landung in Smolensk wegen des schlechten Wetters verzichtet und war wieder umgekehrt. Bei einer weiteren Maschine habe es bei der Landung einen Zwischenfall gegeben.

Neuwahlen bis Juni

Bei dem Absturz starben neben Kaczynski und seiner Ehefrau Maria unter anderem der polnische Zentralbankchef Slawomir Skrzypek, Armeechef Franciszek Gagor sowie der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer. Auch zahlreiche Parlamentarier sowie nahezu die gesamte Führung der polnischen Armee waren unter den Passagieren.

Bis zu Neuwahlen übernimmt automatisch Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski die Amtsgeschäfte. Innerhalb von 14 Tagen muss er den Termin der Präsidentenwahl bekanntgeben. Laut Verfassung sind Neuwahlen innerhalb von zwei Monaten nach dem Tod eines Amtsinhabers nötig. Ursprünglich sollten die Wahlen im Herbst stattfinden. Komorowski galt dabei als Favorit. Die Kommentatoren hatten einen harten Wahlkampf zwischen ihm und dem Amtsinhaber erwartet. Die Liberalkonservativen um Tusk und Nationalkonservativen um die Kaczynski-Zwillinge wetteifern seit Jahren mit harten Bandagen um die Macht.

Merkel bekundet "Mitgefühl und Solidarität"

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In der polnischen Botschaft in Berlin trägt sich eine Frau in das Kondolenzbuch ein.

(Foto: dpa)

Staats- und Regierungschef aus aller Welt sprachen Polen ihr Beileid aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, sie habe mit großer Bestürzung von der "fürchterlichen Katastrophe" erfahren. Ganz Deutschland stehe "in dieser schweren Stunde in Mitgefühl und Solidarität" an der Seite Polens. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, die Deutschen seien "in tiefem Mitgefühl bei den Angehörigen und den Opfern der Katastrophe".

Bundespräsident Horst Köhler sprach Polen seine "tief empfundene Anteilnahme" aus. "Polen hat einen furchtbaren Verlust erlitten", sagte Köhler im Schloss Bellevue in Berlin. "Deutschland trauert mit." Kaczynski habe sein Leben lang für ein freies Polen gekämpft. Köhler betonte die "freundschaftlichen Beziehungen" von ihm und seiner Frau mit dem Ehepaar Kaczynski.

Quelle: n-tv.de, hvo/rts/AFP/dpa

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