Politik

Demos zum Gedenken an den 9. Mai Putins Schatten reicht bis nach Berlin

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Begleitet von einem Großaufgebot der Polizei zogen rund 1000 Leute vom Brandenburger Tor zum Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni.

(Foto: Volker Petersen / ntv.de)

Der 9. Mai ist ein Feiertag in Russland - an jenem Tag feiert das Land den Sieg über Nazi-Deutschland, nach immensen Opfern. Nun führt Putin Krieg gegen die ehemalige Sowjetrepublik Ukraine. Das führt auch in Berlin zu einer Zerreißprobe.

Am sowjetischen Ehrenmal im Osten Berlins sollen an diesem Montag, den 9. Mai, keine russischen Fahnen oder Flaggen wehen, das hat die Polizei so bestimmt. Doch am Vormittag flattert es gleich mehrfach blau-weiß-rot auf der steilen Treppe vor dem 30 Meter hohen Monument im Treptower Park, das so aussieht, als ob es eigentlich in Moskau stehen müsste und nicht in der bundesdeutschen Hauptstadt. Gerade hat der russische Botschafter hier einen Kranz niedergelegt und des Sieges der Sowjetunion über Hitler-Deutschland gedacht. Er und seine vielköpfige Delegation trugen alle das St.-Georgs-Kreuz am Revers, ein Ehren-Bändchen der Roten Armee, das mittlerweile auch als Putin-Bekenntnis gilt.

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Am sowjetischen Ehrenmal im Osten Berlins wehten trotz Verbots russische Fahnen.

(Foto: Volker Petersen / ntv.de)

77 Jahre ist es nun her, dass die Alliierten Nazi-Deutschland besiegten und der Zweite Weltkrieg endete. Während in früheren Jahren fast schon so etwas wie Gedenkroutine herrschte, ist in diesem Jahr alles anders. Es gibt wieder Krieg in Europa, genau dort, wo auch die Wehrmacht einst wütete. Der russische Präsident Wladimir Putin hat seine Soldaten ins Nachbarland geschickt, in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Schwerste Sanktionen sind die Folge, die Ukraine bekommt Waffen, man ist wieder verfeindet. Was macht das mit dem Gedenken?

Nicht jeder möchte an diesem sonnigen Gedenktag mit der Presse sprechen. "Es wird ja doch alles verdreht", sagt einer. "Keine Zeit" oder auch: "Nehmen Sie es nicht persönlich, Sie kriegen ja auch nur Ihre Direktiven". Sabine Donath erzählt dagegen, warum sie hier ist. "In der DDR war das eher so ein Pflichttermin", sagt sie. Aber mittlerweile sei es ihr ein Bedürfnis, zu kommen. "Weil ich seit der Wende gesehen habe, was die Amerikaner getan haben." Die hätten einen Stellvertreterkrieg nach dem nächsten geführt, so die 59-Jährige. Mit dem Krieg in der Ukraine habe ihr Kommen nichts zu tun.

"Für Putin, gegen den Krieg"

Friedrich Stoller ist eigens aus dem Raum Bremen angereist. Er und seine Frau haben sich in Fahnen gehüllt, er trägt die der Sowjetunion, seine Frau die Russlands. "Wir sind für Russland und Putin", sagen sie. "Aber gegen den Krieg." Es sei nicht gut, was da ablaufe. Seit 26 Jahren lebten sie in Deutschland, erzählt der 48-Jährige, sie durften damals wegen ihrer deutschen Vorfahren aus Russland einreisen. Dass die Ukraine ein großes Problem mit Neonazis habe, so wie es die russische Regierung behauptet, glauben sie aber schon. Und dass das Zeigen der russischen Fahnen heute hier verboten sein soll? "Die Polizei sieht es ja und sie macht nichts." In der Tat. Am Vortag hatten Beamte dagegen eine ukrainische Fahne beschlagnahmt, die ausgerollt worden war, als Botschafter Andrij Melnyk einen Kranz am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten niedergelegt hatte.

Schnell wird klar, dass es zwei verschiedene Dinge sind: des sowjetischen Sieges zu gedenken und ein Statement für Putin und den Ukraine-Krieg abzugeben. Das sieht auch Jochen Gester so. Er ist einer der Linken, die oft als Russlandversteher bezeichnet werden, was selten nett gemeint ist. Der 70-Jährige ist mit einigen Mitstreitern von der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" da, die traditionell sehr weit links steht und in Bayern als linksextrem gilt. Sie halten ein Banner hoch, auf dem es heißt: "Die Rote Armee war armenisch, aserbaidschanisch, georgisch, kasachisch, kirgisisch, lettisch, litauisch, moldauisch, russisch, tadschikisch, turkmenisch, ukrainisch, usbekisch und weißrussisch". Womit sie sagen wollen, dass eben nicht nur Russen die Nazis besiegten. Die Leistung der damaligen Sowjetunion möchten sie hier würdigen, sagt Gester.

Für Putin sei er auf keinen Fall, mit dem sympathisiere ja nur die extreme Rechte. Er stimmt aber zu, wenn man ihn fragt, ob er findet, dass die USA genauso schlimm wie Russland seien. Angefangen bei Vietnam, dann Irak, Afghanistan. Der Krieg in der Ukraine müsse zwar aufhören, meint er. Es müsse aber einen für Putin gesichtswahrenden Kompromiss geben und er sei auch gegen Waffenlieferungen. Die verlängerten den Krieg bloß. Und er teilt Putins Einschätzung, die NATO habe sich zu sehr ausgedehnt und Russland provoziert.

"Das müssen auch deutsche Linke verstehen!"

Leute wie dem Jochen Gester meint wohl Taras Salamaniuk, der ein paar hundert Meter weiter am Denkmal "Mutter Heimat" spricht, das den um ihre Söhne trauernden Müttern gewidmet ist. "Das ist etwas, das auch deutsche Linke verstehen müssen", ruft der 32-Jährige in ein Mikrofon vor ein paar Dutzend Menschen, die ihm zuhören. "Dass die Ukraine ein Selbstverteidigungsrecht hat und deshalb auch Waffenlieferungen richtig sind."

Das gefällt nicht allen. Eine grauhaarige Frau mit Krückstock versucht schimpfend zu ihm durchzukommen. "Faschist!", schleudert sie ihm entgegen, als sich mehrere Männer zwischen sie und den Sprecher mit der Brille und dem am oberen Hinterkopf zusammengebundenen Haaren stellen. Nun rücken auch andere aus der Menge nach vorn, plötzlich stehen sich zwei Reihen junger Männer gegenüber und starren sich an. Was die anwesenden Polizisten bemerken und dazwischengehen.

Gegenüber ntv.de sagt Salamaniuk, er gehöre zur "linken ukrainischen Diaspora". Es sei naiv, dass manche in Deutschland in Putin immer noch einen Verhandlungspartner sähen. Die Waffenlieferungen, aber auch die Sanktionen seien richtig. Sie seien ein pazifistisches Instrument, weil sie einen Krieg auf deutschem Boden verhinderten. "Die Leute zeigen mir Bilder vom rechtsextremen Asow-Bataillon", sagt er. "Ja, das gibt es, aber es gibt auch viele andere Bataillone." Er erzählt, dass Verwandte von ihm in Butscha gewesen seien und sich zwei Wochen in einem Keller versteckt hätten, bis sie fliehen konnten. Aber auch die Ukrainer begingen Kriegsverbrechen. Auch die müssten aufgeklärt werden, da sollte die ukrainische Regierung es besser machen als die Russen, die immer nur alles abstritten. Das Ausmaß russischer Verbrechen ist Experten zufolge aber ungleich größer.

Gedenkmarsch startet am Brandenburger Tor

Eine halbe Stunde später, gegen 11.30 Uhr, soll es die nächste Demonstration am Brandenburger Tor geben. Der Titel klingt martialischer als das, was dann tatsächlich folgt: "Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug". Gut 1000 Menschen haben sich versammelt, sie tragen Fotos von Veteranen der Roten Armee, an Stielen befestigt vor sich her. "Unsterbliches Regiment" wird diese Form des Gedenkens genannt. Umringt werden sie von Polizisten, die auf einem großen, tragbaren Display darüber informieren, dass Fahnen und Flaggen sowie Militärsymbole wie das St.-Georgs-Kreuz verboten sind. Dass auch Militär- und Marschmusik nicht gespielt werden darf.

Die meisten können wohl damit leben. Als sich der Zug wenige Minuten später in Bewegung setzt, skandieren sie auf Russisch Dinge wie "Danke Opa für den Sieg!" oder einfach nur "Hurra!" oder "Spassibo" (Danke). Dazwischen singen sie getragene Weisen in Moll, einmal erschallt kurz die russische Nationalhymne, wird aber gleich wieder abgedreht. Auch 150 Motorrad-Rocker von der russischen "Nachtwölfe"-Gang waren erwartet worden. Doch von Motorengeknatter ist nichts zu hören. Hie und da stehen aber stiernackige Typen mit breitem Kreuz und Ledermontur herum, von denen manche einen Motorradhelm im Arm halten. Außerdem läuft ein Hippie-Typ mit, der eine Gitarre umhängen hat, auf der ein Aufkleber gegen die Impfpflicht prangt.

Die Polizei ist mit einem massiven Aufgebot da. Es sähe auch nicht gut aus, wenn hier, zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, gewissermaßen dem Wohnzimmer der Bundesrepublik, dieser Gedenkmarsch zu einer Putin-Demo würde. Am Rande führen die Beamten ein Paar ab, das sich auf Deutsch lautstark über den ruppigen Zugriff der Polizisten beschwert. Oder die ältere Dame, die ein sowjetrotes Kleid trägt und von mehreren Beamten umringt wird. Offenbar sollen ihre Personalien überprüft werden.

"Was sollen diese Fragen?"

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"I stand with Russia" steht auf dem Rücken dieses Mannes am Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Junis in Berlin.

(Foto: Volker Petersen / ntv.de)

Anders als im Treptower Park sieht man hier keine russischen Fahnen, wohl aber rot-weiß-blaue Ballons oder jemand trägt ein blaues Oberteil, eine weiße Hose und eine rote Jacke. Ist das dann auch ein Verstoß gegen die Auflagen? Der Umzug ist friedlich, den meisten dürfte es tatsächlich darum gehen, ihrer Vorfahren zu gedenken. Einige alte Babuschkas sind darunter, die sich vielleicht daran erinnern, wie das das damals war, als dieser Krieg endlich vorbei war und die Nazis, die Deutschen, niedergerungen worden waren. Dank der USA, der Briten - und der Roten Armee.

Nicht nur an diesem Morgen hat Putin im fernen Moskau eine Parallele zwischen dem Kampf gegen die Nazis und gegen die Ukraine gezogen, auch wenn er Letztere mit keinem Wort erwähnte. In seiner Propaganda ist das alles das Gleiche. Dabei kämpften auch die Ukrainer in der Roten Armee gegen die Wehrmacht.

"Was sollen diese Fragen", ereifert sich eine Frau am Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni. Eine Journalistin hat sie gerade nach Putin, der Ukraine und dem Krieg gefragt. "Das sind politische Fragen, heute ist ein Feiertag! Sehen Sie, ich habe hier nicht nur eine russische, sondern auch eine deutsche Fahne, denn ich bin Deutsche!" Eine andere Frau sagt, der Tag solle neutral sein, und weist einen Mann zurecht, der ein Käppi mit einem "Stop Putin"-Sticker in Blau-Gelb trägt. Ein anderer Mann ruft ihm "Provokateur" hinterher. Einem anderen jungen Mann wirft das niemand vor. Auf seinem T-Shirt-Rücken sind die Umrisse Russlands zu sehen und darunter heißt es: "I stand with Russia".

Quelle: ntv.de

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