Politik
Dienstag, 08. März 2011

Bewältigung der Stasi-Verfolgung: "Restschmerzen" bleiben immer

Die Stasi-Haft hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Manch ein Betroffener kann Jahre nicht darüber sprechen. Andere reden ununterbrochen über die Zeit in der Zelle. Wie geht es Ex-Gefangenen heute, wie schaffen sie die "Normalität"? Eine Spurensuche im 50. Jahr des Mauerbaus.

Eine Karteikarte mit dem Stempelaufdruck "MfS" ist im Bildungszentrum der BStU-Behörde in Berlin-Mitte als Teil der Dauerausstellung "Stasi. Die Ausstellung zur DDR-Staatssicherheit" in einem Glaskasten zu sehen.
Eine Karteikarte mit dem Stempelaufdruck "MfS" ist im Bildungszentrum der BStU-Behörde in Berlin-Mitte als Teil der Dauerausstellung "Stasi. Die Ausstellung zur DDR-Staatssicherheit" in einem Glaskasten zu sehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Daphne liegt mit geschlossenen Augen unter dem Tisch. Die Mopshündin ahnt wohl schon, dass es länger dauern wird. Sie gehört zu Mario Röllig und ist überall dabei. Der schlanke Mann mit exakt kurz geschnittenem Haar ist 43 Jahre alt und sitzt in seinem Lieblingscafé "Gagarin" im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Seine neue Devise ist: das Leben genießen, Zukunftspläne machen. Noch vor zehn Jahren sei er ganz anders gewesen, erzählt Röllig. "Das Dasein war Qual, an manchen Tagen kam ich nicht aus der Wohnung. Und ich konnte mich über nichts freuen."

Nüchtern gesagt: Die Haft im Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen wirkte nach - obwohl er "nur" drei Monate eingesperrt war. Die Ärzte stellten posttraumatische Störungen fest. Er sei sprachlos gewesen. Immer wieder war er in der Psychiatrie. Der gebürtige Berliner hatte auch zweimal ersucht, sich das Leben zu nehmen. "Ich konnte nicht ertragen, dass es mir so dreckig ging."

Ex-Stasi-Häftling Mario Röllig landete nach einem Fluchtversuch im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen.
Ex-Stasi-Häftling Mario Röllig landete nach einem Fluchtversuch im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen.(Foto: dpa)

Röllig wurde 1987 in Hohenschönhausen inhaftiert, nachdem sein Fluchtversuch über Ungarn gescheitert war. Der eher unpolitische junge Mann aus der DDR wollte zu seinem Freund nach West-Berlin, den er in Budapest kennengelernt hatte. Erpressungsversuche der Leute vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Informationen über seine große Liebe zu liefern, habe er abgelehnt. Später habe sich dann herausgestellt, dass der Freund - "wie in einem schlechten Rosamunde-Pilcher-Film" - verheiratet war, erzählt Röllig freimütig. Schon in der DDR habe er sich zu seinem Schwulsein bekannt.

Wiederkehr der Vergangenheit

Nach seiner erkämpften Ausreise 1988 aus der DDR sei ihm fast alles geglückt, erinnert sich der gelernte Kellner. Barmann im Kempinski in West-Berlin, Reiseleiter, Betriebsrat und Verkäufer im berühmten Kaufhaus des Westens (KaDeWe). Am 17. Januar 1999 habe dort im Zigarrenshop ein Mann vor ihm gestanden, der Havannas kaufen wollte, erinnert sich Röllig exakt. "Es war einer meiner Stasi-Vernehmer und zwar der freundliche, der gut roch und kultiviert war." Für Sekunden habe er auf eine Entschuldigung gehofft. "Aber der hat mich nicht mal erkannt."

Röllig sprach ihn also an: "Sie waren mein Vernehmer." Die Antwort sei gewesen: "Ja, und?" Dann habe der Stasi-Mann ihn laut beschimpft, dass er zu Recht gesessen habe. "Da war mein schönes Leben zu Ende. Ich konnte nicht mehr aufhören zu schreien. Das hat mich in ein tiefes Chaos gestürzt", berichtet Röllig. Die bis dahin bestens verdrängte Vergangenheit sei zurückgekommen. Der Schock, sich nicht wehren zu können, sei wieder dagewesen. Er freut sich, dass mit Roland Jahn künftig ein einstiger DDR-Oppositioneller und Verfolgter an der Spitze der Stasi-Unterlagen-Behörde steht - "der hat ein solches Gerechtigkeitsempfinden, der wird die Aufarbeitung voranbringen".

Impertinenz im Schutze des Rechtsstaats

Blick durch das vergitterten Fenster eines Traktes der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin auf weitere Gebäude des ehemaligen Stasi-Gefängnisses.
Blick durch das vergitterten Fenster eines Traktes der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin auf weitere Gebäude des ehemaligen Stasi-Gefängnisses.(Foto: picture alliance / dpa)

Empörung über die Dreistigkeit einstiger DDR-Eliten kocht bei Opferverbänden immer wieder hoch. So marschierten jetzt Offiziere der einstigen Nationalen Volksarmee (NVA) in ihren alten Uniformen in einer Berliner Gaststätte auf und feierten die Gründung der DDR-Armee. Ewiggestrige zelebrieren auch andere Jubiläen ohne jede Scham in der Öffentlichkeit, schreiben Bücher, verhöhnen Opfer und treffen sich stramm organisiert in ihren Vereinen - alles im Schutze des Rechtsstaats. Viele Spitzenfunktionäre finden bis heute, dass sie nichts Unrechtes getan haben.

Dass er aus dem dunklen Loch herausgefunden habe, liege auch an dem Theaterprojekt "Staats-Sicherheiten", sagt Röllig, der heute von einer Erwerbsunfähigkeits-Rente lebt. 15 frühere Häftlinge haben 2008 ihr Schicksal auf die Bühne gebracht. Sie sind die Darsteller in dem Stück, das nach einem Konzept von Lea Rosh und Renate Kreibich-Fischer entstand und bei dem Regisseur Clemens Bechtel Regie führt. Die Ex-Gefangenen sind damit nicht nur in Potsdam oder Magdeburg aufgetreten, sondern auch in Düsseldorf und Heidelberg. Etwa 30 Auftritte gab es bislang.

Der Berliner Professor Christian Pross untersucht das Theater-Projekt zusammen mit Lea Hermann in einer wissenschaftlichen Studie. "Das ist ein einmaliges Experiment, mit dem Betroffene einen Teil ihrer Geschichte loswerden können - und sie erfahren späte Anerkennung durch die Gesellschaft", sagt der Mediziner und Traumatologe. Pross, der nach dem Mauerfall in Berlin die Behandlung von Stasi-Opfern aufgebaut und jahrelang selbst Betroffene betreut hat, spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitungsexperiment.

Lähmende Erinnerungen

Auch die Schauspielerin Katrin Sass wurde von ihrer damaligen besten Freundin bespitzelt. Das sei "einStich ins Innerste" gewesen, "das Gefühl wird man nie mehr los", sagt sie.
Auch die Schauspielerin Katrin Sass wurde von ihrer damaligen besten Freundin bespitzelt. Das sei "einStich ins Innerste" gewesen, "das Gefühl wird man nie mehr los", sagt sie.(Foto: picture alliance / dpa)

Bei einigen Stasi-Verfolgten sei die soziale Kompetenz bis heute eingeschränkt, sie fühlten sich als isolierte Minderheit, sagt Pross. "Das anklagende Leiden hält sie fest", während es vielen Stasi-Leuten mit abgesicherten Renten gut gehe - ohne Unrechtsbewusstsein. Die Stasi habe Karrieren zerstört, frühere Häftlinge lebten zum Teil von Sozialhilfe, einige seien "nie wieder richtig auf die Beine gekommen".

Lähmende Panik- und Angstattacken könnten auch mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall durch eine laut ins Schloss fallende Tür ausgelöst werden. Manche würden keine dunklen Räume ertragen, andere suchten sich stets einen Platz mit dem Rücken zur Wand. "Das kommt immer wieder, obwohl man es unterdrücken will", weiß der Traumatologe. Die Haft-Erlebnisse würden zwar auch durch Theaterspielen nicht schwinden - aber es könne gelingen, sie abzukapseln.

Schwierigkeit, den Frieden zu finden

Etwa 25 bis 30 Prozent der früheren Häftlinge würden unter posttraumatischen Störungen leiden, erläutert der Professor. "Wer nicht politisch aktiv wurde, hatte es schwerer." Viele Bürgerrechtler hätten ihre Wut und Ohnmacht über die Haft dagegen regelrecht "abgearbeitet" und so für sich das Blatt gewendet. Bei anderen seien die Wunden erst nach einer Scheidung oder dem Tod eines Angehörigen aufgebrochen.

Mario Röllig formuliert es so: Seitdem er auf der Bühne stehe, werde ihm außerhalb der Gedenkstätte für die Stasi-Opfer, wo er als Zeitzeuge Besucher führt, richtig zugehört. Doch perfekt sei sein Leben noch lange nicht. Die Schwankungen zwischen Zuversicht und Bitterkeit seien geblieben. "Aber es ist jetzt nicht mehr so leicht, mich aus der Bahn zu werfen."

Und er hat Daphne. "Wir sind eine Notgemeinschaft", sagt Röllig. Mit der aus einer Notlage geretteten Hündin habe er Verantwortung übernommen. "Ich musste aus dem Haus gehen, obwohl ich mich lieber verkriechen wollte." Daphne - den Namen verdankt das Tier Rölligs Leidenschaft für die Komödie "Manche mögen's heiß" - geht auch mit, wenn Röllig in Schulen über seine Vergangenheit spricht. "Manchmal kann ich das Interesse über das Tier wecken."

"Haftmacken" habe er bis heute, bekennt er. Manchmal kontrolliere er sich nachts, ob er gerade auf dem Rücken liege - so wie es in Hohenschönhausen Vorschrift war. Und nur wegen seines Partners sei er wieder in den Osten Berlins gezogen. Er habe überall Spitzel vermutet. Der Hass sei seine Abwehrstrategie in der Haft gewesen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Der ehemalige Stasi-Häftling Gilbert Furian blickt durch die Türklappe einer Zelle in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Der ehemalige Stasi-Häftling Gilbert Furian blickt durch die Türklappe einer Zelle in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.(Foto: dpa)

Der 66 Jahre alte Gilbert Furian hat einen anderen Weg gefunden. Der gebürtige Sachse aus Görlitz wurde 1985 verhaftet und saß sieben Monate im Stasi-Knast Hohenschönhausen, danach in Cottbus, bevor er von der Bundesrepublik freigekauft und in die DDR entlassen wurde. Heute führt er immer montags Besucher durch die authentische Berliner Gedenkstätte und berichtet von seiner Haft. Dem exmatrikulierten Philosophie-Studenten, der auch nicht Dolmetscher werden durfte, waren Interviews mit DDR-Punks zur Last gelegt worden. Er wollte die Broschüre mit Hilfe seiner Mutter in den Westen schmuggeln, die Rentnerin wurde erwischt. Seine Aufzeichnungen würden den Interessen der DDR schaden und die gesellschaftliche Ordnung herabwürdigen, hieß es in seiner Anklage.

Nach dem Mauerfall habe er seinen Stasi-Vernehmer in einem Berliner Kaufhaus zufällig getroffen, sagt Furian so, als würde er übers Wetter plaudern. "Es war so symbolisch: ich fuhr die Rolltreppe rauf - er runter." Der Major habe ihn dann begrüßt wie einen alten Bekannten: "Gilbert!". Und: der Stasi-Funktionär habe sich bei ihm entschuldigt. "Das hat es so oft nicht gegeben - ich bin eben ein Sonderfall", sagt Furian.

Er sei 1990 von der letzten, frei gewählten Volkskammer rehabilitiert worden. "Das war befriedigend und viel wichtiger als ein bisschen Haftentschädigung", findet der aktive Rentner. Seine Erkenntnis: Man kann nicht alles in Geld umrechnen. Aber "Restschmerzen" über die Vergangenheit seien auch bei ihm geblieben.

Kontakt zu dem Stasi-Major habe er noch heute, sagt Furian. Er rufe seinen einstigen Vernehmer auch an, wenn er ein Detail aus der Haft nicht mehr richtig erinnert, das dann bei den Führungen fehlt. "Anfangs war es meine subtile Form der Rache: Ich habe gefragt und er musste antworten." Der Stasi-Mann habe eingestanden, dass er schwere Schuld auf sich geladen habe - "das war für mich entscheidend", sagt Furian freundlich. "Vielleicht ist es eine Charakterfrage, aber ich habe keine Berührungsängste und bin eher versöhnlich."

Mit Abstand betrachtet

Blick durch eine Gittertür in der früheren Stasi-Haftanstalt in der Andreasstraße in Erfurt: Seit den 50er Jahren hatte das MfS hier Verdächtige in U-Haft gebracht und verhört.
Blick durch eine Gittertür in der früheren Stasi-Haftanstalt in der Andreasstraße in Erfurt: Seit den 50er Jahren hatte das MfS hier Verdächtige in U-Haft gebracht und verhört.(Foto: picture alliance / dpa)

Die meisten Stasi-Leute seien für ihn "armselige alte Männer, die ihre Lebenslügen aufrechterhalten wollen". Furians Haltung zu den Vertretern der alten DDR-Macht - die Stasi verstand sich als Schild und Schwert der SED-Partei - sind bei anderen Ex-Häftlingen umstritten. Auch seine Frau beäuge die Kontakte zu dem früheren MfS-Major misstrauisch. "Das ist schon krankhaft, wie normal du mit ihm umgehst", sagt sie zu ihm.

Auch Furian spielt in dem Stück "Staats-Sicherheiten" mit. "Das ist wunderbar - schon der Duft der Bühne erinnert mich auch an meine Jugend, als ich Kleindarsteller am Görlitzer Theater war." Die Arbeit an dem Stück habe zusammengeschweißt. Jetzt sei im Gespräch, entgegen bisheriger Planung das Stück weiter aufzuführen. Er wäre dabei.

Quelle: n-tv.de