Politik

FDP feiert ihren neuen Chef Röslers schöne neue Welt

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Acht Minuten Applaus für den neuen Hoffnungsträger.

(Foto: dapd)

Leise, humorvoll, intelligent und anschaulich: FDP-Chef Rösler begeistert den Parteitag in Rostock mit einem großen Versprechen. Die FDP werde "auf alle Alltagsprobleme der Menschen liberale Antworten haben". Familien, Arbeitnehmer, Alleinerziehende - Rösler zeichnet ein Gegenbild zu Westerwelle. "Du hast der FDP aus der Seele gesprochen", lautet die dankbare Reaktion.

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Arbeiter hängen in der Rostocker Messehalle ein Transparent mit dem Konterfei des neuen Parteichefs auf.

(Foto: REUTERS)

"Da gibt es dieses Experiment mit dem grünen Frosch", erzählt Philipp Rösler. "Wenn man ihn in heißes Wasser setzt, hüpft er sofort wieder raus. Nimmt man aber kaltes Wasser und beginnt langsam die Temperatur zu erhöhen, merkt er es nicht, und wenn der Frosch es merkt, ist es bereits zu spät." Der FDP-Chef blickt kurz von der Bühne in den Saal. "So viel zum netten Herrn Rösler", sagt er. Beifall, laute Lacher. Rösler genießt die gelungene Pointe aber nur kurz. "Die Freiheit stirbt scheibchenweise", fährt er fort. "Deshalb werde ich jedem Versuch, der Freiheit ein Scheibchen abzuschneiden, vehement entgegentreten", ruft Rösler jetzt in die Rostocker Messehalle. Die Delegierten brechen in lauten Beifall aus.

Es ist die Anekdote vom Frosch, die alle rhetorischen Qualitäten des neuen FDP-Chefs vereint. Anschaulich, unterhaltsam, und doch mit ernstem, intellektuellem Hintergrund bringt Rösler seine Vorstellungen von Liberalismus und Freiheit unter die rund 600 Delegierten seiner Partei. Das ist die FDP seit mindestens zehn Jahren nicht gewohnt - ein echter Neuanfang, zumal Rösler in seiner Antrittsrede als Parteichef einen stilistisch vollständigen Bruch mit seinem Vorgänger Guido Westerwelle vollzieht.

Der Anti-Westerwelle

Rösler erzählt den Liberalismus so, wie ihn sich die FDP-Anhänger wünschen. Da geht es nicht um Steuervereinfachungen für die Hotelbranche oder eine Gesundheitsreform auf Kosten der Versicherten. Themen, denen der Geruch von Klientelismus anhaftet. Nein. Rösler spricht über ein liberales Lebensgefühl, die schleichende Bedrohung von Freiheit und der Lebenswirklichkeit der Menschen, der er sich wieder annähern und annehmen will. Der neue FDP-Chef reitet nicht auf Steuersenkungen herum, sondern spricht über die Probleme von Familien, Alleinerziehenden, Arbeitnehmern und Mittelständlern. Und das ganze ohne sein Ego in den Vordergrund zu stellen, zurückhaltend und selbstironisch. Rhetorisch ist Rösler ein Anti-Westerwelle.

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Westerwelles Erben: Generalsekretär Lindner, Parteichef Rösler.

(Foto: dapd)

Sein Vorgänger war stets betont laut, schrie seine Botschaften hinaus. Bei Rösler sollte man immer genau hinhören, wenn er ganz leise wird. An wichtigen Stellen seiner Rede spricht der FDP-Chef so leise, dass die Zuhörer ihre Ohren ordentlich spitzen müssen und auch das letzte Gemurmel in den Reihen der Delegierten verstummt. "Was heißt Freiheit?", flüstert Rösler auf der Bühne ins Mikrofon. "Dass jeder die Möglichkeit hat, seinen Traum zu verwirklichen." Er wisse nicht, wie der Traum jedes Einzelnen aussehe, fährt er leise fort und hebt dann seine Stimme an: "Es geht uns Liberale überhaupt nichts an, wie der Lebensentwurf der Menschen aussieht." Der Beifall unter den Delegierten ist wieder laut. Rösler Vorstellungen von Freiheit treffen die Seele der Partei.

"Ab heute wird die FDP liefern"

Anfangs stolpert der Vorsitzende noch etwas in seine Rede, es sind zuerst Pflichtteile, die er absolvieren muss. Der Dank an Westerwelle, an Brüderle, das schlechte Abschneiden der FDP bei den vergangenen Landtagswahlen, der Vertrauensverlust. "Leider haben wir, auch aus Rücksicht auf den Koalitionspartner, notwendige und dringende Projekte zurückgestellt", lautet Röslers Analyse. "Vielleicht auch wegen Landtagswahlen", gibt er selbstkritisch zu. Die Menschen wollten Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Entschlossenheit. Die Menschen wollten Ergebnisse. "Und ich verspreche Ihnen: Ab heute wird die FDP liefern." Da bricht das erste Mal großer Jubel aus im Saal. Es ist ein großes Versprechen. Eines, das die Partei braucht. Aber auch eines, an dem sich Rösler messen lassen muss.

Dann beweist Rösler, dass er das große Lied der Freiheit nicht nur singen, sondern es auch alltagstauglich verpacken kann. Etwa, wenn es um eine bürokratische Verordnung aus Niedersachsen geht, die Bäckereien mit Sitzplätzen Toiletten vorschreibt, Bäckereien mit Stehtischen aber nicht. "Die Frage ob Sie auf Toilette gehen wollen, hat nichts damit zu tun, ob Sie stehen oder sitzen, sondern, wie viel Kaffee Sie trinken", sagt Rösler und verweist auf den gesunden Menschenverstand. "Je mehr gesunden Menschenverstand es gibt, desto weniger Gesetze und Verordnungen braucht es." Rösler hat die Verordnung als niedersächsischer Minister natürlich abgeschafft. So gefällt es der Partei - Problem benennen und beseitigen. In der Bundesregierung hat das bislang nicht geklappt.

Das alte Lied wird auch gesungen

Das verspricht Rösler zu ändern. Er kündigt der CSU Widerstand bei der Einführung von Grenzkontrollen an, pocht auf die Befristung von Sicherheitsgesetzen und wärmt auch das alte Lied der Steuersenkungen wieder auf. Immerhin gibt er dabei zu, dass der Vertrauensverlust der FDP auch daher kommt, dass die Liberalen bei Regierungsantritt 2009 nicht erkannt hätten, dass es keine Spielräume für ihre Entlastungswünsche gab. "Aber wenn Wolfgang Schäuble sagt, dass kein Geld für Steuersenkungen vorhanden ist, soll er auch den Unionskollegen sagen, dass es kein Geld für mehr Ausgaben gibt", ruft Rösler und zeigt damit dem Koalitionspartner, dass er kampfbereit ist. Und kündigt an, dass das Thema nicht vom Tisch sei. "Die Spielräume werden jetzt größer, liebe Freunde von der Union." Die FDP bleibt Steuersenkungspartei.

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Rösler umarmt Amtsvorgänger Westerwelle.

(Foto: REUTERS)

Doch schlägt Rösler inhaltlich auch völlig neue Töne an, wie man sie von der FDP nicht gewohnt ist. Es geht um anstehende Wahlen, darum, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen. Wie das gehen soll? "Indem wir uns auf die Lebenswirklichkeit der Menschen und ihre Alltagssorgen konzentrieren", erklärt der Vorsitzende. Und spricht plötzlich über die Probleme von Alleinerziehenden, Schulwechsel zwischen Bundesländern, die Pflege von Familienangehörigen und die Betreuung von Kindern. Da wird Rösler ganz persönlich, weil seine Schwiegermutter Ruth ebenso in Rostock in der Halle sitzt wie die 93-jährige Großmutter Klärchen, die sich um die Kinder des FDP-Chefs kümmern. Familien, Alleinerziehende, Rentner: "Wir stehen in der Verantwortung, diesen Menschen ein Angebot zu machen. Wir sind die Partei der Mitte." Geschickt hat Rösler das mit seinem eigenen Leben verbunden. Das schafft ein bisschen mehr Glaubwürdigkeit.

Europa, der politische Gegner, Integration, Fachkräftemangel und Digitale Welt - Rösler macht den Rundumschlag und redet dabei viel über Freiheit und das liberale Lebensgefühl, das Millionen von Menschen in Deutschland teilen würden. "Es gilt, diese Menschen für die FDP zu begeistern", sagt Rösler. "Gemeinsam können, gemeinsam werden wir es schaffen", ruft er in den einsetzenden Beifallssturm der Delegierten hinein. Neun Minuten lang feiern sie ihren neuen Vorsitzenden. "Super", "sehr gut", heißt es in ihren Reihen. "Genau der richtige Ton", sagt ein Anhänger aus Brandenburg. "So können wir verlorenes Vertrauen wiedergewinnen", meint ein anderer aus Sachsen. "Du hast der FDP aus der Seele gesprochen", beglückwünscht ihn der Tagungspräsident. Gesprochen hat Rösler, nun muss er liefern.

Quelle: n-tv.de

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