Politik

"Seine Zeit ist einfach vorbei" SPD verzichtet auf Grass' Hilfe

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Günter Grass vor seinem Atelier in Behlendorf.

(Foto: dpa)

Kunst soll berühren und aufrühren. Davon kann Literaturnobelträger Grass ein Lied singen. Sein neuestes Gedicht polarisiert: Die Friedensbewegung dankt dem Dichter, die meisten Politiker kritisieren ihn. Führende Sozialdemokraten wollen künftig auf Grass' Wahlkampfhilfe verzichten und Israel versperrt ihm sogar die Tür.

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Auf dem Campus der Göttinger Universität.

(Foto: dapd)

Führende SPD-Politiker wollen künftig auf Wahlkampfhilfe von Literaturnobelpreisträger Günter Grass verzichten. Mit Grass' umstrittenen Gedicht zu Israels Atompolitik habe sich "die Frage von künftigen Wahlkampfunterstützungen für die SPD erledigt", sagte einer der Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Christian Lange, der "Welt".

Ähnlich äußerte sich der SPD-Politiker Reinhold Robbe. "Ich möchte Grass nicht mehr in einem Wahlkampf für die SPD erleben", sagte er dem Blatt. Grass habe sich mit seinen jüngsten Äußerungen zwischen sämtliche Stühle gesetzt. "Wahlkampfaktionen mit Grass würden viele Sozialdemokraten jetzt als Provokation und nicht als Unterstützung empfinden." Davon abgesehen gelte mit Blick auf Grass: "Seine Zeit ist einfach vorbei."

Auch der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose sagte dem "Hamburger Abendblatt", Parteichef Sigmar Gabriel müsse entscheiden, ob Grass etwa im Bundestagswahlkampf 2013 für die Partei werben solle. Grass wollte sich bislang nicht zur Debatte um sein jüngstes Gedicht äußern.

Grass machte seit Jahrzehnten Wahlkampf für die SPD. In den 1960-er Jahren hatte er sich leidenschaftlich für die Wahl des Sozialdemokraten zum Kanzler eingesetzt.

Friedensinitiative lobt Grass

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Bei der Abschlusskundgebung der traditionellen Ostermärsche in Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Der Streit um Grass' Israel-Kritik hat auch die diesjährigen Ostermärsche der Friedensbewegung geprägt. Auf den Kundgebungen gab es viel Zustimmung zur Haltung von Grass, wonach es kein Recht auf präventive Militärangriffe gebe. Dass Israel gegen Grass ein Einreiseverbot verhängt habe, sei ein "unmögliches Verfahren", sagte der Sprecher der Infostelle Ostermarsch, Willi van Ooyen. Das Netzwerk Friedenskooperative erklärte, in der Intervention von Grass liege die Möglichkeit für einen Ideenwettbewerb um eine friedliche Lösung des Atomkonflikts mit dem Iran.

Israel gerät selbst in die Kritik

Israel hatte mit einem Einreiseverbot auf das umstrittene Gedicht reagiert und ist damit selbst in die Kritik geraten. Innenminister Eli Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei erklärte den Literaturnobelpreisträger nach dessen Israel-Kritik zur Persona non grata. Die israelische Zeitung "Haaretz" nannte dies "hysterisch" und eine "Überreaktion".

Der israelische Historiker Tom Segev sprach von einem "absolut zynischen und albernen Schritt des Innenministeriums". Segev sagte dem "Spiegel", die Motivation des Ministers zu diesem Schritt sei der Versuch, "seine politische Zukunft zu sichern". Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, kritisierte das Einreiseverbot als übertrieben und populistisch. "Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht", sagte er in den ARD-"Tagesthemen". "Er betreibt Innenpolitik. Ich halte das für falsch."

Der Nobelpreisträger behauptet in seinem Gedicht "Was gesagt werden muss", dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne. Er wirft Israel vor, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte in Berlin, sie finde es schade, dass Israel so reagiert habe: "Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass."

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Grass selbst hat sich noch nicht zu der Debatte geäußert.

(Foto: dapd)

"Die Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen und wird dem Thema nicht gerecht", sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, dem "Handelsblatt". Der SPD-Fraktions-Vize Gernot Erler nannte das Einreiseverbot im "Tagesspiegel" falsch und kontraproduktiv. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, sagte dem "Handelsblatt": "Das ist unsouverän und demokratisch nicht klug." Von einem "mittelalterlichen Bann" sprach der außenpolitische Sprecher der Linke-Bundestagsfraktion, Jan van Aken.

Das Auswärtige Amt wollte sich zu dem Einreiseverbot nicht äußern. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nannte es in der Tageszeitung "Die Welt" völlig überzogen.

Diskussion in der Szene führen

Die Hamburger Autorenvereinigung rief dazu auf, die Auseinandersetzung in der Literaturszene zu führen. "Hier geht es um die Freiheit der Kunst, die ein Charakteristikum demokratisch verfasster Staaten ist", sagte Sprecher Peter Schmidt. "Und die sollte auch gelten, wenn ein Kunstwerk nur mit mühevoller Vorstellungskraft und Verwendung von geistigen Gehhilfen als solches wahrnehmbar ist."

Israel reagiert "hysterisch"

Israels Innenminister Jischai sagte, das Gedicht habe darauf abgezielt, "das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen". Grass wolle so "die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat". Jischai sagte im israelischen Rundfunk sogar, man müsse dem 84-jährigen Grass nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman sagte, die Äußerungen von Grass seien ein Ausdruck des Zynismus. Dagegen schrieb die Zeitung "Haaretz": "Grass, ein Literaturnobelpreisträger, hat nicht mehr getan, als ein Gedicht zu schreiben. Der Staat Israel hat durch seinen Innenminister auf hysterische Weise reagiert."

Kritik aus Politik und Kultur

In Deutschland ging die Kritik an dem 84-Jährigen Schriftsteller weiter. In einem Beitrag für die "Bild am Sonntag" schrieb Außenminister Guido Westerwelle (FDP): "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd." Iran habe das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie. Es habe aber nicht das Recht auf atomare Bewaffnung. "Wer die davon ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigert sich der Realität." Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Philipp Mißfelder, forderte Grass im "Tagesspiegel" auf, sich für seine Kritik an Israel zu entschuldigen.

Auch Schriftstellerkollegen kritisierten Grass: Rolf Hochhuth schrieb von Scham, Daniel Jonah Goldhagen warf Grass vor, er bediene Klischees und Vorurteile. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei. "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil", sagte Reich-Ranicki, der als polnischer Jude nur knapp der Deportation in die deutschen Vernichtungslager entging. In der "Welt am Sonntag" verteidigte der Schriftsteller Wolf Biermann Grass "im Namen der Meinungsfreiheit", sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als "literarische Todsünde".

Applaus aus Teheran

Der Iran lobte Grass in höchsten Tonen. "Dieses Gedicht wird zweifellos dazu beitragen, dass auch das schlafende Gewissen des Westens nun aufweckt wird", schrieb der iranische Vizekultusminister Dschawad Schamghadri dem 84-Jährigen in einem Brief, der von der Nachrichtenagentur Mehr veröffentlicht wurde.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/AFP/rts

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