Politik

Wochen des Bangens für Familie Schalit-Austausch zieht sich hin

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Ein Wandgemälde von Gilad Schalit im Gazastreifen.

(Foto: AP)

Jubel in Palästina, geteiltes Echo in Israel, Hoffnung im Westen: Die Nachricht vom Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas bringt Bewegung in den Nahost-Konflikt. Doch es wird wohl noch Wochen dauern, bis der israelische Soldat Gilad Schilat zu seiner Familie zurückkehrt.

Israel und die im Gazastreifen herrschende Hamas hatten sich nach Jahren geduldiger Vermittlung Deutschlands und Ägyptens überraschend flexibel gezeigt und auf einen Gefangenaustausch verständigt. Demnach lässt die Hamas den vor mehr als fünf Jahren in den Gazastreifen entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit frei. Im Gegenzug entlässt Israel rund 1000 inhaftierte Palästinenser aus den Gefängnissen. Mit dem Austausch werden auch Erwartungen an Fortschritte im Nahost-Friedensprozess verknüpft.

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Noam Schalit zeigt am 02. August 2010 vor seinem Protestzelt in der Nähe von Netanjahus Residenz auf die Zahl 1500 - damals befand sich sein Sohn 1500 Tage lang in der Gewalt der Hamas.

(Foto: dpa)

Über den Verlauf des Austausches gibt es abweichende Angaben. Ein hochrangiger ägyptischer Beamter hatte behauptet, Gilad Schalit sei angeblich schon in Ägypten. Aus Sicherheitskreisen in Kairo wurde dies jedoch dementiert.

Der Beamte, der sich in der Sinai-Stadt Al-Arisch aufhielt, erklärte, die Ägypter hätten am Dienstagabend am Grenzübergang Rafah ein Auto mit getönten Scheiben über die Grenze in den palästinensischen Gazasstreifen geschickt. Dieses sei kurz darauf mit Schalit nach Ägypten zurückgekehrt. Der Mann sei anschließend nach Kairo gebracht worden. Das Fahrzeug sei von niemandem bemerkt worden, da zu diesem Zeitpunkt fast ganz Ägypten vor dem Fernseher saß, um das Finalspiel der ersten ägyptischen Fußball-Liga anzusehen.

Wahrscheinlicher scheint es, dass Schalit nicht so rasch wie von vielen erwartet in die Heimat zurückkehren wird. Arabische Medien hatten immer wieder von zwei Schritten berichtet. Die erste Phase des Gefangenaustauschs soll am Montag beginnen. Dann würden 450 in israelischen Gefängnissen inhaftierte Männer und 27 Palästinenserinnen zum Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen gefahren, sagte der Sprecher der Organisation Volkswiderstandskomitee (PRC), Abu Attaya. Zeitgleich werde der Israeli Schalit über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten gebracht. In einem weiteren Schritt sollten binnen zwei Monaten 550 weitere militante Kämpfer freikommen. Bei jedem bisherigen Austausch zwischen Israel und arabischen Gruppen vergingen nach der Einigung noch Wochen.

Einigung mit Blick auf Iran

Die Einigung zum Austausch der Gefangenen, gegen die sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu früher gewehrt hatte, habe auch mit Iran zu tun, kommentierte die Zeitung "Jediot Achronot". "Dies wird den nationalen Konsens stärken und das Ansehen des Ministerpräsidenten im Vorfeld der kommenden Herausforderungen verbessern." Im kommenden Jahr soll auch ein Raketenabwehrsystem einsatzbereit sein, mit dem sich Israel vor möglichen iranischen Raketenangriffen zu schützen hofft.

Für Netanjahu dient der Geiselaustausch nicht zuletzt seinem Prestige. "Ich habe mein Versprechen gehalten und bringe Ihren Sohn und Enkel zurück", sagte Netanjahu der Familie Schalits. "Die Freude ist unbeschreiblich", jubelte Gilads Mutter Aviva, nachdem das israelische Kabinett der Vereinbarung zugestimmt hatte. "Wir werden mit großem Bangen die Woche oder zehn Tage warten, bis Gilad zurückkommt."

"Es ist das beste Abkommen, das wir in diesen stürmischen Zeiten im Nahen Osten erzielen konnten", meinte Netanjahu. Nach stundenlangen Debatten hatte das israelische Kabinett den Handel in der Nacht zum Mittwoch mit großer Mehrheit abgesegnet. 26 Minister stimmten dafür und drei, darunter Außenminister Avigdor Lieberman, dagegen, wie das Büro des Regierungschefs mitteilte.

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Im Gazastreifen feiern Palästinenser die angekündigte Rückkehr der Gefangenen.

(Foto: AP)

De Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas wecken Hoffnungen auf ein Ende der Blockade bei den Friedensgesprächen. Die deutsche Regierung begrüßte den Austausch. "Für die gesamte Bundesregierung ist jetzt das Allerwichtigste, dass Gilad Schalit endlich freikommt", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Einzelheiten zur deutschen Vermittlung wollte er nicht erläutern. Auch der Bundesnachrichtendienst (BND), der längere Zeit zwischen der Hamas und Israel vermittelt hatte, wollte nichts sagen.

Nach Bekanntwerden des Gefangenenaustauschs feierten im Gazastreifen tausende von Palästinensern spontan auf den Straßen und schwenkten grüne Hamas-Flaggen. Auch Palästinenserpräsident Abbas begrüßte die Vereinbarung. Sein Minister für die Belange palästinensischer Flüchtlinge, Issa Karake, kritisierte den von Hamas ausgehandelten Austausch jedoch. "Hamas hätte einen besseren Handel vereinbaren können", sagte der Politiker.

Kommt Barghuti frei?

Angaben palästinensischer Vertreter, wonach auch Marwan Barghuti, der Anführer der zweiten Intifada, auf der Häftlingsliste-Liste steht, wurden von israelischer Seite dementiert. Weder Barghuti noch der Generalsekretär der Volksfront zur Befreiung Palästinas, Ahmed Saadat, würden freigelassen, sagte der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes, Joram Cohen. Barghuti war im Jahr 2004 von einem israelischen Gericht zu fünfmal lebenslänglich verurteilt worden. Immer wieder ist er als möglicher Nachfolger von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Gespräch.

Schalit war am 25. Juni 2006 am Rande des Gazastreifens von einem palästinensischen Kommando verschleppt worden. An der Aktion waren drei Palästinensergruppen, darunter die Hamas, beteiligt. Im Jahr 2009 waren Verhandlungen zur Freilassung des Soldaten unter deutscher und ägyptischer Vermittlung fast zum Abschluss gekommen. Doch hatten sich die beiden Seiten letztlich nicht darauf einigen können, welche palästinensischen Häftlinge im Austausch für Schalit, der auch die französische Staatsangehörigkeit besitzt, freikommen sollten. Der 25-Jährige war der letzte lebende israelische Soldat in den Händen militanter arabischer Gruppen.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP

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